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Neue Nationalzeitung · 1911-12-01 · Heft 24 (1.12.1911) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 24 (1.12.1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 24 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. M. Spektor: Der Taufzettel.*) Skizze aus dem russischen jüdischen Leben. L Ein trostloses Wetter! Schon drei Tage fiel dieser dünne«, feine, nadelspitze Regen in eintönigem Rythmus ohne Aufhören. Seine Trostlosigkeit und Beharrlichkeit ging einem beinahe in die Glieder, denn — er durchdrang die Kleider, auch wenn man sich durch einen Schirm gegen ihn zu schützen suchte. Dann troff er von da wie von einem Dache herunter, benetzte das Gesicht und schlich sich in den Nacken. So war denn in diesen Tagen der Boden unseres podolischen Städtchens mit seiner schwarzen, fruchtbaren Erde, die Juden aber nicht bepflanzen und ackern dürfen, ganz aufgeweicht. Doch sie haben ein Recht, die schmutzigen Pfützen, die sich da bei solchem Wetter in besonders grosser Menge ansammeln, nun auch mit kalten Füßen, unter Krächzen, Husten und Seufzen zu durchwaten. All' diese Geräusche werden durch das eigentümliche Pfeifen der aufgeweichten Röhrenstiefel begleitet und dieses Gemisch ergibt eine düstere Melodie für den trüben, verregneten Tag. . . Es will gar nicht anders werden. Unaufhaltsam tropft der Regen aus den Wolken hernieder. Die Pfützen spritzen auf. Man weiß schließlich nicht, ob es von oben herabrinht oder von unten herauf spritzt . . . Dabei ist der Himmel ganz grau, die Luft vom Nebel durchsetzt..... Vom Fenster ihres Häuschens blicken Marek Lewinstein und seine junge Frau in das trübe Einerlei des trostlosen Tages in der engen Gasse. Sie sehen den Regen bmdfadendünn die Luft durchschneiden, sehen, in sich zusammengekauert, in die Laken tappend, die Menschen hin- und hergehen, die mit ihren plumpen Tritten die Wand und die Fenster ihres niedrigen Häuschens bespritzen. Dies ganze Bild . . . der leise an die Scheibe schlagende Regen, der Schmutz im Gäßchen, die in sich zusammengezogenen Gestalten machten auf sie einen eigentümlichen, herzbeklemmenden Eindruck, der ihnen beiden einen Seufzer abringt. Marek Lewinstein unterbricht das melancholische Schweigen, indem er an seine Frau die Frage richtet: „Was wird mit uns und unseren beiden Kindern werden?" Marek wartet vergebens auf eine Antwort. Rachel schweigt. Aber in ihren schönen, schwarzen, jüdischen Augen steigen Tränen auf und ein Seufzer entringt sich ihrer Brust. . . . Da kommt das Dienstmädchen mit verdrießlicher Miene herein und sagt, daß eine arme Jüdin mit einem Kind in die Küche gekommen sei. Sie habe ihr die ganze Diele schmutzig gemacht. Den ganzen Tag könne sie sich am Waschen halten, es wird doch immer wieder Schmutz hereingetragen. Rachel beruhigt sie und befiehlt ihr, der Armen etwas zum Essen zu geben. Dann fragt sie ihren Mann, ob er etwas Kleingeld habe. Der sucht lange in den Taschen herum und gibt dem Mädchen ein paar Kopeken für die Bettlerin. In seiner verdrießlichen, trüben Stimmung will er sich etwas Luft machen. . . . „Sich hier in dem schmutzigen Nest hinsetzen zu müssen, um die paar Kopeken als Almosen aufzuteilen. . . . Das ist hier meine Beschäftigung! Diese Leute hier! Es ekelt mich vor ihnen und ich bin hier der reiche Mann. Gott sei's geklagt! . . . Und was wird's dann geben, wenn wir unsere letzte Kopeke aufgezehrt haben?! Wenn wir nichts mehr haben, um aus diesem Schmutzwinkel herauszukommen?! . . . Ich will es gar nicht ausdenken! . ." „Warum quälst du mich schon wieder, Marek?" „Vergib mir, meine Liebe! Aber du weißt es ja, wie die Sorgen an mir zehren, wie mich der Gedanke an die Zukunft keinen Augenblick in Ruhe läßt. . . . Die Sorge spricht aus mir, ohne daß ich es will. ._. ." „Ich bin dir nicht böse; du bist ja nicht schuld an allem. Du kannst tun, was du willst . . . doch rede mir nie von dem . . . von ... du weißt es ja, was ich meine ... das kann ich nicht . . . nie werde ich es über mich bringen . . . nie könnte ich das ertragen . . . ." ,,S' ist gut! S' ist gut!" In ihrer Bewegung sind sie beide vom Fenster weggetreten und setzen sich dann an den Tisch, auf welchem der brodelnde Samowar steht. . . . II. Marek Lewinstein wohnte erst seit einem Jahre hier im Städtchen. Weder Geschäfte noch eigener Wille führten ihn aus Petersburg hierher, wo er zehn Jahre lang gewohnt hatte. Dort hatte er sich als Advokat einen Namen gemacht. Die Kaufleute und Händler hielten sehr viel von Marek „Pawlowitsch", wie sie ihn zu rufen pflegten. Seiner Tüchtigkeit und Pünktlichkeit vertraute man allenthalben und so erhielt er die Vertretung in großen Prozessen, obwohl er noch nicht bestätigt war. Mit der Zeit konnte er sich einer ziemlich umfangreichen Klientel rühmen und brauchte auch absolut nicht über knappe Verdienste zu klagen. Als Marek Lewinstein ein gutes Auskommen hatte, heiratete er Rachel, die schöne, schwarzäugige Rachel. Sie war aus gutem, frommem, jüdischem Hause. Und daran vergaß sie auch nicht in ihrer Ehe, obwohl Marek Freidenker war. Aber er hatte sie zu lieb, um sie in ihrem religiösen Gefühle irgendwie zu beeinflussen. Und so nahmen auch die jüdischen Bekannten ihres Mannes Rücksicht auf sie und rauchten nicht an Samstagen in ihrer Gegenwart, weil sie allgemein geschätzt wurde, und man ihr Verdruß ersparen wollte..... Rachel wurde Mutter zweier Kinder und so lebten sie glücklich dahin. Aber das Glück sollte nicht lange dauern. Ein neuer Ukas wider die verfolgten und in jedem Berufe unterdrückten Juden machte allen ihren Zukunftshoffnungen ein jähes Ende. . . . Lewinstein hatte durch diese grausame Verordnung sein Wohnrecht verloren und die Weisung erhalten, innerhalb eines Monates in die „Tscherta"*) zu übersiedeln. . . . *) Uebersetzt von Moritz Hacke. 'Anna. d. Ueberset/ors.x

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