Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 23 (17.11.1911)
- Date
- 1911-11-17
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 FEUILLETON. Prof. Dr. Max Grünfeld: jieinrich von Kleists 100. Todestag. (Am 21. November 1911.) In einem köstlichen Gespräche, das Herbert Eulenbergin der Zeitschrift „Erdgeist'' vor einigen Jahren veröffentlichte, schildert er, wie der alte Wieland, der bei einer Tasse Kaffee sitzend und mit der Auflösung eines Rebus beschäftigt, die Nachricht erhält, Heinrich Wilhelm Kleist, der Dichter des „Käthchens von Heilbronn", hätte in der Klein-Maehenowschen Heide, nahe au der Berliner Chaussee, die Ehefrau des General-Rendanten der Niedermärkischen Landfeur-Sozietät, Herrn Friedrich Ludwig Vogel, Adolphine Sophie Henriette geb. Keber, 31 Jahre alt, und dann sich selbst in seinem 34. Jahre erschossen. Flugs begibt sich der zitternde Greis, der Dichter des „Oberau" ziur Exzellenz Goethe. Hier wird der furchtbare Selbstmord besprochen. Wieland kann sich vor Entsetzen nicht fassen. Man -hätte* sagt er, den Unglücklichen als den Shakespeare Deutschlands in vielen Kreisen gepriesen. Darüber, erwidert die bereits mit dem Sterne geschmückte, eine große Abendgesellschaft erwartende Exzellenz, werde das Jahrhundert entscheiden. Kalt, 'verabschiedet Goethe den sich noch immer nicht zu fassen vermögenden Wieland und sieht frohgemut dem Konzerte der polnischen Pianistin entgegen, die an diesem Abende in seinem Salon spielen soll. Das 19. Jahrhund.ert hat Wielands Anschauung allerdings nicht bestätigt. Desto mehr würdigt unser junges Säkuluni den unglücklichen Dichter, der seinem jungen Leben auf der Berlin-Potsdamer Straße am Wannsee ein schauderhaftes Ende bereitete, wo er auch sein Grab gefunden hat. Es ist aber für unser Jahrhundert bezeichnend, daß der Grund, weshalb man sich dem Dichter des „Käthchens von Heilbronn" mit erneuertem Interesse zuwendet, darin zu suchen ist, weil man in dem Selbstmorde Kleists — ein Stück Psychopathie finden will, eine gewisse Perversität. Und mit dieser beschäftigen sich nicht nur die Herren Aerzte, s_pndern auch gewisse Literaturhistoriker heute sehr gerne. — Was uns Juden an Heinrich Bernd von Kleist besonders interessiert? Nicht die Undankbarkeit des deutschen Vaterlandes, die gegen den deutschesten seiner Söhne verübt wurde, nicht die kaum zu verkennende Feindseligkeit deT Exzellenz Goethe, die Kleist zu bissigen Epigrammen reizte, sondern die Frage, die wir jüngst in einem Artikel behandelten: ob denn auch auf diesen gewaltigen Novelisten und Dramatiker, auf den Dichter des wundervollen Lustspiels „Der zerbrochene Krug", die Bibel einwirkte und wir eine solche Einwirkung nachweisen könnten. Da wollen wir nun etwas vorausschicken. Unter den Epigrammen Kleists findet sich auch eines, es ist das 21. in der Ausgabe von Max Hesse („Heinrich von Kleists Werke", herausgegeben von Dr. Karl Siegen, 4. Bd., S. 175). welches einen Namen mit hebräischen Lettern anführt. Es heißt: „Die Susannen". ..Euch aber dort, euch kenn' ich! Seht, schreib' ich dies Wort euch: W Schwarz auf Weiß hin: was gilt's"? Denkt ihr - ich sag' nur nicht, was." Das folgende Epigramm, das 22.. setzt die im ersten enthaltene Satyre fort; es heißt: „Vergebliche Delikatesse". „Richtig! Da gehen sie schon, so wahr ich lebe! und schlagen (Hätt' ich's doch gleich nur gesagt) griechisohe Lexika nach." Der beißende Spott dieser Epigramme wird ja wohl jedermann klar, wenn wir nur wüßten, wen er treffen soll! — Und nun zu unserer ersten Frage. Zu ihrer Beantwortung wollen. wir uns mit einer Szene in seinem patriotischen Drama „Die Hermannsschlacht" beschäftigen, die offenbar einen Einfluß der Bibel auf das Drama aufweist. Es ist der 4. Auftritt des fünften Aktes, der die Zusammenkunft des Quinctilius Varus mdt einer Alraune, einer Wahrsagerin, yor der verhängnisvollsten Schlacht im Teutoburger Walde schildert. Varus ist nicht nur jedem Germanen, sondern auch jedem Juden, soweit er mit unserer Geschichte vertraut ist, wohl bekannt. Während Archelaos, der Sohn des unseligen Herodes, von dem Kleist sagt, daß ohne ihn Christus uns vielleicht ebenso unbekannt geblieben wäre wie Sokrates ohne den Melitns („Die Kunst, den Weg des Glückes zu finden", Werke, 3. Bd., S. 252). während also jener Arehelaos sich nach Rom begab, um die Bestätigung des väterlichen Testamentes persönlich zu betreiben, übertrug er die Aufrechterhaltung der Ordnung im heiligen Lande dem damaligen römischen Verwalter der syrischen Provinz, Quinctilius Varus. Dieser ließ in Jerusalem eine römische Legion als Besatzung zurück. Und als dann gegen die Brandschatzungen der Römer ein Aufstand der Juden ausbrach, ersohiien Varus. schritt mit Raub. Mord und Brand in solcher Weise gegen Schuldige und Unschuldige ein, daß seine unerhörten Gräuel von den jüdischen Chronisten denen an die Seite gestellt wurden, die später die Römer unter Titus und Hadrianus verübten. Als zehn Jahre nachher. Archelaos nach Vienne, in Gallien, ins Exil geschickt wurde, zog gleichzeitig mit ihm auch dessen Freund Varus ab. Ihn hatte dann Augustus nach Germanien gesandt, wo er für seine Ruhelosigkeit, im Teutoburger Walde den wohlverdienten Lohn erhielt. Diesen römischen Feldherrn zeigt uns nun Kleist in der zitierten Szene, im Gespräche mit einer Wahrsagerin, am Vorabende der furchtbaren Schlacht. Hier schwebte ihm offenbar als Vorbild eine Unterredung niit einer Wahrsagerin vor, die der erste König der Israeliten. Saul, in ähnlicher Situation sich befindend, vor der Schlacht bei Gilboa mit der Totenbeschwörenn von Endor hatte. (I.. Buch Samuel, 28. Kai»., Verse 7 u. ff.). — Daß dies keine bloße Vermutung ist, ersehen wir au« den Worten des Varus selbst, der die Alraune mit der „W un ds e r f r au vom Endor" vergleicht. — Doch die Szene heimelt uns noch mehr an, wenn wir das zwischen Varus und der Alraune, die ihm sein Ende voraussagt, geführte Gespräch mit den Worten Akabjas. Sohnes des Mahallel, vergleichen, die in den ..Sprüchen der Väter" (Aboth, III, 1) aufgezeichnet sind. Drei Fragen richtet der übermütige Römer an das Stanunütterchen Cheruskas: „Wo komm' ich her? wo bin ich? wohin wandr" ich?" Die Alraune antwortet auf die erste Frage: „Aus nichts, Quintiliius Varus-." Der aber versteht sie nicht, oder will sie nicht verstehen. Er erwidert: „Aus nichts? — Ich komm' aus Arkon heut. — Die römische Sibylle, seh' ich wohl, Und jene Wunderfrau von E n d o r bist du nicht." — Und er fragte weiter: „Wo geh' ich hin?" Die Alraune: „Ins Nichts, Quintilius Varus." Auch diese Antwort will der Römer nicht begreifen, der „als Sieger zweimal noch Rom mit der heiteren Quadriga zu durchschreiten" gedenkt. Und auf seine dritte Frage: „Wo bin ich?" antwortet die Alraune: „Zwei Schritt vom Grab, Quintilius Varus, hart zwischen Nichts und Nichts." Soweit dieses symbolische, ergreifende Gespräch zwischen dem Vorbilde Napoleons und einer der giermanischen weisen Frauen, wie sie der große Germanen-schilderer Tacitus nennt. Und jetzt zu unserem Akabja. Der hat ja auch zu dieser Zeit gelebt. Noch stand der Tempel, wie die Tossapbot Jomtob bemerken, als er wirkte. Drei Schlicksalsfragen, sagj; er, möge sich jeder vor Augen halten, um vor der Sünde bewahrt z« bleiben. „Woher kommst du, wohin gehst du, und vor wem wirst du dereinst Rechenschaft ablegen müssen?" Die erste Frage beantwortet Akabja etwas materialistischer, als die Alraune Cheruskas. Lese sich jeder selbst die Stelle in den „Sprüchen der Väter" nach. Dem Weisen wird er recht geben. Ein Nichts ist's, aus dem wir kommen. Wohin wir gehen: Zum Staube und zum Gewürme, wie dies schon die Genesis erschütternd verkündet. Vor wem wir Rechenschaft abzulegen haben werden: Vor dem Könige aller Könige. Der große, erhabene Gedanke des Rechtes, den Kleist in seinem „Michael Kohlhaas" in unerreichter Art zum Ausdrucke brachte, ist hier mit wenigen, lapidaren Worten gekennzeichnet! Der Gedanke, daß die Mächtigen der Erde, die Tyrannen und