Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 22 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 ,, N eue Näüoiial^eitüiig^' ■ Nr. 22 nische Vereinigung, war das verkörperte Beispiel. Mit mächtiger Hand ergriff der junge Rektor die Zügel und bald drang sein Geist durch das ganze Land. Eine rastlose, literarische Tätigkeit wurde im Dienste der heiligen Sache entfaltet. Der Krieg wurde den leichtsinnigen Reformgelüsten aus Deutschland er-. klärt Nicht mit blindem Fanatismus wurde gekämpft, sondern mit der geschärften Feder und schlagsicheren profunden wissenschaftlichen Erkenntnis des jedem gegnerischen Angriff gewachsenen Gelehrten, dessen erhabener Charakter alles Niedrige und Gemeine zertrat und mit majestätischer Geste von sich wies. Die Universitäten Leyden und Amsterdam warben vergeblich um Dünner, den sie als Professor gewinnen wollten. Er stand einzig und allein im Dienste des Judentums, seiner Religion und Wissenschaft, die sein Glück, sein Leben, sein höchstes Ideal bildeten. Mit Fanatismus hingen ihm baldigst seine Schüler an, die von Tag zu Tag die Offenbarungen seiner Weisheit vernahmen und sich vor der Größe des gelieibten, jungen Meisters beugten und sie weit hinaus in die Lande verkündigten. Die Schüler aller Jahrgänge, Rabbiner und Lehrer, wurden die Verkünder und Apostel seiner Lehre, die sie hinaustrugen in die Schulen und Gemeinden, welche sich alle nach seinen Entwürfen und Plänen organisierten. Jüdisches Wissen, jüdischer Geist, jüdischer Edelsinn flössen in breiten Strömen in alle Gaue des Landes. Und wie die Lehre, so war das Leben des Rektors. Eine Kette von leuchtenden Taten. Rastlose Arbeit, nie ruhende Sorge für das Wohl und Gedeihen der Schüler, Verachtung, ja Verabscheuung jedes Eigennutzes, beispiellose Hingebung und Opferung für die heilige Lehre und ein gottgeweihtes Leben. Der Rabbinatsstuhl Amsterdams und Nordhollands war seit Jahrzehnten verwaist Jetzt war die Zeit gekommen. Und mit der Zeit der Mann. Wer anders als diese gottbegnadete Persönlichkeit sollte würdig befunden werden, das größte Oberrabbinat des Landes zu bekleiden? Hier war ein hoher Priester der Wissenschaft und der Menschlichkeit, ein Fürst des Geistes und des Herzens. Und als Dünner zum erstenmale die Kanzel als Oberrabbiner bestieg, ging ein Rauschen durch die Provinz NordhollancL Ein Redner war erstanden von Jesaianischer Größe, mit dem kühnen Mute der größten Prohpeten, dem glühenden Eifer der antiken Gestalten biblischer Zeiten. Und von nun ab blieben die Predigten des Oberrabbiners, die er in fast allen Synagogen Amsterdams hielt, historische Dokumente, Kundgebungen von richtunggebender Gewalt und unüberwindlichem Einfluß auf das öffentliche Leben. Das waren nicht nur rhetorische Meisterstücke, sondern Manifestationen eines Genies. „Er war ein Moses", sagte einer seiner größten Schüler, „dem die Gesetzestafeln übergeben wurden; er hob sie mit heiligen Händen hoch, wenn man seinem begeisternden, heiligen Worte für Gott und Religion folgte; er hätte sie zerschmettern können, wenn man wagte, diese Religion umzustoßen." Seine persönliche Unabhängigkeit vor irdischer Macht ist unbeschreiblich. Deshalb stellte er sich auch um keinen Preis in den Dienst der Einzelnen. Er überließ alle Kasualien seinen Amtsbrüdern und hat in seinem ganzen Leben kein Geschenk angenommen. Die Gemeinde vergötterte ihn und die Tausende, die ihn kannten, standen in ehrfürchtiger Bewunderung vor diesem Giganten an Charakter und Geist. Sie entfernten jede irdische, materielle Sorge von seiner Nähe; nichts sollte die Erhabenheit, die Idealität seines Wirkens stören. Da saß er in der Synagoge in tiefster Andacht. Da bestieg er den Lehrstuhl und bereitete staunenden Hörern den Mantel seiner Weisheit aus. Da saß er im Kreise der Rabbiner täglich und lenkte die Talmuddebatten. „Nur einen kann man ihm vergleichen", sagt einer der Rabbiner der Niederlande, „Maimuni, an Weisheit und Größe". Kein Wunder, daß eines seiner letzten Worte auf dem Sterbelager war: Rambam. Dieser war sein Ideal, dieser sein Heros, seine Leidenschaft Aber man irrt, wenn man meint, daß dieser Gottgelehrte sein Wirken auf die Synagoge und das Lehrhaus beschränkte, wenn auch die Gesamtorganisation der holländischen Synagogen und Religionsschulen wahrlich kein Kleines wäre. Sein Rat wurde von den Größten des Landes eingeholt; die Kraft seiner mächtigen Hand auch in den Dienst des Staates und Wohles des Vaterlandes gestellt. Er, der Galizianer, der heiße Nationä 1 jude, der dem Zionismus in Holland eine Stätte schuf und der Misrachigruppe angehörte, er, der das Judentum und dessen Lehren bis zum letzten Strich und Punkt der Ueberlieferung lebte und lehrte, er verwandelte das holländische Judendeutsch in klassisches Holländisch, in dem er selbst seine Talmudvorlesungen hielt. Er, der seinen Blick nicht vom Lande der Väter wandte, war ein heißglühender Patriot, und die Staatsregierungen suchten gar manchmal in seinem Einfluß auf die fast siebzigtausend Juden Amsterdams und auf die Juden der Niederlande Stütze und Hilfe. Wilhelm III. von Oranien und Königin Emma zählten zu seinen Bewunderern. Und er hat sich nie vor Großen und Größen gebeugt. Daß eine solche Persönlichkeit geradezu sugge^ stive Gewalt ausübt auf alles, was mit ihr in Berührung kommt, ist kein Wunder. Und wie mußte man erstaunen, wenn man den zarten Mann mit dem edlen Denkerantlitzei erblickte. Allerdings; dieser Blick! Diese blauen, tiefen Augen, die Wände zu durchbohren schienen, in Herz und Nieren schauten! Sie verrieten den göttlichen Funken, der in dieser Seele glühte. Ein wahrhaft heiliges Leben ist hier abgeschlossen. Wenn man die Berichte der niederländischen Zeitungen, der jüdischen und nichtjüdischen, liest, dann erkennt man, daß ganz Holland fühlt, es habe einen seiner Größten verloren. Die Trauer ist eine geradezu nationale. Die Juden Hollands haben 'ihre Krone verloren, ihren Stolz, ihr Glück. Ein Strom von Güte, Hoheit, Adel ging von seinem Herzen, seiner Seele,' aus. Er ist nicht versiegt. Denn seine Schüler, die Oberrabbiner, Rabbiner und Lehrer des Landes, sie sind die Saat, die er gesät und treue Hüter seiner Lehren. Ganz Holland umstand seine Bahre. Die Trauerkundgebungen waren wahrhaft königlich. So wie er in seiner engeren Familie grenzenlos geliebt und verehrt wird, so waren jetzt die Juden der Niederlande zu einer Familie geworden. Und in der Tat. Er war das Familienoberhaupt der ganzen jüdischen Niederlande. Seinesgleichen gab und gibt es wenige. Und er war ein Bochur aus Krakau. Sein Andenken sei zum Segen. Dr. D; F.