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Neue Nationalzeitung · 1911-11-03 · Heft 22 (3.11.1911) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 22 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 22 „Neue National-Zeitung" FEUILLETON. Seite 11 T)p. }osef Jtosch Dünner. Oberrabbiner von Nordholland und Rektor des Rabbiner-Seminars in Amsterdam. „Am Tage nach dem Sukkothfeste ist „Er" dahingegangen. „Er", der Oberrabbiner von Nordholland und Rektor des Niederländisch- Israelitischen Seminars; eigentlich „der Mann unter den Juden Hollands". — So schreibt das holländische Israelitische Wochenblatt vom 20. Oktober. Und damit ist alles gesagt: „Der Mann unter den Juden der Niederlande". Er war ein Mann, wie aus Marmor gemeißelt; eine klassische Figur, eine Erscheinung, wie sie nur in Jahrhunderten einmal hervorgebracht wird. Ein Wehklagen geht durch die gottgesegneten Fluren der Niederlande, wie um einen Propheten des Volkes. Man merkt es. Die Reden und Nachrufe ringen nach Ausdrücken der verzücktesten Begeisterung, die Sprache versagt gegenüber dieser Größe, welche durch ein halbes Jahrhundert das ganze Judentum Hollands belehrt, geleitet, geordnet, beherrscht und durch gen niale Organisation zu einem Meisterwerke gestaltet hat. Er war in. K r a k a u im Jahre 1833 geboren. Im Judenviertel stand sein Geburtshaus. Wahrhaft edle, fromme Eltern waren die Beschützer seiner Jugend. Als dreijähriger Knabe wurde er ins Cheder gebracht und erregte die Bewunderung seiner Lehrer, die dem kleinen Kinde schon eine große Zukunft prophezeiten. Als Fünfjähriger beherrschte er die heiligen Schriften und trug sie im Gedächtnis und im zwölften Lebensjahre war er ein fertiger, großer Talmudist, so daß er die großen Gelehrten mit Bewunderung erfüllte und von den Rabbinern Krakaus als ebenbürtig erkannt und ausgezeichnet wurde. Sein rastloses Genie stürmte mit Riesenschritten vorwärts. Sein Geist fand kein Genügen an dem gewohnten Ausmaße von Wissen und sprengte alle Bande des regulären Studienganges. Sein Ruf als Phänomen auf dem Gebiete des Talmud verbreitete sich immer mehr und man sah sich genötigt, ihn als Jüngling in den Kreis der Talmudgelehrten aufzunehmen. Aber der Drang nach Erkenntnis führte den bewunderten jungen Gelehrten zur Philosophie. Er verließ seine Heimat Galizien und ging nach Deutschland. Nach Absolvierung der Gymnasialstudien bszog er die Universität Bonn, woselbst Ritsehl und Brandes seine Lehrer waren, die das Genie Dünners erkannten und bald den Schüler als Freund betrach- Dr. Josef Hirsch Dünner. schichte und Orientalia. In Heidelberg wurde er zum Doktor promoviert. Keineswegs waren unterdes die immensen Talmudkenntnisse brach gelegen. Sie verdichteten und vertieften sich immer mehr. Der Scharfsinn des Talmudgelehrten war jetzt auch auf die Aneignung der Weltwissenschaften und der jüdischen Literatur in ihrer Gesamtheit angewandt. Iiiner interessanten Episode aus der Bonner Studienzeit mag hier gedacht sein. Als Jüngling hatte Dünner die Geschichte des polnischen A u f s t a ndes in hebräischer Sprache publiziert. Nach Bonn kamen polnische Edel Leute, um den jungen Gelehrten für sich zu gewinnen. Sie verschwanden plötzlich, wie sie gekommen waren. Inzwischen war Dünner in Deutschland als Talmudist berühmt geworden. Wie es im Leben großer Männer oft begegnet, spielte ein Zusamentreffen mit einer hervorragenden Persönlichkeit eine entscheidende Rolle in seinem Leben. Rabbi Meir Lehren, Bruder des Amsterdamer weltberühmten Philantropen und Gelehrten Rabbi Akibah Lehren lernte Dünner kennen. In Amsterdam, der großen jüdischen Metropole mit der historischen Größe und ehrwürdigen Vergangenheit waren ziemlich trostlose Verhältnisse. Die alte Zeit war im Schwinden, der Ruhm der Vergangenheit im Erblassen. Die providentielle Persönlichkeit fehlte, welche mit kühnem Griffe die Zügel erfaßte und zwischen zwei Weltanschauungen die Brücke in kühnem Schwünge schlagen sollte. Das war Dünner. Rabbi Akibah ließ ihn rufen und erkannte rasch die ganze Größe des Mannes, seine ungeheure Gelehrsamkeit, sein organisatorisches Talent, den eisernen Charakter, die glühende Liebe zum traditionellen Judentum, den Adel seines Geistes und Herzens, den genialen Flug seiner Gedanken und die felsenharte Unbeugsamkeit seines Willens. Er wurde als Neunundzwanzigjähriger zum Rektor des Niederländisch-Israelitischen Seminars erwählt. Nun begann eine gigantische Arbeit: Das Organisationsstatut stellte die Anstalt auf eine mächtige Basis. Sie wurde zur Bildungsstätte für Rabbiner und Religionslehrer aller Kategorien. Mit ihr ward ein achtklassiges Gymnasium verbunden. Weltbildung im Vereine mit tiefster jüdischer Wissensehaft, das war teten. Er studierte mit Feuereifer Philosophie, Gedie Devise. Dünner selbst, eine wunderbar-harmo-

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