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Neue Nationalzeitung · 1911-11-03 · Heft 22 (3.11.1911) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 22 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22 „Neue National-Zeitung" Seite 9 %JS AUEN WELtttiLCN Die Pariser „Alliance Israelite Universelle' soll nunmehr nicht von einem gewählten Vorstände, sondern von einer Clique verwaltet werden. In der Sitzung des Zentralkomitees der „Alliance Israelite Universelle," die am 18. Oktober in Paris stattfand, wurde der Antrag auf Abschaffung der Wahlen zum Zentralkomitee und Einführung des Systems der Kooptation mit 19 gegen 5 Stimmen angenommen. Von den 19 Herren, die für den Antrag stimmten, waren 18 in Paris ansässige Mitglieder des Zentralkomitees, der neunzehnte war ein Belgier. Die fünf bei der Sitzung anwesenden deutschen Mitglieder des Zentralkomitees nämlich die Herren Justizrat Max F u c h s-Berlin, Geheimrat Professor Dr. L a n d a u-Berlin, Ofumpertz-Hamburg, Oschinsky-Breslau und Wittner- Leipzig traten dem einstimmig mit der größten Entschiedenheit entgegen. Von den Eabbinern Dr. Werner- München und Dr. V o g e 1 s t e i n-Königsberg lagen schriftliche Aeußerungen vor, die gleichfalls scharf gegen die Abschaffung der Wahlen protestierten. Dennoch wurde der Antrag mit den erwähnten 19 Stimmen gegen die 5 Stimmen der deutschen Mitglieder angenommen. Um das Statut der Alliance im Sinne des Antrags zn ändern, ist noch eine zweite Abstimmung des Zentralkomitees nötig, die frühestens nach 4 Wochen stattfinden kann. Sodann muß noch die Genehmigung der Generalversammlung der Alliance eingeholt werden. Unmittelbar vor der Zentralkomiteesitzung vom 18. Oktober d. J. hat Salonion E e i n a c h seine Stelle a 1 s Vi z epräsident der Alliance niedergelegt. Dies wird in Berlin als ein taktischer Schachzug seitens der Pariser Herren angesehen, um durch ein scheinbares Entgegenkommen die nichtfranzösischon Mitglieder des Zentralkomitees für die Abschaffung der allgemeinen Wahlen und Einführung des Kooptationssystems gefügiger zu stimmen. Herr Eeinach ist jedoch weiterhin Mitglied des Zentralkomitees der Alliance geblieben. Wie wir erfahren, beabsichtigt das Präsidium der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance, mit aller Energie gegen diese Pläne anzukämpfen und eine Aktion dagegen einzuleiten. Für den Fall des definitiven Gelingens des Pariser Staatsstreiches dürfte sich die Deutsche Konferenzgemeinschaft von Paris loslösen und zu einer selbständigen Organisation umwandeln. Das Ende eines Huligans. Am vergangenen Kolnidre- Abend ereignete sich in Kiew ein merkwürdiger Zufall, der von Juden und Christen viel besprochen wurde. Zu gleicher Zeit nämlich, als unsere Glaubensgenossen in den Synagogen und sonstigen Bethäusern versammelt waren, um die Versöhnung des Allmächtigen für sich und die gesamte Menschheit zu erflehen, hatten sich auch die russischen Nationalisten in der unweit des Denkmals Alexander II. gelegenen Börsenhalle versammelt, um durch die Veranstaltung einer Gedenkfeier für S t o 1 y p i n gegen die Juden zu demonstrieren. Nachdem verschiedene Redner, die echtesten der echten russischen Leute, die Juden und ihre Beschützer mit den schändlichsten Schmähungrn und Verwünschungen bedacht hatten, bestieg der Episkop Pawel Pzeopraszenzki das Podium, um das Seelengebet für Stolypin zu verrichten und zugleich die Juden als Mörder zu verfluchen. Aber kaum hatte er den Fluch gegen die Juden begonnen, als er plötzlich umsank und leblos liegenblieb, Die herbeigeeilten antisemitischen Ärzte Tschernow und Affanassiew versuchten ihn vergeblich ins Leben zurückzurufen; sie vermochten nur den inzwischen eingetretenen Tod festzustellen. Nun entstand ein furchtbarer Tumult, denn die Wut der abergläubischen Versammlung wendete sich gegen die Veranstalter der Gedenkfeier, daß sie für diese Demonstration gerade den Abend des jüdischen Versöhnungstages wählten, an dem die Juden bekanntlich ihr altes Gebet sprechen: „Unser Vater und König! Wende ab von uns jeden Feind und Ankläger." Professor Dr. Leopold Herzel in Brody — gestorben. Dr. Herzel war Direktor der jüdischen Hauptschule in Brody und der erste k. k. Eeligionsprofessor in Oesterreich. Er erreichte ein Alter von 78 Jahren und trat vor einem Jahre in Pension. Oberkantor Josef Singer in Wien, der vor einem Jahre pensioniert wurde, feierte seinen 70. Geburtstag. Aus diesem Anlasse wurde er vom Wiener Kultusvorstande und dem Bethausvorstande unter Ueberreichung einer Adresse beglückwünscht. Der Antisemitismiis der Araber. In Jerusalem wird alljährlich an der Klagemauer ein besonderer Gottesdienst an Eausch Haschonoh abgehalten. Der diesjährige Gottesdienst ist von einer Horde von Arabern in gröblichster Weise gestört worden. Sie verhöhnten die Andächtigen durch lautes Brüllen und gingen schließlich sogar in Tätlichkeiten über. Eine Beschwerde ist an zuständiger Stelle eingereicht worden. LITERATUR UNb THEATER Im neuen New-Yorker Yiddisch-Theater von David Kessler wurde am 6. Oktober zum erstenmal das neue Drama „Der Lands m a n n" von Schalom Asch unter großem Beifalle aufgeführt. Der Dichter selbst trifft in einigen Monaten in New- York ein. * Im jiddischen „Peoples-Theatre* von New - York gastiert seit einiger Zeit der bekannte Hamburger Schauspieler Rudolf Schildkraut. Er tritt demnächst mit der Truppe des Peoples-Theatre eine Tournee durch Nordamerika an und wird in folgenden Stücken auftreten: „Der junge Dor" (Das junge Geschlecht) und „Shylok". * Erstes Jahres-Supplement (1909/1910) zu Meyers Großem Konversations-Lexikon, sechste, gänzlich neubearbeifcete und vermehrte Auflage. 964 Seiten Text mit über 1000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text und auf 83 Bildertafeln (darunter 4 Farbendrucktafeln und 15 selbständige Kartenbeilagen) sowie 10 Textbeilagen. In Halbleder gebunden 10 Mark oder in Prachtband 12 Mark. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) Ein treues Spiegelbild des rastlosen Vorwärtsdrängens unserer Zeit bietet das kürzlich erschienene „I. Jahres- Supplement 1909/10" zu Meyers Großem Konversations- Lexikon (der ganzen Reihe 22. Band). In der Tat, mit diesem Hilfsmittel ausgerüstet, kann man sich bequem und rasch über jede der tausend Fragen unterrichten, deren Verständnis vom „modernen" Mensehen verlangt wird. Der Politiker, der Zeitungsleser findet hier die Staatengeschichten der ganzen, Erde up to date verzeichnet, die jüngste Entwicklung aller politischen Parteien dargelegt, die neuesten Wahlrechtsänderungen usw. besprochen. Wer sich für Steuerpolitik und Finanzwesen interessiert, wird z. B. durch die sehr ausführlichen Uebersichtsartikel „Reichsfinanzreform" und „Gemeindefinanzen" sowie durch viele Einzelartikel auf seine Rechnung kommen. Heerwesen und Marine sind in Hunderten von Einzelbeiträgen vertreten, welche die neuesten Vervollkommnungen der modernen Zerstörungsmittel in Wort und Bild vorführen; ebenso wird der waffensfcarrende Weltfrieden, der (um mit „Wippchen" zu reden) mit aller Gewalt nicht ausbrechen will, in den Abschnitten „Heer und Marine" bei den einzelnen Staatenartikein illustriert. Daßdaneben Technik und Naturwissenschaft, Künste und Geisteswissenschaften, Kirchen- und Unterrichtswesen, Rechtswissenschaft,

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