Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 20 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung'4 Nr. 20 vielmehr seine unbesiegbare Vorliebe dafür, in Sprache, Toufali und Benehmen den g a.1 i z i\s c h e n Juden niedrigster Kategorie zu imitieren. Ein Hang, der ihm schließlich so zur Gewohnheit wurde, daß man ganz vergaß, daß diese Art nur aus scherzhafter Laune angenommen war. Man mußte Baron seJrr gut und seit langer Zeit kennen, um zu wissen, daß dieser Mann, der in fünf Sprachen druckreif schrieb, der in seinem Fache ein geschätzter Spezialist und außerdem ein bedeutender Mathematiker war, der eine der kostbarsten Privatbibliotheken Budapests besaß, sich auch ganz europäisch und kultiviert auszudrücken und zu betragen wußte, wenn er wollte. Nur wollte er eben nie. Diese ständige Gewohnheit, nur im Singsang des unverfälschten J a r .g o n s, mit all den rabulistisch kuifflichen Wendungen und Gedankensprüngen talmudischer Logik zu konversieTeu, hatte die natürliche Folge, daß er der gesuchteste Chirurg all seiner Glaubensgenossen a oi is den nördlichen, an G a 1 i z i e n st oße-ndenKomi taten war. Denn mit keinem anderen Arzt konnten sich diese Leute so trefflicih verständigen, mit keinem so von der Leber weg in ihrer Sprache „s c h m u s e n" wie mit Baron, der überdies Primarius der chirurgischen Abteilung des jüdischen Kranikenhauses war. Aus den Konsultationen mit diesen seinen ureigensten Patienten stammen die ungezählten „Baron-Witze", die in Budapest eine Spezies für sich bilden und die jetzt, da ihr Urheber für imaneT verstummt ist, wieder allüberall erzählt werden. Witzig, boshaft, voll .schlagsicherer Apercus und prachtvoller Grobheit war Baron natürlich auch am Kartentisch und im Freundeskreis. Die besten seiner Aussprüche aber fielen doch im Ordinationszimmer und im Operationssaal und zumeist dann, wenn die Konaultation bei der Honorarfrage angelangt war. Denn jener Ty,pus von Patienten, der bei ihm der häufigste war, betrachtet von jeher auch denl Arzt als einen Kaufmann, bei dem sich feilschen läßt. Und Baron ging zwar auf diese Art des Verkehrs stets ein, war aber — besonders wenn er wußte, daß der Patient zahlungsfähig war — auch seinerseits ganz kaufmännisch darauf bedacht, die Preise zu halten und seine Forderung durchzusetzen. Daraus ist ihm oft sehr ungerechterweise der Vorwurf der Geldgierigkeit gemacht worden. In Wahrheit verdienten ungleich weniger beschäftigte Chirurgen erheblich anehr als Baron. Von seinem urwüchsigen und originellen Witz nun mögen einige Aeußerungen im folgenden Zeugnis geben. Kommt da eines Tages wieder einmal ein Jude zu Baron: die Untersuchung ergibt nichts Gutes. „Sie müssen operiert werden. Kommen Sie morgen ins jüdische Spital hinaus!" Der Patient sieht ein, daß er sich in da.s Unvermeidliche fügen müsse, und meint nach einer Pause zaghaft: „Also, wenn es nicht anders geht, Herr Professor, weTd' ich kommen. Aber was wird das kosten?" ..Das kostet dreihundert Gulden." „Waih geschrien! Dreihundert Gulden! Woher soll ich nehmen das viele Geld? Herr Professor — können Se das nix billiger machen?" Baron ist unerbittlich, denn er weiß, daß der Patientbegütert und nur knauserig ist. „Nein, ich mach' das micht billiger!" Der andere sinnt einen Augenblick nach. „Herr Professor, ich werd' Ihnen machen e Vorschlag. Ich zahl' Ihnen gleich hundert Gulden und die anderen zweihundert schick" ich Ihnen nach der Ernte — so wahr ich soll glücklich sein?" Baron aber bleibt hart. „Nein, solche Geschäfte mach' ich nicht! Aber sagen Sie, warum versteifen Sie sich darauf, daß gerade ich Sie operiere? Ein anderer ist vielleicht billiger." „Herr Professor, nur Sie sollen mich operieren. Kein anderer hat e so sichere Hand wie Siei!" „So! Jetzt werd' ich Sie aber was fragen. Sagen! Sie mir: Wie soll ich haben e sichere Hand, wenn ich muß zittern auf mein Geld? . . ." Weit drastischer brachte er in einem andenen Falle einen reichen, aber geizigen Pächter dazu, in das geforderte Honorar einzuwilligen. Der Betreffende lag bereits im Spital, aber der „Handel" kam immer noch nicht zustande. Endlich verfällt der Kranke auf einen Ausweg. „Herr Professor!" meint er bei der Vormittaigsvisite, „könnt' mich nicht Ihr Herr Assistent operieren? Der verlangt sicher weniger." „Wenn Sie wollen, gewiß!" antwortet Baron bereitwilligst und winkt einen seiner jüngsten Assistenten heran, den er nun vor dem Krankenbett folgendermaßen instruiert: „Sehen Sie sich da den Mann an, junger Freund. Den werden Sie heute operieren! Aber nehmen Sie die alten Messer — um die neuen wär's schade, denn er kann nicht - viel zahlen. Und passen Sie auf, daß Sie mir nicht wieder daneben' schneiden, wie vorige Woche!" Ueberflüssig zu sagen, daß sich der Patient dann doch lieber von Baron selbst operieren ließ. Wie so manche Chirurgen hielt auch Baron nichtgar viel von der internen Medizin. Mehr als einmal erklärte er kategorisch: „Man muß aufschneiden und; nachsehen, dann kann man helfen. Vom Heruuiklopfen. und Horchen ist noch keiner gesund geworden!" Die prägnanteste Form aber gewann diese Geringschätzung, einmal in einem kurzen Gespräch mit einem Patienten, der nach überstandener Operation das Spital geheilt verließ und nun Baron noch einmal aufsuchte, um ihm in überschwenglicher Weise zu danken. „Herr Professor!" begann der Genesene, „nur Ihnen und dem 1 i e bien G o 11 verdanke ich es, daß ich noch leb'!" „Lieber Freund!" entgegnete Baron, „lassen Sie den lieben Gott aus dem Spiel. Gott, ist ein Internist. Gott operiert nl d c h t!" Er liebte Berufungen auf Gott als Heilfaktor überhaupt nicht, so sehr er religiöses Gefühl zu schätzen wußte. Aber Zusammenhänge zwischen Chirurgie und Vorsehung gingen ihm wider den Strich, und als wieder einmal ein gesund Entlassener, der aus Großwardein nach der Hauptstadt gekommen war, dankbar ausrief: „So hat mir also Gott das eine Mal noch geholfen!" fiel er ihm mit der höhnischen Frage ins Wort: „So? Gott hat Urnen geholfen? Sagen Sie mir, warum hat Ihnen Gott nicht schon in Großwardein geholfen?" Man darf jedoch nicht glauben, daß Baron .seinem derben Sarkasmus nur armen Provinzjuden gegenüber so freien Lauf ließ. Er machte in Sprache und Benehmen niemals irgend Hvelche gesellschaftlichen 'Unterschiede, und als er einmal eben daranging, einen sehr hohen Herrn zu operieren und die Assistenten immer nur von „Seiner Exzellenz" sprachen, tat er den berühmten Ausspruch: „In der Narkose ist keiner Exzellenz!" Nicht weit vom jüdischen Spital liegt ein großer Sportplatz. Von dort brachte man einmal den Sohn eines reichen Bankiers in' bewußtlosem Zustand mit einem schweren Beinbruch zu Baron hin. Der Bruch wurde eingerichtet und verbunden und der junge Mann kam allmählich wieder zur Besinnung. „Wie heißen Sie?" herrschte ihn Baron an. Der Kranke nannte einen in Budapester Finanzkreisen! sehr bekannten Namen. „Und wie haben Sie sich da-s zugezogen?" fragte Baron weiter. „Ich habe auf dem Sportplatz draußen Fußball gespielt; plötzlich flog mir das Ball zwischen die' Füße, ich stolperte und fiel so unglücklich." „So! Also Fußball haben Sie gespielt?" gab Baron in schadenfrohem Ton zurück. „Ihnen geschieht gaulz recht, junger Mann. Was ein braver J u d' ist, spielt Klabrias, aber nicht Fußball. Merken Sie sich das!" Ebenfalls in Millionärkreisen spielte die folgende kleine Episode: Spät abends wurde Baron in das Haus eines frisch geadelten Großindustriellen und Knallprotzen gerufen. Die Tochter klagte über Schmerzen im Arme. Baron untersuchte den Arm und meinte dann in einem Tone, dem man den Aerger über die überflüssige Störung bereits anhörte: „Das ist ganz unbedeutend. Eine kleine Zerrung, die morgen gut sein wird. Machen Sie kalte U ms c h 1 ä ig e!" Der Dame des Hauses aber schien diese Verfügung zu belanglos. „Wie, Herr Professor? Nut kalte Umschläge? Mit gewöhnlichem Wasse r?" Jetzt hielt Baron nicht länger an sich. „Wenn Sie glauben", entfuhr es ihm, „daß G i e ßh ü b 1 e r nobler ist, können Sie auch Gießhübler nehmen. Guten Abend!" - .