Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 20 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425829-2425850--2165-2428576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 20 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEU LLETON. Schalem Asch : Ein Märchen. Deutsch ven Hermann Blumenthal. Es ist Nacht und alles schläft. Der blaue Himmel, der große helle Mond, die goldenen Sternlein regieren jetzt. Sie wachen und leben, während alles schläft. Ein Lüftchen regt sich. Es erhebt sich bis zum Himmel und flüstert einem Sternlein etwas zu. Das Sternlein jagt schnell davon und begegnet einem anderen Sternlein, dem es das Geheimnis zuflüstert. Mit einem traurigen Lächeln sehen sie einander an und ziehen nach verschiedenen Richtungen fort. Ein Sternlein kommt bei einem Häuschen vorbei und blickt durch eine Spalte im Fensterladen in die Stube. Ein Mädchen sitzt beim Lampenscheine und strickt ein Tefilimsäckchen. Es ist ein schlankes, schönes Mädchen mit roten Wangen, hellblauen Augen und langem, blonden Haar. Das Mädchen sitzt verträumt bei der Arbeit. Bald legt es die Nadel weg und betrachtet die Stickerei mit unendlicher Wehmut. Das Sternlein erkennt, daß es das Mädchen ist, das dem Lüftchen ihr Geheimnis anvertraut hat. Das Mädchen sieht sich nach allen Seiten um und, als es niemand gewahr wird, spricht sie also: „Jüngling, Jüngling mit den großen, rührenden Augen, mit dem traurigen, lieblichen Gesicht, setz' dich zu mir." „Lüftchen, Lüftchen, jage zu ihm, sag' ihm, daß ich an ihn denke. Ich stricke für ihn ein Tefilimsäckchen. . . Er soll aber nicht mehr traurig sein —" Das Mädchen sitzt wieder verträumt und eine Träne rollt über ihre Wangen. Das Sternlein lächelt und jagt davon. Auch das zweite Sternlein ist weit fortgeflogen — bis es zu einem Häuschen kam. Drinnen saß ein Jüngling über den Talmud gebeugt und las mit leiser, trauriger Stimme. Das Sternlein ahnte, daß das der Jüngling sei, der dem Lüftchen sein Herzensgeheimnis anvertraut hatte, Bald hörte der Jüngling zu lernen auf. Er saß verträumt und flüsterte: „Lüftchen, Lüftchen, du kommst überall hin, jage weit fort, bis du das Mädchen mit den traurigen, blauen Augen siehst — und grüße sie von mir. — Sag' ihr, ich denke nur an sie, ich lerne für sie und schenke ihr mein Wissen . . . Denkt sie auch zuweilen an mich? Sag' es mir, Luftchen . . .!" Das Sternlein hörte diese Worte und lachte, dann flog es davon. — Und die Sternlein flogen von Tal zu Tal, von Berg zu Berg, von Wald zu Wald, bis sie einander wieder begegneten. Beide lächelten. „Hast du es gehört?" „Ja, und du?" „Auch." Dann eilten sie nach verschiedenen Richtungen fort. Das Sternlein, das den Jüngling beobachtet hatte, flog jetzt zu dem Mädchen hin. Es stellte sich vor den Fensterladen und ließ sein helles Licht in die Kammer scheinen, so daß sich das Mädchen über die große Helle sehr verwunderte. Und das Sternlein sprach: „Sei unbesorgt, Mädchen. Ich komme von ihm, bei dem jetzt deine Gedanken sind, Er denkt stets an dich und auch beim Lernen schwebt ihm dein Bild vor. Er schenkt dir sein Wissen als Brautgeschenk, Das Mädchen schämte sich aufzublicken und wendete scheinbar ihre ganze Aufmerksamkeit der Stickerei zu; und ab und zu warf sie verstohlen einen Blick dem Sternlein zu. Und das Sternlein verschwand. Das zweite Sternlein, das vorher das Mädchen beobachtet hatte, flog jetzt zum Fenster des Jünglings hin, stellte sich vor den Fensterladen und ließ durch eine Soalte sein blinkendes Licht in die Stube fallen, bis der Jüngling von seinem Buche aufsah. Und das Sternlein sprach: „Mach' dir keinen Kummer, Jüngling. Das Mädchen denkt an dich bei Tao: und Naeht. Sie prüßt dich und stickt für dich ein Tefilimsäckchen als Bräutigamsgeschenk." Der Jüngling schämte sich ein wenig. Er beugte sich über das Buch, nur von Zeit zu Zeit sah er verstohlen auf. Und das Sternlein verschwand. Und die Sternlein jagen über Tal und Berg, über Weg und Steg . . . Und die Zeiten jagen dahin, als würden sie vom Sturmwind getrieben. Das Mädchen und der Jüngling begegneten einander eines Tages. Sie sprachen kein Wort und sahen zur Seite. Mit gesenktem Haupt gingen sie aneinander vorüber. Ein witziger Chirurg. In der „Frankfurter Z e i t u n g" erzählt Ernst Goth von dem jüngst verstorbenen Primarius des jüdischen Krankenhauses in Budapest, Dr. Jonas B <a r o n, sehr interessante Reminiszenzen: Dieser Tage ist in B u d a pest der bekannte Chirurg Dr. Jonas Baron gestorben, ein Arzt, in dem Ungarn nicht nur einen ausgezeichneten Operateur, sondern eines seiner größten Originale, eine Persönlichkeit von eigenartigstem Witz verliert. Der hochgewachsene, doch salopp und schlenkri.g, iewig gestikulierend einhersehreitende weißbärtige Mann, den in Budapest jedes Kind kannte, hat wohl auf jeden, der ihm einmal entgegengetreten ist, starken Eindruck gemacht. Freilich wird dieser Eindruck nicht immer der günstigste gewesen sein. Denn nichts war Baron fremder als gesellschaftliche Glätte, konventionelle Verbindlichkeit oder höfliche Redensarten. Was er dachte, das -sagte er jedem ruhig ins Gesicht — und er dachte über seine Mitmenschen nicht immer milde und LiebensAVürdigkeiten haben nicht viele von ihm gehört. Doch nicht seinle oft verblüffende Derbheit war es, die seinem Wesen die starke eigene Prägung gab, es war