Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 18 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEU LLETON. |. L. Perez: T)er verwunschene Brunnen. (1. Fortsetzung.) Der Brunnen war einstweilen wieder hergestellt worden. Es schien alles in bester Ordnung zu sein. Die Seile surren wieder nach langer Rast emsig um das große Rad, die Eimer machen ihren gleichen Weg in die Tiefe und wieder hinauf zum Tageslicht ... und das Wasser ist nicht schlechter als früher ... Da fährt eines Abends ein Bauer mit einem schweren Fuhrwerk vorbei. Von der schweren Arbeit waren die Pferde sehr angestrengt, das Fell dampfte und troff von Schweiß . . . Gerade als der Wagen zum Brunnen kommt, glitscht das eine Pferd aus und der Kutscher ist erst nach ungefähr fünfzig Peitschenhieben imstande, das Pferd wieder auf die Beine zu bringen! . . . Nun warte! Jetzt kommt erst die Hauptsache: Der Kutscher wollte doch seine Pferde am Brunnen tränken. Aber kaum hatte er den ersten Eimer aus dem Brunnen heraufgezogen, werden sie scheu und nehmen im Galopp Reißaus . . . Der Kutscher hat aber mit eigenen Augen gesehen — und es auch mit den heiligsten Eiden beschworen — daß aus dem Tränkeimer ein großer Frosch herausgesprungen ist; noch mehr: er lachte wie ein Mensch und sprang dann wieder in den Brunnen zurück ... Daß du am Ende aber nicht glaubst, wir hätten die Pferde so schnell wieder eingefangen. Bei Gott nicht! Wie von der Tarantel gestochen sind sie mit dem schweren Wagen dahingerast und wenn sie nicht mit der Deichsel in eine Holzwand eines Wohnhauses hineingerannt wären, wer weiß ob sie überhaupt in ihrem Teiifelsgalopp eingehalten hätten. . . Doch jetzt staune noch mehr: Nahe dieser Wand im Häuschen drinnen saß der Schneiderjunge Isaak, der hat einen guten Stoß in die Schulter bekommen! . . . Und was weiter? Jetzt stellte sich heraus, daß e r der Anstifter der Jagd auf den so schrecklich ums Leben gekommenen Buben war. . . . So klagte der Tote seine, doch so unschuldigen, Mörder an. Und Isaak konnte die große Schuld nicht allein tragen und verriet, daß sein erster Helfer bei dem Herumjagen Reb Jeruchemles Sohn — unter uns gesagt auch eine feine Range — war. Als dies im Städtchen bekannt wurde, verfällt der Junge in eine Krankheit, ein Fieber packt und schüttelt ihn und hält ihn einige Monate im Bette fest! . . . Ob die Geschichte jetzt aus ist, fragst du? Im Gegenteil, mein Sohn! Jetzt fängt sie ja erst richtig an! . . . * Nun bekamen die Leute' erst recht Angst vor dem Brunnen und noch mehr vor seinem Wasser. . . Und das war ja wirklich nicht mehr so wie früher, man konnte es nicht mehr trinken. Es hatte nämlich so einen schmutzig-grünlichen Glanz und schlechten Geruch bekommen. Ich selbst habe es nicht gekostet, nur habe ich mir sagen lassen, daß dies von den Fröschen kommt. . . . Aber was tut nicht alles die Zeit?! Sie verscheucht die Angst auch von den ängstlichsten Gemütern. . . Und schließlich: unsere Wasserträger haben ja kein Pferd zur Verfügung, um fortwährend Wasser aus dem eine halbe Meile entfernten Teich zu holen, geschweige denn auf dem eigenen Rücken, wofür sie nach ihrer Ansicht doch viel zu schlecht entlohnt werden. Kurz und gut, um kein langes Wesen zu machen: man begann wieder Brunnenwasser zu trinken. . . . Aber nicht lange. . . . Denn, eines schönen Abends beginnt es und wiederholt sich dann weiter, regelmäßig um 10 Uhr, wenn Eimer und Stricke zum Gemeindevorsteher gebracht werden sollen! Eine Familie schwarzer und weißer Katzen stellt sich täglich um diese Zeit pünktlich ein! Sie kommen aus der Vorstadt und dem Städtchen selbst und setzen sich aufs Brunnenrad, miauen kläglich, seufzen und surren, heulen jämmerlich und unter ihnen dreht sich das Rad von selbst! Herauf, herunter im Kreise . . . herauf, herunter, immer im Kreise bis in den frühen Tag hinein. Du schaust mich verwundert an?! Hast auch recht. Daß Katzen sich auf ein Brunnenrad setzen, ist ja noch möglich, da sie sich ja auch auf Dächern ohne weiteres herumtreiben. Es war zwar im März, also zu einer Zeit, wo der Kater seiner Katze nicht von der Seite geht. . . Ja, aber daß Katzen ein Rad drehen sollen oder daß sich das Rad unter ihnen von selbst dreht — ja, das hat noch niemand gesehen. . . Wenn sie wenigstens beim ersten Hahnenschrei aufgehört hätten, nein, bis in den hellen Morgen trieben sie ihren Spuk! Sonst könnte man es ja für eine Geistergeschichte halten — aber so? Das mußte also doch ein© Bewandtnis und einen Zusammenhang haben mit dem Frosch und dem Blute, das den schrecklichen Wunden des Knaben bei seinem Sturz entströmt war. . . . Und so ging es dann weiter ... Da kam eines schönen Tages eine steinalte Frau zum Ortsvorsteher, dem sie eine wichtige Kunde überbrachte. Sie berichtete also: Zu Zeiten hätte sich in ihrem Dorfe in einem Sumpf ein Frosch aufgehalten. Zu dem seien die ganzen Katzen aus der Nachbarschaft zu Gaste gekommen, so daß der Sumpfrand immer von einer Katzenschar umringt war. . . Nun fragte man sie also auch, warum sich das Brunnenrad drehe. Darüber konnte sie jedoch keine Auskunft mehr geben, obwohl sie so alt war, daß sie kein Brot mehr essen konnte. . . Doch jetzt hätte ich beinahe etwas vergessen: Ich muß dir ja auch erzählen, wie ich selbst die Katzen sah, ja, mit eigenen Äugen. Hm, du lächelst ironisch?! Damals habe ich auch gelacht... Ich war damals noch jung, hab keck in die Welt geschaut . . und ganz gut Loschen Kaudesch gekannt . . . Aber an die Katzengeschichte wollte ich nicht so recht glauben! Wenigstens bei mir selbst. Den Leuten habe ich es natürlich nicht auf die Nase gebunden. Wozu mit denen zu streiten anfangen? . . . Gedacht habe ich mir aber: Es ist im Winter. Ueberau" liegt Schnee. Auch auf dem Brunnenrand hat sich der Schnee gehäuft — und die Leute bilden sich in ihrer Geistersucht ein, es wären Katzen. Du meinst, ich hätte selbst nachschauen sollen, was an der ganzen Geschichte dran ist? Bedenke