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Neue Nationalzeitung · 1911-08-25 · Heft 17 (25.8.1911) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 17 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 17 f. L. Perez: Der verwunschene Brunnen. (Aus dem Yiddischen übersetzt von Moritz Hacke.) Obwohl mitten auf dem Marktplatz ein schöner Brunnen steht, benützt unser Städtchen nicht ihn, sondern einen Teich, dessen Gewässer ungefähr eine halbe Meile von der Stadt entfernt liegen! Er sieht eigentümlich aus, hat einen schlechten Geruch — das Brunnenwaser dagegen ist rein wie Gold — feinstes Hochquellwasser! Ihr wundert euch natürlich über diese „Schildbürger" und fragt mich, warum man in unserem Städtchen schlechtes Teichwasser trinkt, wo man doch so gutes Brunnenwasser haben kann? Da will ich euch doch die Geschichte erzählen, die ich aus Reb Eliesers, des Schammes, eigenem Munde gehört habe. Mit einem Gemisch von Schreck und Stolz hat er sie mir erzählt. Sie ist v/irklich schrecklich . . . und doch ist der Schammes stolz darauf, daß gerade in seinem Heimatsstädtchen sich solche Ding© zutragen. Wie sagte er doch immer? „Umsegle die halbe Welt! So etwas wirst du nicht zum zweiten Mal hören . . ." * Die Sache trug sich zu im Jahre 18 . . Das Jahr hat der würdige Schammes bereits lange vergessen — schade, daß ich es euch nicht sagen kann. Ihr müßt euch schon damit begnügen, daß es Selichaus-Zeit war . . . Ja, ein Städtchen ist eben ein Städtchen, mit feinen .jungen Leuten, netten Burschen, dann gibt es aber auch bösgeartete. Es war also in jenem Jahre noch finster, als wir zu Seiichaus gingen und in der Dunkelheit stießen die Buben sich hin und her. Darunter war ein sehr guter Turner, mit einem Sprung überquert er die Stadtgäßchen. Aus dem Stoßen wurde ein Herumjagen und Werfen mit kleinen Steinen. Heute haben sie es auf ihn abgesehen. Alle gehen auf ihn los. Erst will er es mit den Freunden aufnehmen, schließlich weicht er der Uebermacht und ergreift die Flucht . . . Alles läuft ihm nach, mit Steinchen und kleinen Stöcken ausgerüstet — aber er läuft ihnen wie ein kleiner Renner davon im Zick-Zack, hierher und dorthin . . Doch der Teufel schläft nie. — Gerade damals mußte der Brunnen ausgebessert werden. Das heißt, er hätte es schon lange nötig gehabt; es war bereits ein Kostenanschlag für die Reparatur gemacht und der Brunnen näher besichtigt worden. Die Aufzugsvorrichtung war bereits auseinandergenommen, der Deckel beseitigt . . . Der Brunnen liegt offen da. In der Dunkelheit sieht der Bub die Oeffnung nicht, in vollem Laufe springt er in die Oeffnung ... in dumpfem Falle zieht die feuchte Tiefe ein junges Leben in ihren gurgelinden Abgrund ... Noch fweiß niemand beim grauenden Morgen, welch schreckliches Unglück geschehen ist. Niemand weiß, keine von den jungen Seelen ahnt, wohin der Freund verschwunden ist. * Im Beth-Hamidrasch wird fleißig Seiichaus gebetet Unser Reb Joinele singt gerade ein Gebetstück, da hört man drinnen einen markerschütternden Schrei — einen Schrei, daß Gott sich erbarme! Was ist geschehen? Alles strömt auf die Straße hinaus, horcht, woher die Stimme kommt ... 0, Gott! Vom Brunnen! Hätten die Wildlinge jemand etwas davon gesagt, daß sie alle hinter dem einen hergejagt sind, so hätte man gleich ahnen können, daß er in den Brunnen gefallen ist. Aber ein jeder hat doch vor den Eltern Angst und so traut sich niemand, etwas zu sagen... Dann glaubten wir im Bethaus auch, die vernommene Stimme rühre von einem Manne her, sei es, daß wir uns in unserem Schreck täuschten, oder daß der Arme in seiner Todesangst so schreien konnte . . . Aber so können wir nur feststellen, daß kein Mann aus der Gemeinde fehlt, ein Fremder ist auch nicht angekommen . . . ein kalter Schauer läuft allen über den Rücken . . . die Zähne klappern uns vor Entsetzen aufeinander . . . Der große Lärm lockt schließlich auch einige Bauern herbei; auch sie stellen sich um den Brunnen herum und gaffen . . . Einige Beherzte raffen sich endlich auf, laufen zum Gemeindevorsteher, bringen die Eimer und Stricke, die über Nacht bei ihm verwahrt sind, damit sie nicht gestohlen werden, lassen sie herunter, ziehen sie wieder herauf, langsam und schwer . . . der tote Knabe kommt zum Vorschein! Bei seinem Anblick würgte es einem jeden die Kehle vor Entsetzen zusammen, so zum Erbarmen verstümmelt sah der Bemitleidenswerte aus! . : . Alles verstümmelt und gebrochen ... die Hände, die Füße, der Kopf — der ganze Körper!! (Und Reb Elieser legt die Hände vor die Augen, um das schreckliche Bild, das sich ihm in seiner ganzen Gräßlichkeit vor sein geistiges Auge stellt, zu verwischen . . .) „Und seit dieser Zeit trinkt ihr nicht das Brunnenwasser ..." „Für solche Narren brauchst du uns nicht zu halten! (Dies mit leisem Vorwurf.) Aber höre weiter zu!" * „Zum Teile hast du übrigens auch recht. Schon damals hörten einige gefühlvollere Seelen auf, das Brunnenwasser zu benützen.. einige schon deshalb, weil sie erzählen hörten, daß man zu verschiedenen Malen beim Vorübergehen am Brunnen in der Nacht aus der Tiefe eine schreckliche Stimme heraufgehört habe. Andere schwuren bei allem, was ihnen heilig war, daß sie rote Pünktchen im Wasser sähen, wenn sie hinunterschauten . . . und das wäre sicher Blut! Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte ja der arme Bub in der Tat einen ganz verstümmelten Körper und ganze Stücke fehlten am Rumpf der Leiche. Als man damals den Gemeindevorsteher bat, den Brunnen reinigen zu lassen, wies er dies mit der Begründung ab, dafür wäre im Gemeindebudget nichts veranschlagt ... Gleichwohl hätten sich ja die Leute mit der Zeit, wenn dieser Unglücksfall halbwegs vergessen worden wäre, wieder an die Benützung des Brunnens gewöhnt, wenn — ja, wenn nicht noch etwas dazwischen gekommen wäre" (Fortsetzung folgt.)

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