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Neue Nationalzeitung · 1911-07-28 · Heft 15 (28.7.1911) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 15 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 15 auf der Brust sichtbare Hemd ist mit reicher Handstickerei versehen. Die gebildete Welt und die oberen Zehntausend tragen sich dagegen ganz europäisch, leisten der letzten Pariser Mode ihren Tribut; nichts erinnert mehr an ihre Abstammung, weder in der Häuslichkeit, noch auf der Straße. Die Schulbildung wird unausgesetzt gefördert, mit Genugtuung nahm man das Interesse wahr, welches 4er Hilfsverein deutscher Juden in Berlin an den Saloniker Glaubensgenossen nahm, die schon in ein starkes Abhängigkeitsverhältnis zur Alliance Israelite Universelle geraten sind, die natürlich in erster Linie die Propagierung der französischen Sprache unterstützt. Daher kam es auch, daß man die Bemühungen des Hilfsvereines der deutschen Juden in Berlin damit zu bekämpfen trachtete, daß man die zionistische Frage aufwarf, um dadurch bei der türkischen Eegierung Mißfallen zu erregen. Der Enthusiasmus der Juden für die Wehrpflicht, die in der Türkei nach der Verfassung eingeführt wurde, ist geschwunden, was seinen Grund aber keineswegs im Abscheu vor dem Militärdienste hat, sondern mit den damit verbundenen Zuständen. Obgleich die Türkei für ihre Armee iu den letzten drei Jahren viel geschaffen hat, so läßt doch die Unterkunft, Behandlung und Verpflegung des Soldaten noch viel zu wünschen übrig und besser situierte Leute können sich nicht dazu entschließen, ihre Söhne den türkischen Kasernen und Unteroffizieren anzuvertrauen. Wohnten ehedem alle Mitglieder einer Familie gemeinsam in einem Hause, so trachtet jetzt der Sohn, wenn er sich verheiratet, einen eigenen Hausstand zu gründen. Die derzeit in Salonik herrschende Verteuerung der Wohnungen ist größtenteils auf diesen Umstand zurückzuführen. Die Eheschließungen sind von mancherlei Zeremoniell befreit worden; in den besseren Kreisen findet die Trauung des Morgens im Familienkreise statt, worauf das neue Ehepaar eine Eeise nach dem Auslande antritt, dabei wird gewöhnlich Paris als Ziel bevorzugt, denn Paris gilt für die gegenwärtige spaniolisehe Generation für den Inbegriff des Vollkommenen und Schönen. Die Sitte, daß die Söhne des Mittelstandes erst ihre Schwestern zu verheiraten pflegen und sich dabei oft schwere materielle Opfer auferlegen, ist bestehen geblieben, wie überhaupt streng darauf geachtet wird, daß kein Mädchen „sitzen bleibt", sei es noch so arm und so häßlich. Dann erst denken die Brüder an die Gründung eines eigenen Hausstandes. Interessant ist das Kapitel der Modernisierung der Kufnamen, die immer weitere Kreise zieht. Aus Chaim ist Hektor, Heinrich, Viktor und Whittal geworden, aus Ghedalja Wilhelm, aus Salomon-Sylvan, aus Mardoehai-Markus, aus Lewi-Lucien; Edwin aus Baruh-Boris, Simon wurde in Siegmund, Isak in Oskar, Edgar, Arthur oder Ino umgewandelt, Abraham und Abram wurde in Albert oder Alfred, David in Dario, Eabeno in Eobert, Elieser in Karl, Menaehem in Michel, Max, Mair in Mario, Eaphael in Eudolf, Aron in Henri umgestaltet. Auch die Mädchennamen erfuhren eine entsprechende Umwandlung, so nennt man Mazaltow- Mathilde, Tamar-Theresa, Sunhula-Allegra, Gioja-Giulia,Perla- Margareta, Suitana, Eejna, Malka nennt man Olga, Miriam- Marie, Lea-Liili oder Lucie, Sarah-Martha, Esmeralda-Emma, Luna-Leonie, Leonora oder Laura, Eebecca-Henrietta, Eicula- Eicchetta; diese Namensänderungen bilden das Entsetzen aller Eabbiner und Gemeindesehreiber, die an das alte patriarchalische System gewöhnt sind, daß der Sohn den Namen des Großvaters, die Tochter jenen der Großmutter erhalte. In gewissen Fällen werden noch folgende alte Bräuche beobachtet. Ein Kind, das nach dem Tode des Vaters zur Welt kommt, nennt man Tschilibon oder Tschilibona, das erstgeborene Kind einer Familie wird Bohor oder Bohora genannt, Merkado oder Merkada nennt man jenes Kind in der Familie, welches im frühen Alter verstorbenen Geschwistern folgte und am Leben bleibt. Zu diesem Zwecke wurde das Kind gewissermaßen gekauft, d. h. die betreffende Familie zahlte einem Bekannten einen Betrag, der entweder von demselben behalten oder einem wohltätigen Zweck zugeführt werden konnte (merkar kaufen). Derjenige, der einer schweren Krankheit entronnen ist, bekommt den zweiten Eufnamen Eaphael; Ohaini (männlich), Vida (weiblich) wird demjenigen als Eufnamen beziehungsweise Ersatznamen zugegeben, der eine schwere Krankheit glücklich überwunden, bei der man schon an dem Aufkommen des Betreffenden verzweifelte. Mit Bienvenida werden Mädchen benamst, die nach einem glücklichen Ereignisse in der Familie auf die Welt kommen, und zwar nach großem Gewinn in Geschäften usw. Dudun nennt man die Mädchen dann, wenn sich an die Person der Großmutter, nach welcher die Benennung hätte erfolgen sollen, ein besonderer Trauerfall knüpft. Schabat oder Sabetai werden jene Knaben benannt, die am Sabbat zur Welt kommen. Die strenge Einhaltung der Euhe am Sabbat hat aufgehört; wohl sind die Geschäftslokale geschlossen, in den Bureaus wird aber trotzden gearbeitet, und selbst jüdische Banken halten am Sabbath bis Mittags geöffnet. Nur ältere Leute und einzelne Strenggläubige, zumeist den niederen Klassen angehörend, beobachten die Gebote, die sich auf die Heiligung des Sabbath beziehen, indem sie gar nichts arbeiten, kein Feuer anrühren, bis zum Sonnenuntergang weder Kaffee noch geistige Getränke zu sich nehmen und die Stadt nicht verlassen. Die jungen und die modernisierten Spaniolen kümmern sich indessen wenig um diese Vorschriften, unternehmen am Samstag Landpartien und deshalb sehen sich auch die Eabbiner gezwungen, dem Zeitgeiste mehr Konzessionen zu machen. Briefkasten der Redaktion. L. F. in Wien. Wir haben die Berichte über die beiden letzten, geheimen Sitzungen des Wiener Kultusvorstandes nicht „unterschlagen". Sie wurden uns einfach vom Sekretariate wider die bisherige Gepflogenheit nicht zugeschickt. Ob das Sekretariat hiezu einen Auftrag vom Kultuspräsidenten erhalten hat und ob dies eine Ranküne sein soll für unsere Haltung in der Rabbinerfrage, entzieht sich natürlich unserer Kenntnis. Wenn also jemand diese übrigens ganz bedeutungslosen Berichte unterschlagen hat, so waren es gewiß nicht wir. Dr. H. K. in Baden bei Wien. Die rohen Exzesse des Hotelier« P f a f f vom Hotel „Stadt Wien" in Baden gegenüber jüdischen Gästen sind uns bereits bekannt. Die Hausknechtsmanieren dieses Patrons machen es den jüdischen Kurgästen zur Pflicht, das Hotel „Stadt Wien" zu meiden und dafür zu sorgen, daß dasselbe auf die Liste der antisemitischen Hotels gesetzt werde. Auf mehrere Anfragen. Sie verlangen, daß wir zum Streite der „Wochenschrift" und der „Jüdischen Zeitung" betreffs der christlichen Frau des Herrn Lucian Brunner Stellung nehmen. Wir. finden diesen Streit recht heiter : beide Teile haben einander nichts vorzuwerfen. Die „Jüdische Zeitung" wird subventioniert von Herrn Brunner, dessen Frau eine Christin ist, dagegen wird die „Wochenschrift" subventioniert von einem Kultusvorstande, dessen führende Mitglieder (Hofrat Rappoport, David von Gutmann und Wilhelm Kuffner) ihre Töchter an Christen verheiratet haben. Zieht man Doch in Erwägung, daß Herr Brunner lediglich dem Beispiel des Dr. Nordau und Zangwill gefolgt hat, so ist für die jüdische Oeffentlichkeit klar, daß in puncto Mischehe zwischen unseren Assimilanten und Zionisten kein Unterschied besteht. Es Bteht also auch gar nichts im Wege, daß Dr. Weisl, dessen Tochter einen evangelischen Theologen heiratet, demnächst von Dr. Alfred ötern für ein Kultusvorsteher-Mandat designiert wird. -! Zu eigenen Händen. Wir haben sämtliche für unseren Herausgeber bestimmten. Privatbriefe demselben ins Ausland nachgeschickt. Wir bitten daher um Geduld.

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