Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XIII (1911)
- Issue
- Heft 15 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 „Neue 'National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Sie muss aufs band. (Ghetto-Humoreske aus dem Judischen.) Der Streit um die Sommerwohnung hat zwischen dem Ehepaar gleich nach Ostern begonnen. Die Frau hat kaum den Sommerhut aufgesetzt, als sie ihrem Manne schon zuzusetzen begann. „Nun, wie wird's mit der Sommerwohnung?" fragte sie Tag für Tag. „Meinst du, daß ich es in der großen Hitze hier aushalten werde. Sieh dich doch um eine Wohnung um . . ." „Laß mich doch", erwiderte er und wendete ihr sein vergrämtes Gesicht zu. „Du siehst doch, wie die Geschäfte jetzt gehen. Tag für Tag nichts als Wechsel und Proteste und der Hausherr gibt auch keine Ruhe. Ich habe den fälligen Zins noch nicht beisammen und es ist vor lauter Sorgen nicht mehr auszuhalten. Wie kann man in einer solchen Zeit an eine Sommerwohnung denken?" „Steins gesagt, was für einen Mann ich habe", begann sie zu schreien. „Allen meinen Feinden gesagt! Gleich kommt er mit seinen Sorgen. Ich sehe wie ein Skelett aus und fürchte mich in einen Spiegel zu blicken. Aber was kümmert es ihn." „Warumst quälst du mich umsonst", sagte er sanft. „Du weißt, daß es jetzt unmöglich ist. Als ich es imstande war, habe ich dich immer mit den Kindern aufs Land geschickt und ich bin in Warschau geblieben. Aber diesen Sommer geht es wirklich nicht." „Ich muß mich aber erholen", wendete sie ein. „Ich kann ja kaum ein paar Löffel Suppe essen." Solche Gespräche fanden fast tagtäglich statt und je wärmer es draußen wurde, umso erregter wurde die Debatte. Als die Frau einsah, daß diese Gespräche zu nichts führten, ließ sie plötzlich den Gegenstand ganz fallen. Sie wurde nachgiebig und sprach sanft und gut zu ihm, so daß er sich über ihr verändertes Benehmen sehr verwunderte. Nach einigen Tagen begann sie ein Gespräch mit ihm, klagte über den schlechten Geschäftsgang und meinte schließlich, daß es vielleicht ratsam wäre, beim Wunder-Rabbi einen Rat einzuholen. Er war über ihre Worte sehr erfreut. „Ob es ratsam wäre", rief er. Schon lange hatte er Lust zum Rabbi zu fahren, aber er fürchtete immer, daß die Frau ihm Vorwürfe machen wird. Doch jetzt, wo sie selbst daraufkam, wolle er die Gelegenheit ergreifen. Schnell traf er seine Vorbereitungen, als fürchte er, daß sie sich es überlegen werde und fuhr auf Samstag zum Rabbi. Aber an demselben Tage verließ auch seine Frau Warschau. Kaum war ihr Mann fort, zog sie ihr weißes Sommerkleid an, setzte den Hut auf und fuhr mit der Bahn in einen Vorort Warschaus, wo sie eine Sommerwohnung mietete. Als sie nach Warschau zurückkam, begann sie ihre Reisevorbereitungen zu treffen. Zuerst ging sie zu einigen bekannten Kaufleuten, die ihr auf den Namen ihres Mannes etwas Geld vorstreckten. Dann kaufte sie sich einen Schlafrock, einen Schaukelstuhl und eine Menge anderer Gegenstände und Sonntag in aller Früh lud sie ihre Pakete und ihre Kinder in eine Droschke, die vor dem Hause wartete. „Rasch zur Nadwislaner Bahn", rief sie dem Kutscher zu. „Wiau", rief der Fuhrmann und zog die Bügel an. „Halt! Halt!" rief plötzlich jemand. Es war der Mann, der ein Paket in der Hand und Taleß und Tefilim unterm Arm gerade vom Rabbi zurückgekehrt war. Als er seine Frau und die Kinder aufgeputzt im Wagen sitzen sah, verwunderte er sich sehr. „Wohin, he, wohin?" schrie er seine Frau an. „Was heißt wohin?" rief sie lachend. „Hast du geglaubt, daß ich mich hier in der Stadt von der Sommerhitze braten lassen werde? Ich fahre aufs Land; aufs Land fahr' ich . . . Vorwärts Kutscher!" Der Mann geriet in Wut. Er ergriff die Pferde bei den Zügeln. „Nein, sag' ich, nein! Du wirst nicht fahren", rief er wutentbrannt. Bald hatte sich ein Häuflein Neugieriger um den Wagen versammelt. „Ich werde fahren." „Du wirst nicht fahren." „Ja, sag* ich. Rasch Kutscher!" rief sie und drängte den Fuhrmann zur Abfahrt. Dieser gab dem Pferd einige Peitschenhiebe und der Wagen fuhr rasch davon. Der Mann begann mit Tales und Tefilim unterm Arm und fliegenden Rockschößen dem Wagen nachzulaufen, während er ganz außer sich schrie: „Meine Schwelle sollst du nicht mehr betreten. Seid Zeugen, Juden! Ich will nichts mehr von ihr wissen." Aber die Frau drehte sich gar nicht um nach ihm, sondern saß bequem in der Droschke und nagte an einem Bonbon . . . (Deutsch von Hermann Blumenthal.) A. Grohmann : Die Juden in Salonik. Zur Emanzipierung der Sephardim. Die Stadt Salonik galt seit jeher als Judenstadt par exeellenee, und die alten Trachten, die man hier bei den Spaniolen noch antraf, verliehen dem Straßenbilde einen eigentümlichen biblischen Charakter. Daran hat sich im Verlaufe eines Vierteljahrhunderts manches geändert. Das frühere patriarchalische Leben der Juden, das damit verbundene Wesen beginnt immer mehr den Anforderungen des modernen Lebens zu weichen, und da die spanischen Juden, die Sephardim, wie sie sieh hier nennen, infolge ihrer natürlichen Intelligenz dem Fortschritte sehr zugänglich sind, darf wohl angenommen werden, daß die Modernisierung ihrer Sitten rasch weiter vorwärts schreitet. Schon werden die alten Trachten bei Männern und Frauen immer seltener, nur Angehörige der mittleren und ärmeren Klassen tragen sie noch; da sieht man noch die langen pelzverbrämten Talare, die frauenrockähnlichen Antaxis über den Beinkleidern, die Frauen mit ihren smaragdgrünen und dottergelben Eoffies, in welchen sie ihr Haar zusammenraffen, die kurzen, seidenen, pelzbesetzten Jäckchen und die bunten Eöeke mit dem schräg darüber gezogenen, sehürzenartigen üeberwurf. Als Schmuck tragen sie massive goldene Armbänder und echte Perlenschnüre um den Hals, das