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Neue Nationalzeitung · 1911-07-28 · Heft 15 (28.7.1911) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 15 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15 „Neue National-Zeitung8 Seite 9 von Fez in sclilimmer Lage. Bevor die französischen Truppen in Fez einniaschierten, hatten sie vtn den Marokkanern aller Parteien die bittersten Leiden und Verfolgungen auszustehen. Bald überfielen die Aufständischen, lald wieder die Sultantreuen das Judenviertel und richteten dort die scheußlichsten Verwüstungen an. Nun, da die französischen Truppen in Fez eingezogen, glaubten sie, aufatmen zu dürfen und beeilten sieh auch, den Truppenkommandanten durch eine Deputation mit den Eabbinern an der Spitze ihre Glückwünsche zum siegreichen Einmärsche darzubringen und seinen Schutz zu erbitten. Die Juden scheinen diesen Schritt auf Geheiß des Sultans getan zu haben, der bekanntlich die Franzosen selbst gerufen hatte. Die Juden von Fez kamen aber vom Eegen in die Traufe. Waren sie auch momentan von den Marokkanern unbehelligt gelassen, so werden sie jetzt wieder von den französischen Truppen drangsaliert und geplündert. Es sind zumeist tunesische und algierische Regimenter, die sich zuhause so sehr an Ueberfälle auf Juden gewöhnt hatten, daß sie ihr Metier auch in Marokko nicht lassen wollen. Trotz strenger Maßnahmen seitens des Kommandanten M o i n i e r konnte die Wiederholung solcher Ausschreitungen seitens der Mannschaft nicht verhindert werden. Judemius Weisungen in Russland. Wie aus Irkutsk mitgeteilt wird, haben die Ausweisungen der jüdischen Kr ank e n, die sich über ihr Wohnrecht nicht ausweisen können, aus den transbaikalischen Kurorten begonnen. Nach Meldungen aus Tomsk ist im Badeort Karatschi über sämtliche jüdischen Gäste, die in großer Anzahl zur Kur eingetroffen waren, die Ausweisung innerhalb drei Tagen verfügt worden. Der Petrokauer Gouverneur wies die ihm unterstehenden Landräte und Polizeichefs an, die nach Eußländ kommenden ausländischen Juden scharf im Auge zu haben und unnachsichtlich auf die peinlichste Genauigkeit der vom Gesetz vorgeschriebenen Schriftstücke zu achten. Bei der geringsten Ungenauigkeit der in Betracht kommenden Papiere dürfe der Eeisepaß der Betreffenden nicht visiert werden. Besonders streng soll auf diejenigen Juden geachtet werden, die nicht in Handelsgeschäften nach Bußland kommen. Die Juden in Persien. Die kriegerischen Ereignisse in Persien bringen uns wieder das traurige Los unserer dortigen Brüder in Erinnerung. Die Zahl der Juden sowohl wie ihr wirtschaftlicher Einfluß in Persien wird gewöhnlich unterschätzt. Man darf in ganz Persien wohl 40.000 bis 50.000 zählen. Am dichtesten sitzen sie in Hamadan und Umgegend (Tussierkan, Nähawand, Burdjerd), wo sie auf 12.000 bis 15.000 zu beziffern sind. Vielleicht waren Juden schon vor der Diaspora, wie in Mesopotamien, so auch in Hamadan, dem alten medisehen und persischen Herrschersitz, ansässig. Erklecklich ist auch ihre Stärke in Teheran (5000). An diesen Plätzen wie auch in Schiras (rund 1000) sind die ärmeren Klassen in der Überzahl, doch beginnt Wohlhabenheit und europäische Bildung, namentlich infolge der kulturellen Arbeit der Alliance Israelite Universelle, sich zu verbreiten, die Schulen in Teheran (seit 1898), Hamadan und in drei Hamadan benachbarten kleinen Städten, in Schiras, Ispahan und Jasd, eingerichtet hat. Da die Unterrichtssprache das Französische ist und die Lehrer, die von Paris entsandt werden, französische Untertanen sind, (meist Algerier und Tunesier), also unter französischem Schutz stehen, arbeiten diese Anstalten in Persien im Interesse der französischen Bildung und des französischen Handels, wie dies auch in Mesopotamien, bei den Schulen der Alliance in Bagdad und Mossul, der Fall ist. Als arm wird die numerisch nicht unbedeutende Gemeinde von Ispahan (500U) geschildert. In tiefer Dürftigkeit und in der Stellung von Parias leben die Juden des südöstlichen Persiens in Jasd (etwa 1000) und Kerman (an 200). Hier sind sie noch gezwungen, ihre Niedrigkeit durch auf die Brust geheftete rote Stoffstücke zur Schau zu tragen; auch wchnen sie in den Quartieren der Parssi, denen der Perser als Bekenner der Lehre Zarathustras gleiche Verachtung zuteilt. Am stärksten vertreten sind sie im Bezirk von Soldus, westlich von Urmia unter dem Stamme der Karapapaks. Im Gebiet von Salmaß bewohnen ihrer 500 bis 600 die Ortschaft Kun-e-schehr. Im östlichen Teile der Provinz Aserbeidschan ist der Jude sehr selten anzutreffen. Der Grund liegt in den Judenverfolgungen im 17. und 18. Jahrhundert in Tälris, welche die unter den duldsamen, toleranten Mongolensultanen dort blühtnde jüdische Kolonie vernichteten. Ein Wunderrabbi als Methusalem. In Szamos (Ungarn) ist im Alter von 117 Jahren der Eabbiner Isaac Eeich nach kurzer Krankheit gestorben. Eeich galt als ein WunderrabbL zu dem Juden von Fern und Nah pilgerten, um Eat in Glaubens- und Lebensfragen zu holen. Er war viermal verheiratet; seine letzte Frau starb vor zwei Jahren im Ali er von 93 Jahren. Die Juden in Jamaica. Eabbiner Abraham E.Dobrin aus Kingston (Jamaica), der ältesten Judengemeinde der westlichen Hemisphäre, schildert die Lage der Juden in Jamaica wie folgt: Wie in ganz Wc;-iindien, ist auch in Jamaica die jüdische Bevölkerung in steter Abnahme begriffen. In St. Thomas Lüh es einst eine große, blühende Judengemeinde, heute sind nur noch spärliche Ueberreste vorhanden. In Surinam sind die Verhältnisse nicht besser. Die Juden werden durch die Mischehen von der übrigen Bevölkerung aufgesogen. Dss merkwürdigste an der Sache ist, daß die alten portugiesischen Juden die zu stolz waren, ihre Kinder an englische Juden, zu verheiraten, es als eine Ehre ansehen, sich mit christlichen Familien afrikanischen Ursprungs zu verschwägern. Man legegnet hier einer großen Zahl farbiger Familien, die den Familiennamen Mendes da Costa, Morais, Gideon, Delgado usw. führen und auf ihre jüdische Alkunft stolz sind, aber selbst keine Juden sind. Die letzte Volkszählung gibt 2S00 Juden in Jamaica an, nach meiner Schätzung dürften es kaum 1000 bis 1200 sein. Man kann Neger sehen, in deren Adern jüdisches Blut fließt, und die sich bei der Zählung als Juden eintragen lassen. Auflösung des jüdisch-literarischen Vereins in Petersburg. Auf Verfügung des Stadthauptmanrs von Petersburg wurde der jüdisch-literarische Verein geschlossen. Dieser neue Gewaltakt ruft um so größere Verwunderung hervor, als dem Verein im Laufe seiner dreijährigen Existenz nie die Verwarnung zugegangen ist. Diese Gesellschaft, eine der bedeutendsten jüdischen in Enßland, die über mehr als 100 Abteilungen in den Provinzstädten verfügt hat, beschäftigte sich mit der Hebung der Bildung der russischen Judenheit. Sie gründete Bibliotheken, Lesehallen, richtete Unterrichtskurse ein, veranstaltete Vorträge und Lehrgänge und hat sich in ihrer Arbeit erhebliche Verdienste erworben. Es war ihr einziger Fehler, daß sie nicht auf ausgesprochener nationaler Grundlage basierte, und indirekt hat dies auch zu ihrer Schließung geführt. Denn unter den Mitgliedern, die meist Jargonisten waren, befanden sich auch eine erhebliche Anzahl alter Mitglieder des „Bundes" und der anderen revolutionären Verbände aus der Eevolutionszeit. Naturgemäß ließ es sich nicht vermeiden, daß infolgedessen manche Zweigvereine sich nicht nur mit literarischen, sondern sich auch mit politischen Dingen befaßten, und dies hat denn der Begierung den Vorwand zur Schließung der Gesellschaft gegeben. In Wirklichkeit aber ist neben der gekennzeichneten allgemeinen politischen Tendenz der Eegierung der eigent-

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