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Neue Nationalzeitung · 1911-05-19 · Heft 10 (19.5.1911) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 10 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 ,Neue National-Zeitung'' Nr. 10 haben ihr Lied. Menschen und Vögel singen. Wilde und zahme Tiere singen dem Herrn Loblieder. Stein klopft an Stein, Metall klingt . . . Fließendes Wasser schweigt nicht. Und erst der Wald! Beim leisesten Windhauch singt er einen Wolech,17) einen wirklichen, stillen, süßen Wolech. Und der Eisenbahnzug zum Beispiel, das Ungeheuer mit den rotflammenden Augen, — betäubt er nicht mit seinem Gesänge? Selbst die stummen Fische, las ich einmal in einem Buche, schwimmen von Zeit zu Zeit ans Ufer klopfen mit den Flossen auf den Sand, auf einen Stein und freuen sich daran. Wenig Töne? Man braucht nur ein Ohr zu haben, das wie ein Netz die Töne fängt, wie ein Schwamm sie aufsaugt. Allerdings: Töne allein machen noch keine Melodie, wie ein Haufen Ziegel noch kein Haus ist. Die Töne sind erst der Leib der Melodie; sie braucht noch eine Seele dazu. Und diese Seele ist das Empfinden eines Menschen: Seine Liebe, sein Zorn, seine Güte, Rache, Sehnsucht, Reue, Leid . . . Alles, was ein Mensch fühlt, kann er in die Melodie hineinlegen, und die Melodie — lebt! Denn, meine Herren, ich glaube, daß das, was mich labt, leben muß. Wenn mich eine Melodie labt, wenn ich von ihr Genuß, eine neue Seele empfange, so sage ich, daß sie lebt. Zum Beweise: Nehmt eine Melodie und zerschneidet sie! Singt sie verkehrt! Singt erst die Mitte und dann den Anfang und das Ende. Ist das noch eine Melodie? In Summa habt ihr alle Töne, es fehlt euch kein einziger, aber die Seele ist weg! Ihr habt eine lebende weiße Taube geschlachtet, und imterm Messer ist ihr die Seele entflohen. Sie ist tot, die Leiche einer Melodie! In Talne ist es sonnenklar, daß Melodien leben . . . Melodien leben und Melodien sterben. Man vergißt sie wie die in die Erde Gebetteten. Jung und frisch war sie einmal, die Melodie. Sie strotzte von jungem Leben . . . Mit der Zeit wurde sie schwächer und schwächer, die Kräfte gingen ihr aus ... sie wurde altersschwach . . . Dann verhauchte ihr letzter Atemzug irgendwo in der Luft, sie erstickte — und war nicht mehr! . . . Doch eine Melodie kann auferstehen! Plötzlich erinnert man sich einer alten Weise. Sie löst sich plötzlich vom Munde los . . . Und unwillkürlich legt man ein neues Gefühl, eine neue Seele in sie hinein. Fast ist es eine neue Melodie, die nun lebt. Das ist schon Wandlung einer Melodie . . . Ihr versteht mich nicht gut. — Sprich dem Blinden vom Lichte! Ich will es anders versuchen. Geschichten hört ihr doch gerne. So will ich euch die Geschichte der Wandlungen einer Melodie erzählen . . . Höret! Drei, vier Meilen hinter Berdyczew, gleich hinter dem Walde, liegt ein Städtchen Machnowka. In diesem Machnowka gab es eine gar nicht zu verachtende Kapelle. Ihr Kapellmeister — Reb Chaiml hieß er — war ein hochbegabter Musiker, — ein Schüler Pedohzurs aus Berdyczew. Dieser Reb Chaiml hat keine neuen Melodien gemacht, d. h. er war kein Komponist. Aber zu Gehör bringen, schön ausstatten, interpre- I7) Schwermütige walachische Melodie. tieren, ins Herz spielen — das verstand er. Darin lag seine Kunst. Er war dürr und mager. Aber sowie er zu spielen begann, wurde er sofort ein anderer Mensch. Die sonst gesenkten Lider gingen langsam in die Höhe, und aus den stillen, tiefen Augen fiel ein Schimmer wahrer Geistigkeit über das blasse Gesicht. Man sah deutlich, daß er in solchen Augenblicken nicht von dieser Welt war. Seine Hände spielen allein, von selbst, und die Seele fliegt irgendwo herum, hoch oben in der Welt der Musik . . . Manchmal vergaß er sich und begann auch zu singen. Er hatte eine Stimme, — die klang so klar und rein, wie ein Klarinett . . . Wäre Chaiml kein frommer, einfacher Jude, beinahe ein Einfaltspinsel gewesen, hätte er sich nicht mit acht Kindern in Machnowka abgequält, — so würde er gewiß schon irgendwo in einem Theater gespielt oder gesungen haben oder vielleicht Chor- Chasen18) in Berlin oder Paris geworden sein. . . Doch solche Leute schickt wohl schon Berdyczew hinaus. Chaiml Einfalt sitzt daheim und borgt monatelang in allen Lebensmittelgeschäften ä konto einer reichen Hochzeit, die doch einmal wird sein müssen. Nun kam wirklich einmal eine reiche Hochzeit zustande. Und obendrein noch beim Magnaten von Machnowka, bei Berl Katzners Witwe. Berl Katzner selbst — er mag mich würgen kommen19) — war ein großer Wucherer gewesen und ein noch größerer Geizhals. Er gönnte sich das Essen nicht, pflegte nach den Kindern die Brosamen aufzuklauben. Ein eisern Herz hatte er, der Mensch! Vor dem Tode, fast schon im Todeskampfe, rief er den ältesten Sohn, ließ sich die Geschäftsbücher reichen und zeigte mit braunblauem Finger überall hin, wo eine Rate nicht gezahlt war. Und „daß du mir nicht prolongierst. Gott behüte! Hörst du! Wenn du nicht das Gebot der Ehrfurcht vor dem Vater verletzen willst!" Dann rief er sein Weib heran und hieß sie das Kupfer aufbewahren, das an der Wand hing. „Sowie ich die Augen schließe", meinte er, „ist alles herrenlos!" Sprachs und starb; (Fortsetzung folgt.) 18) Chason (Kantor) in einer Reformsynagoge, zu deren Hauptneuerungen der Chor gehört. 19) Zur Strafe dafür, daß Böses über ihn gesagt wird. Anspielung auf einen Aberglauben. DAv^WENER© \ ETABLISSEMENT * MOBEEl frERKLR :VI'MAßlAHILFER5: Sny65EB1'LIEFEgT| MODERNE DEISTER HAB AUSGEFÜHRTE! .WrNU^^ ÜBERB^SCHENDBILLIG! J VlD— " ' —<<$J

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