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Neue Nationalzeitung · 1911-05-19 · Heft 10 (19.5.1911) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 10 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 10 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. J. L. Perez: Die Wandlungen einer Melodie. Ihr wollt eine Talner Melodie. Haltets wohl für eine Kleinigkeit: Man nimmt eine Melodie von einem Talner Schaleschidis*) und singt sie einfach nach. Aber eine Talner Melodie muß von vielen gesungen werden. Alle müssen mitsingen. Ihr wollt mir helfen? Nein, Brüder! Mit polnischen Chassidim läßt sich keine Talner Melodie singen! Ihr habt ja keinen Begriff, keine Idee von Musik. Ich höre ja eure Musikanten und Chasonim.-) Das ist ein Kollern, nicht ein Spiel! Und beim Singen schreit ihr wie Hühner, die geschlachtet werden. Selbst die Sinai-Melodien3) bringt ihr absonderlich wild heraus. Und eure Märsche, eure Kosaklech4) sind noch wilder als eure Bewegungen und Grimassen. Ihr sagt, das sei chassidische Art. Bei uns sind andere Chassidim. Woher wir Musik verstehen? Vielleicht liegts im Blute. Vielleicht in der Gegend. In unserer Kiewer Gegend ist kein Haus ohne Geige. Jedes Kind aus gutem Hause oder, wie man dort sagt, was eines Vaters Kind ist,5) muß eine Geige haben, muß spielen können . . . Wenn ihr wissen wollt, wie viele Mannsleute in einer Wohnung sind, blickt auf die Wände! So viele Geigen hängen, so viele Mannsleute! Alle spielen: Es spielt der Großvater, es spielt der Vater, es spielt der Sohn. . . . Nur schade, daß jedes Alter das seinige, daß jeder anders spielt. Der Großvater spielt Sinai - Melodien oder sonstige chasonische Sachen: Ein „Kol nidre", „Schojschanos Jakow", ein „G'di k'schur jodojim",e) — es gibt ja genug. Der Vater, ein chassidischer Mensch, schwelgt in einem gitjidischen7) Steiger.8) Der Sohn spielt schon von Noten! Und sogar schon aus dem Theater! Wie die Generation, so die Melodie. Was tun Chassidim, wenn sie keinen Branntwein haben? Sie sprechen von Branntwein! Einer allein singen, ohne Gesellschaft, ohne das Feuer, welches die Menge gibt — das geht nicht. Laßt uns von Musik wenigstens sprechen! Musik, müsset ihr wissen, ist eine große Sache. Ganz Talne beruht auf Melawe-malkes0) und die Hauptsache dabei ist die Melodie. Es kommt nur darauf an, wer singt und was einer singt. Mit den gleichen Ziegeln kann man eine Schul10) oder eine Kirche, einen Palast oder einen Kerker oder auch ein Spital bauen. Mit den gleichen Buch- ') Scholausch ssudaus (schalosch ssudoth dritte Mahlzeit], Mahl vor Sabbat-Ausgang. 2) Mehrzahl von chason Kantor. 3) Die traditionellen Melodien, die an den hohen Feiertagen gesungen werden und nach dem Volksglauben vom Berge binai stammen. 4) Kleinrussische Tanzweisen. 5) Nämlich: Eines Vaters, der gesellschaftlich etwas bedeutet. 6) Gebete. 7) Eigenschaftswort von „Giter Jid" (wörtlich: Guter Jude), gleichbedeutend mit „Rebbe" tWunderrabbi der Chassidim). 8) Melodie. 9) Melawe malko. Königin (Sabbat) begleitende (Mahlzeit). Am Ausgange des Sabbat. 10) Bethaus. staben schreibt man die Mysterien der Thora und — sie seien wohl unterschiedenu) — die größten Ketzereien. Ebenso kann man mit denselben Stimmen empor zu den höchsten Stufen der Begeisterung und Inbrunst und hinab zur untersten Hölle, um sich dort wie ein Wurm im Schlamme zu wälzen. Ein Brief, wie man ihn liest. Eine Weise, wie man sie singt. Nehmt z. B. ein „Freleehs".1-) Es kann eine Talner Melawe-malke vom Schabbes schire1') sein — die Freude der frommen und guten Werke. Und sie kann die Freude eines freigelassenen Vogels in einer schrankenlosen Welt sein. Eine Melodie glüht, sie ist wie mit Liebe durchtränkt. Doch es gibt viele Arten von Liebe. Es gibt eine Liebe zu Gott, eine Liebe zu den Menschen, eine Liebe zu Gesamt-Israel . . . oder gar zu sich selbst, oder gar, behüte Gott, zu dem Weibe eines anderen. Eine Melodie klagt und weint. Aber die eine klagt über die Verführerin Schlange, über das verlorene Paradies, die zweite über das Exil der Sch'chine,14) über die Zerstörung des Tempels, über unsere Armut und Niedrigkeit. „Sieh unsern Stand!" klagt sie. Eine dritte weint, weil einem seine Schöne entlief. Es gibt sehnsüchtige Melodien. Aber wonach geht das Sehnen? Eine Seele sehnt sich nach ihrer Wurzel oder ein alter Hund ohne Zähne1') nach jungen Jahren und jungen Trieben. Nehmt z. B. das Lied: Reb Dowidl hat gewohnt in Wassilkow, in Wassilkow, Und heut wohnt er in Talne, Reb Dowidl, Reb Dowidl hat gewohnt in Wassilkow, Heut' wohnt er in Talne. Das Liedl wird von Talnern und von Wassilkowern gesungen. Wenn es die Talner singen, ist es wirklich ein fröhliches Liedel, sprüht und glüht Freude und Lust. Wenn es aber die Wassilkower singen, ist es von Leid und Schwermut durchtränkt. Es kommt auf die Seele an, auf das, was man in die Melodie hineinlegt! Die Melodie, müßt ihr wissen, ist eine Summe von Stimmen, oder, wie jene sagen, von Tönen. Die Stimmen oder Töne nimmt man aus der Natur. Sie erfindet niemand. Und in der Natur fehlt es nicht an Stimmen. Alles hat da seine Stimme, seinen eigenen Klang, ja sogar seine ganze Melodie. Die Planeten singen, wie uns überliefert ist, Tag und Nacht — „Tag verkündet Rede dem Tage und Nacht offenbart Erkenntnis der Nacht."10) — n) Wenn der frommgläubige Jude von etwas, was ihm geheiligt oder teuer ist, in einem Atemzuge mit Profanem, Gleichgültigem oder Nichtgelittenem spricht, unterläßt er es nicht, dazwischen das Wort „l'hawdil" /„zu unterscheiden"; einzufügen. ,2) Wörtlich: Ein „fröhliches". Eine Art lustiger Tanzweise. 13) Schabbos schiro (schabbat schira). Der Sabbat, an welchem die „Schiro", das Lied Moses nach dem Uebergang der Juden über das rote Meer aus der Thora vorgelesen wird. M) Sch'chino sch'china) die von Gott emanierte Herrlichkeit, die nach der Sage mit den Juden in das Exil gezogen ist. u) Derbes Volkswort von einem alten Lüstling. ") Psalmenstelle.

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