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Neue Nationalzeitung · 1911-05-05 · Heft 9 (5.5.1911) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 9 (5.5.1911)
Date
1911-05-05
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Prof. Dr. M. Grünfeld: I^arl Schönherr und der Maggid. „Welch' eine Zusammenstellung!" höre ich ausrufen. Der erfolgreiche, isieggekrönte Dichter von „Glaube und Heimat", was hat er mit dem jüdischen Wanderprediger zu tun? Der Darsteller Tiroler Krafttypen, wie kommt er mit dem zermürbten, jüdischen Darschan zusammen? Das klingt ja gerade so, wie, wenn wir lesen, daß der selige Friedrich Schiller den Pegasus ins Joch spannte. Doch gemach. Auf alle diese verwunderten Fragen soll Antwort gegeben werden. Da ist jüngst bei L. Staackmann in Leipzig ein neues Büchlein Karl Schönherrs erschienen. Der Dichter fügt hier einige Skizzen, meist aus dem Tiroler Leben, ja unter dem Gesamttitel „A u s meinem Merkbuch" zusammen. Um es gleich zu sagen: Die Sächelchen haben verschiedenen literarischen Wert. Wir bewundern an ihen die urwüchsige, kraftstrotzende Sprache, welche als der Ausdruck des Wesens dieser natürlichen Kraftgestalten bezeichnet werden muß. Ein Dichter, wie Schönherr, wird seinen Lesern immer etwas zu sagen haben, und seine Gestalten sind keine Schemen, sondern Menschen von Fleisch und Blut, diese Bauernkinder, Pfarrer, Tiroler Raufbuam, diese Mütter und Väter, Gemeinderäte und Schulmeister. Vergessen wir auch nicht an den Hundecharakter „Der Schnauzl", der besser ist, als die Menschen . . . Aber wie wunderten wir uns, in der zweiten dieser Skizzen, der zu Herzen gehenden Schilderung, genannt: „Mein altes Bergpfarrerl", eine Anekdote zu finden, sagen wir eine „Loze", die von einem der Wanderprediger, Maggidim erzählt wird, von denen eine Besprechung in der letzten Nummer dieses Blattes handelt. Ja, ein wirkliches, witziges Maggidus wird hier ins Tirolerische übertragen. Welche Wandlungen kann auch eine „Loze" durchmachen! Das witzige Geschichtchen, das ich meine, wurde mir in folgender Art von meinem, im Herrn ruhenden Vater erzählt: Kommt da ein Darschan, verhungert und gedrückt, in eine Kehillah. Er möchte für einen Freitisch und etwas Kleingeld „darschenen". Man widerrät es ihm, denn sagen seine Kollegen, in dieser Gemeinde sei kein Boden für die Thora, weil ihre Mitglieder, Gott sei's geklagt, alle gewaltige Amrazim, wir würden sagen: Ignoranten, wären. Das soll vorkommen. Was tut man aber nicht, wenn einen der Hunger drückt und der Magen seine unheimlichste Symphonie knurrt? Kurz, mein Rebbele entschließt sich doch zu „sagen". Während er seine Thorah vorträgt und sich seinen Spitzbart, „Ziegenbart", bedenklich streicht, muß er zu seinem Leidwesen bemerken, wie alle Zuhörer sanft entschlafen. Sie sind eben Amrazim, die keinen Sinn für die Thorah besitzen. Der Darschan sieht dies mit Kummer. Doch halt, nicht alle schlafen. Ein Blick auf die „Weiberschul" macht unseren Maggid erstarren. Er sieht dort ein Weiblein, das bitterlich weint. Ist es von des Predigers Vortrage so gerührt? Ein Weizenkorn in der Spreu, denkt der. Doch er wird sie fragen, und um den Grund ihres Tränenstromes ausforschen. Der Vortrag ist zu Ende und mein Darschan, der von den Ignoranten seine Thorah vorgetragen, begibt sich zu dem Weiblein und fragt es milde: „Warum, sagt es mir, habt Ihr geweint, während die anderen schliefen, und selbst der Herr Vorsteher ziemlich laut schnarchte? Hat Euch mein Maggidus so gerührt?" Und das Weiblein darauf: „Das nicht, lieber Rebbe, denn ich hab' Euch ja nicht verstanden. Aber, wie sich der Rebbe seinen Spitzbart gestrichen hat, habe ich mich an eine „Koze" (Ziege) erinnert, die ich jahrelang besessen habe. Diese „Koze" hatte gerade so einen Bart wie der Rebbe und vor einem Jahre, auf den Tag gerechnet, ist sie mir leider zugrunde gegangen. Und an dieses liebe Tier mußte ich denken, als der Rebbe darsehente und sich seinen Bart strich." — Tableau! Der Rebbe war nicht erbaut, — Und diese alte Loze hat sich in die Skizze „Mein altes Bergpfarrerl" von Schönherr verirrt. Wer kann es sagen, wie? Nicht nur die Wege der Sagen und Legenden, auch die der „Lozes" sind oft wunderbare. — Und nun höre man, welche Wandlung das alte Maggidus durchgemacht hat. Ich zitiere hier nach den Worten Schönherrs in seinem Merkbuche auf Seite 21 und 22: „An hohen Festtagen bekommt das einsame Pfarrerl eine „Aushilf" in Gestalt eines Kapuziners oder Franziskaners aus dem nächsten Kloster. Ein solcher „Aushilfkapuziner" — predigte einmal mit gewaltiger Salbung unter beständigem pathetischen Nicken seines bärtigen Hauptes. Von der Kanzel aus sieht er ein altes Weiblein ... es flennt vor sich hin und schaut unentwegt tränenden Auges zu der Kanzel auf. Immer salbungsvoller wird die Rede des Predigers; immer stärker bewegt sich sein Haupt mit dem herausgestrichenen Barte auf und nieder und immer heftiger schluchzt das Weiblein ... — Nach der Predigt fragt er die Alte: „Weiberle! Was hat dich an meiner Predigt so gepackt?" — „Ja mei", meinte das Weiblein. „Wie beim Predigen Enkar (auch dieses Wort ist in unseren jüdischen Jargon übergegangen) Bart alleweil so auf- und niedergegangen ist, da ist mir halt wieder mei' einz'ge Geiß eing'fallen, dö mir vor vierzehn Tag' aufn Berg ob'n derf allen ist!" Das Bergpfarrerl macht dazu die Bemerkung: „Bin sonst nit schadenfroh, aber die Abfuhr han i ihm vergönnt!" Wir teilen freilich die nicht ganz mitleidsvolle Gesinnung des „Bergpfarrerls" dem Kapuziner gegenüber. Aber dem Darschan hätten wir eine minder ignorante Zuhörerschaft gegönnt. Doch die Wandlung, die unsere „Loze" durchmachte, wollten wir hier anmerken. „Aus meinem Merkbuch" wird viel gelesen werden. Und so sei denn diese Ausführung eine Erklärung ihrer Aufschrift, die vielen auffällig klingen dürfte, der Aufschrift: Karl Schönherrund dem Maggid. Uebersfedlunasanzeige. Die Kanzlei des Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. S. R. Landau befindet sich ab Mai 19H IW I., Oppolzergasse 4 (nächst dem Hofburgtheater).

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