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Neue Nationalzeitung · 1911-03-17 · Heft 6 (17.3.1911) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 6 (17.3.1911)
Date
1911-03-17
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 6 „Neue National-Zeitung" Seite 11 Wladimir Doroszewicz: „Tscherta"*) Eines von beiden: Entweder sind die Juden Menschen wie wir — oder Sie sind eine ganz andere Gattung: Schädlinge. Im ersten Falle kann es bezüglich des Ansiedlungsrayons keine Frage geben. Sind sie solche Menschen wie wir, dann gebührt auch ihnen dasselbe Recht wie uns: das freie Ansiedlungsrecht. Wenn aber die Juden eine ganz eigene, eine schädliche Gattung repräsentieren, dann hat auch der Ansiedlungsrayon keinen Zweck und auch er ist schädlich. Die Juden sind ein schädliches Volk. Großartig. Dann wäre es einzig vernünftig, ihnen bloß zu gestatten, daß sie sich in der Gegend von Jakutsk niederlegen dürfen. Das wäre grausam, aber logisch. — Hole euch der Teufel! Ihr seid ein schädliches Volk und darum erfriert in der Wildnis. Aber warum hat man den Schädlingen zur Ansiedlung die besten fünfzehn russischen Gouvernements überlassen: Bessarabien, Wilna, Witebsk, Wolynien, Grodno, Jekaterinoslaw, Kiew, Kowno, Mohylew, Podolien, Poltawa, Cherson, Gzernigow, Taurien. Nur die allerbesten Gouvernements! Wo bleibt die Logik? Du bist ein Bösewicht! Also darfst du nicht wohnen im sumpfigen Gouvernement von Petersburg, mit dem schweren Klima, mit dem Himmel so grau wie das Sträflingskleid, mit dem trüben Frühling und mit dem wetterfaulen Sommer, mit dem Sommer ohne Sonne und mit der dumpfen Luit. Dafür aber darfst du wohnen in dem gesegneten Lande, unter dem ewig blauen Himmel, wo der Winter nur eine kurze Erholung bildet nach den heißen Sommertagen, bade in den goldenen Strahlen und atme die reine Luft der See und der Steppen. Wer „verschickt" denn in die Krim, wer macht aus dem herrlichsten Winkel der Erde einen Misthaufen? Und wodurch haben denn die Einwohner der schönsten russischen Gouvernements gesündigt, daß man ihnen die schädlichen Menschen auf den Hals schickt? Die Juden sind schädlich. Schädlich durch ihre Ausbeutung. Aber zur Ausbeutung muß man Geld haben, das heißt, daß der reiche Jude schädlicher ist als der Arme. *) Die Frage des Ansiedlungsrayons („Tscherta") steht jetzt in Kußland im Mittelpunkte der öffentlichen Diskussion, seitdem die Duma den Beschlaß gefaßt hat, den Antrag auf Aufhebung des Ansiedlungsrayons einer Kommission zuzuweisen. Diese Frage ist für die russische Judenschaft nicht nur eine politische, sondern geradezu die Lebensfrage. Die Juden fassen neue Hoffnung und die reaktionären Yerbandsblätter toben. Sie drohen offen mit Judenpogroms. Der russische Adelskongreß in Petersburg hat sich beeilt, Stellung zu nehmen und hat den Antrag als „verbrecherisch" bezeichnet. Um so dankenswerter ist es, daß ein so angesehener Schriftsteller wie Wladimir Doroszewicz im Tagblatt „Knsskoje Slowo" die Institution der „Czerta" ad absurdum führt und mit bewundernswertem Mute den Nachweis erbringt, daß sie nur die Korruption der Polizei fördert. Dieser höchst aktuelle Aufsatz wird gewiß auch von unseren Lesern mit großem Interesse gelesen werden. Die Redaktion. Wie der Bewaffnete gefährlicher ist als der Unbewaffnete. Und je reicher der Jude, desto schädlicher. Dann wäre aber folgendes Gesetz logisch: In den großen Städten ist es lediglich gestattet, den armen Juden zu wohnen, als den am wenigsten gefährlichen und schädlichen. Dagegen ist es den reichen Juden verboten, in den großen Städten zu wohnen, denn sie sind die schädlicheren und gefährlicheren. Warum ist es aber dem jüdischen Kaufmanne erster Gilde, das heißt dem reichen und gefährlichen Manne gestattet, sich frei in den großen Slädten anzusiedeln und nur der arme Teufel, der nichts zu essen hat, der unbewaffnet ist, nur der daif in der Hauptstadt nicht wohnen? Wer pflegt sich denn gegenüber einem Wehrlosen zu schützen, dagegen dem ausgerüsteten Feind ganz offen Einlaß zu gewähren? Der reiche Bankier, der Millionen besitzt und tausendfach ausbeuten kann, dem wird das Recht eingeräumt, in Moskau, Petersburg und wo er nur will zu wohnen — der kleine Krämer, der Aepfel feilbietet, kann damit höchstens in Hornel hausieren. Wie wenn die Aepfel vom Baume der Erkenntnis wären. Es gibt eigentlich keine Judenfrage, es gibt nur eine Polizeifrage. Es handelt sich gar nicht um die Tscherta. Es handelt sich: Um die besonderen Einkommensquellen für die Herren Polizeimeister, Polizeikommissäre, ihre Inspektoren und Gehilfen. Wir wissen, daß der Jude, der ein Hehler, Mädchenbändler, Wucherer oder dergleichen ist, also leicht Geld verdient und gut bezahlen kann, sich alles so einrichtet, wie er es haben will. Aber der arme Teufel, der nicht zahlen kann — und wofür sollte er denn zahlen — für ihn ist die Tscherta in Wahrheit der verhexte Kreis. Vor meinen Augen wurde vor zwei Jahren die Frage der Tscherta, in folgender Weise gelöst: Es war nur ein kleines Ereignis. Der Tropfen des Meeres ist auch nur ein Tropfen, aber vom chemischen Standpunkte aus ist er doch das ganze Meer. Eine der nördlichen Städte sollte in eine Festung ersten Ranges umgewandelt werden. Es wurde dies jedoch noch gar nicht beschlossen, es wurde bloß geplant. Man begann erst zu planen. Die ganze Sache hätte noch die militärischen Instanzen, das Landesverteidigungskomitee, die Duma, den Reichsrat passieren müssen. Aber im Orte selbst ging man schon an die Arbeit. Der erste Schritt wurde getan. Den Juden ist es verboten, in d(n Festungen erster Klasse zu wohnen, also mußten sie von dort vertrieben werden. In zwei Wochen mußten alle Juden Slobodka verlassen! Die Chefs der dortigen Bankfilialen bestürmten den Stadthauptmann. Die Juden in Slobodka sind doch kleine Kaufleute, wir haben ihre Wechsel, das wäre für uns eine Niederlage. Aber die Staatsnotwendigkeit! Es stürmten die Juden aus Slobodka herein. Ich bin doch ein unschädlicher Mensch, ich habe eine Familie, laßt mich vorläufig in Ruhe. Ich kenne dich gar nicht.

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