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Neue Nationalzeitung · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XIII (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 1 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Richard Ch arm atz: Adolf Fischhof und das jüdische Proletariat in Salizien *) Fischhofs realpolitischer Sinn zeigt sich auch in seiner Stellung zur Judenfrage. Durch die Revolution des Jahres 1848 war der Bann gebrochen worden, der Jahrhunderte schwer auf den österreichischen Juden gelastet hat. Fischhof selbst stand unter den Kämpfern für die unterschiedslose Gleichberechtigung aller Staatsbürger in der ersten Reihe. Schon in seiner fesselsprengenden Märzrede war er für die „Aufhebung aller an das Glaubensbekenntnis geknüpften politischen Beschränkungen" tapfer eingetreten, und dieses Beginnen hatte ihm den Beifall von vielen tausend Bürgern und Studenten eingetragen, die er an den drei großen Tagen der Befreiung kennen zu lernen Gelegenheit fand. So wenigstens teilte er in einem Schreiben mit, in dem er darauf hinwies, daß die „Wiener Zeitung" unter den von ihm aufgezählten Volkswünschen das Verlangen nach allgemeiner Toleranz anzugeben unterlassen hatte. Aber mit der theoretischen Anerkennung der Gleichberechtigung war für die Juden noch nicht alles getan, man mußte ihnen auch die Möglichkeit geben, nach jeder Richtung hin Vollbürger zu werden. Der nicht immer würdig geführte Streit über die Emanzipation der Juden rief im Jahre 1848 eine reiche Literatur hervor; in Wien wimmelte es vor Broschüren, Flugschriften und Plakaten. Auch an Zeitungspolemiken war kein Mangel. Bei den Auseinandersetzungen blieb man jedoch meistens an der Oberfläche haften; man debattiertte über die Rechtsstellung und kam nur selten auf den sozialen und wirtschaftlichen Untergrund der Judenfrage zu sprechen. Im Nachlasse Fischhofs fand sich allerdings ein Aufruf vom 17. Juli 1848, den der Wiener Rabbiner Lazar H o r w i t z an die „Juden des Kaisertums Oesterreich" erlassen hatte. In dem werbenden Schriftstücke wurde der Gedanke vertreten, daß sich zur rechtlichen Befreiung eine VerbesserungdersozialenLaged erJuden hinzugesellen müsse und daß als geeignetes Mittel die Betreibung des Ackerbaues in die Wege geleitet werden sollte. „Daher, treue Glaubensbrüder," — hieß es — „eilet heran einen Verein zu bilden, der die Aufgabe sich stellte, junge kräftige Männer derart zu unterstützen, daß sie auf eigene Faust und mit eigener Hand den Ackerbau betreiben und somit von dem Ertrage, den sie dem Boden abgewinnen, sich und die Ihrigen in Ehren erhalten und ernähren können." Welches Schicksal diesem Aufrufe beschieden *) In der jüngst erschienenen, vorzüglichen Monographie „Adolf Fischhof" von Kichard C härm atz (J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachf. in Stuttgart) finden wir die bisher in der Oeffentlichkeit sehr wenig bekannte Episode ans dem Leben Fischhofs geschildert, wie er Galizien bereist und sich bemüht hat, das Los der armen Juden in diesem Lande zu verbessern. Als ein wichtiges Mittel stellte sich Fischhof die Ueberführung der proletarischen Massen zur Landwirtschaft vor, woran heute allerdings nicht mehr zu denken ist. Die Ideen Fischhofs sind aber jedenfalls sehr originell und verdienen daher angesichts der Aktualität des Stoffes eine Kenntnisnahme in den weitesten Kreisen. Anm. d. Red. war, ist uns nicht bekannt. Wohl aber wissen wir, daß Adolf Fischhof einige Zeit nachher daran ging, einen interessanten Kolonisationsplan zu entwerfen und in den klaren Bestimmungen eines Statutes konkret zu sagen, wie er sich über den liebergang der besitzlosen Juden zur landwirtschaftlichen Beschäftigung vorstellte. Den Anstoß dazu hat offenbar die amtliche Studienreise durch Galizien gegeben. Fischhofs offenem Blicke waren die traurigen sozialen Verhältnisse der Juden im Nordosten der Monarchie nicht verborgen geblieben. Andere hätten es vielleicht bei wortreichem Mitleide bewenden lassen, Fischhof harte aber das Bedürfnis, helfend beizuspringen. Schon bei seiner Anwesenheit in Galizien mag in dem damaligen Ministerialrat der Gedanke aufgekeimt sein, dem jüdischen Proletariate durch eine groß angelegte Kolonisationstätigkeit in der Heimat neue und bessere Erwerbsquellen zu erschließen, wahrscheinlich waren jedoch die Hindernisse für die Verwirklichung des interessanten sozialpolitischen Versuches noch zu bedeutend, um eine sofortige Tat zuzulassen. Erst drei Jahre später scheinen sich die Chancen gebessert zu haben. Ein Brief aus dem September 1851 läßt die Annahme zu, daß sich ein reicher Israelit in Brody geneigt zeigte, 5000 Gulden — damals ein ansehnlicher Betrag — für die Begründung einer jüdischen Ackerbaukolonie zur Verfügung zu stellen. Die restlichen 45.000 Gulden, die zur Durchführung des ersten Versuches notwendig waren, hoffte man durch rührige Sammlungen auftreiben zu können. Mit der Erleichterung einer landwirtschaftlichen Niederlassung wäre freilich nur ein bescheidener Anfang gemacht gewesen. Allein der Erfolg übt eine starke Anziehungskraft aus. Durch das Gelingen des ersten Schrittes wären sicherlich neue finanzielle Hilfskräfte herangezogen worden, die die allmähliche Erweiterung des Arbeitsfeldes gefördert hätten. Wie sollte aber das schwierige Werk angefaßt werden? Fischhof hat die Antwort in einem Musterstatut erteilt, das er für einen „Israelitischen Ackerbauverein in Galizien" im Sommer 1851 hoffnungsfroh entwarf. Heben wir nun die wichtigsten Bestimmungen des Elaborats heraus! Als Zweck des Vereines wird die Gewinnung g a 1 izischer Israeliten für den Ackerbau festgesetzt. Im § 2 heißt es: „Um diesen Zweck zu erreichen, wird der Verein: 1. eine und unter günstigen Verhältnissen mehrere israelitische Ackerbaumusterkolonien gründen und 2. einige junge Leute israelitischer Konfession in bewährten landwirtschaftlichen Instituten auf seine Kosten zu wissenschaftlich gebildeten Oekonomen heranbilden lassen." Der nächste Paragraph bestimmt: „Der Verein akquiriert zur Anlage einer Musterkolonie den zur Ansiedlung von mindestens dreißig Familien nötigen Grundbesitz, der in gleiche Parzellen geteilt und den Kolonisten zum Ackerbau zugewiesen wird." In dem Abschnitte über die Kolonisten heißt es: 4. Jeder als Ansiedler in die Musterkolonie Aufzunehmende muß 1. ein aus Galizien gebürtiger Israelite zwischen 18 und 30 Jahren sein (ausgediente Soldaten werden ausnahmsweise bis zum 35. Lebensjahre aufgenommen); 2. von dem hierzu bezeichneten Arzte als zum Feldbau körperlich tüchtig erklärt

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