Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1910-12-23 · Heft 26 (23.12.1910) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 26 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425801-2425828--1894-2428285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 „Neue National-Zeitung'' Nr. 26 Menschen gesehen zu haben. Hierher kommt er nie, sonst würde ich mich an ihn erinnern." Am selben Abend begann das Ghanukkahfest. Esther war fort und Julie mußte die Lichter oben im Wohnzimmer anzünden. Die Sonne war schon beinahe untergegangen, nur die Dämmerung erhellte noch ein wenig das Zimmer. Julie empfand es fast als Sakrileg, daß sie sich bei der Verrichtung eines so heiligen Amtes so beeile, doch ein nervöser Schrecken hatte sie übermannt, und sie hatte Furcht im Herzen. „Ich will die Kerzen schon jetzt anzünden," sagte sie. „Dann will ich draußen auf der Straße warten, und wenn er kommt, werde ich ihn warnen." Schnell und leise flog sie die Treppen zum Wohnzimmer hinauf. Die Tür war offen und das Licht der Flurlampe erhellte matt den ganzen Raum. In der äußersten Ecke, vor einem Pult, in dem der Besitzer sein Geld aufzuheben pflegte, stand oder kniete vielmehr David Parnes, den Rücken der Tür zugewendet. Julie schreckte zurück. Dann schnell, wie ein Blitzstrahl, kam ihr der Gedanken: er war ein Dieb! Sie hatte immer Aehnliches vermutet Und sie liebte ihn — vergötterte ihn, in diesem Augenblick mehr als je. Was kümmerte sie es, ob er redlich oder unredlich war! Mit einem Satz war sie an seiner Seite. „Um Gotteswillen, kommen sie fort von hier. Ich habe Geld genug und will Ihnen geben, was ich besitze. Nehmen Sie es und fliehen Sie! Ein Mann ist angekommen, unten aus Ungarn, der Sie sucht. Ich habe ihm gesagt, daß Sie niemals hieher kämen. Sie können fliehen, bevor er Sie findet. Ich werde nie etwas verraten. Ich bin gleich wieder hier, und dann fort, nur fort!" Der junge Mann hatte sich schnell umgewendet, als sie eintrat. Doch dann hatte er sich nicht mehr gerührt. Er lag noch auf den Knieen. Hätte ihn ein Donnerschlag vom Himmal getroffen, so hätte er nicht erschrockener sein können. Er starrte Julie in wildem Entsetzen an. Julie war wieder zurückgekehrt. Er kniete noch immer wie gelähmt vor Schrecken. Sie hielt ihm eine alte, schmutzige Lederbörse entgegen. „Das gehört alles mir!" flüsterte sie. „Nehmen Sie es, und dann fliehen Sie! Sie dürfen nicht länger warten". Langsam erhob er sich. Ein-, zweimal fuhr er sich mit der Hand über die Augen, als ob er zu träumen fürchtete. „Julie?" Eine Welt von Unglauben, Entsetzen und Fragen lag in seiner Stimme. „Ich verstehe nicht, was bedeutet das alles?" Eine plötzliche Schwäche überkam Julie, und sie brach in Tränen aus. „Warum tust Du das?" fragte er. Julie konnte nicht sprechen. Ihr ganzer Körper war von Schluchzen erschüttert, die Tränen strömten über ihre Wangen. Die Börse war ihrer Hand entglitten und ein kleiner Haufen Banknoten war zu Boden gefallen. David sah erst das Geld, dann sie an. Langsam ging er auf sie zu. So sanft wie möglich zog er ihre Hände vom Gesicht und wendete ihren Kopf dem Lichte im FJur zu. „Julie?u Das Blut stieg ihr in die Wangen Ihr Blick senkte sich. Sie entwand sich seiner Umarmung. „Um Gottes willen, gehen Sie!" rief sie. Er tat das Geld in die Börse zurück und legte sie in ihre Hand. Dann ging er zur Tür. „Sie wollen es nicht nehmen?" fragte sie kläglich. „Es gehört alles mir. Ich gebe es Ihnen gern". Er schüttelte den Kopf, stand einen Augenblick unentschlossen. Dann kehrte er zu ihr zurück. „Julie," flüsterte er, „meine Mutter ist tot. Doch im Himmel segnet sie Dich!w. Dann küßte er sie auf die Stirn und verließ entschlossen das Zimmer. Julie taumelte einen Augenblick hin und her, dann fiel sie zu Boden. David stand eine ganze Minute an der Treppe, schweratmend, wie ein Mensch, der lange gelaufen ist. Seine Zähne schlugen aufeinander, er atmete schwer auf und ging dann festen Schrittes in das hellerleuchtete Kaffeehaus hinunter. Er kannte den Mann sofort. Er hatte ihn noch nie gesehen, doch ein untrüglicher Instinkt ließ ihn sofort den Verfolger erkennen. Er ging geradenwegs auf ihn zu. „Wann reisen wir nach Pest ab?" fragte er. Der Mann sah ihn scharf und nachdenklich einen Augenblick lang an, dann leuchtete sein Gesicht auf. „Mit dem nächsten Dampfer schon, wenn Sie wünschen", war seine einzige Antwort. David nickte. „Gut." Dann nach kurzem Ueberlegen: „Wollen Sie mir den Gefallen erweisen und mich auf einen Augenblick nach oben begleiten?" Wortlos folgte ihm der Budapester Detektiv. Sie fanden Julie blaß wie ein Gespenst, mit zitternden Händen die Ghanukkahlichter anzündend. Als sie die beiden sah, schrie sie auf und wäre zu Boden gestürzt, wenn David sie nicht in seinen Armen aufgefangen hätte. „Höre", sagte er rasch, „du hast mich gerettet von dem entsetzlichen Wege, auf dem ich mich befunden * habe. Ohne dich hätte ich als Vfrbrecher mein Leben beendet. Nun gehe ich gern zurück nach Budapest, um die Strafe, die meiner harrt, abzubüßen. Ich heiße nicht David Parnes. Jedoch darüber und über alles andere aus meinem Leben werde ich dir an Bord des Schiffes ausführlich schreiben.. In vier,, höchstens fünf Jahren bin ich frei, dann komme ich zu dir zurück, so wahr meine verstorbene Mutter im Himmel Frieden finden möge!" Er hielt sie fest in seinen Armen und küßte sie immer und immer wieder. Dann verschwand er mit dem Detektiv. Julie sank schluchzend in die Knie. Als aber ihre Tränen versiegt waren, lag ein Schimmer des Glücks und der Hoffnung auf ihrem Antlitz. Dann entzündete sie noch ein Ghanukkahlicht. Dieses für das Gedächtnis der Mutter ihres Bräutigams. Eingesendet. :; DASAX/IENER© ] : ETABLISSEMENT: M©BEE ^ERKLR ::VI<MARIAHLFER5: £ X $ ::SFBA6SE31-LIEFERT: ^mS^B^E k '■ $ 1- DEISTER % ^&kSW '' HAFTAUS6ER11HRTE i: TOILN65EINIRICHTUN6EN UBERB^SCHEND BILLIG! V<3) " CSV

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.