Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 26 (23.12.1910)
- Date
- 1910-12-23
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Bruno Lessing: t)as Chanukkalichf. Eine New-Yorker Gettogeschichte. Im New-Yorker Getto tauchte eines Tages ein Mann auf, der sich David Parnes nannte. Beweise hiefür hatte er nicht, denn er hatte unterwegs eine Handtasche mit all seinen Briefen und Dokumenten verloren, alles, was irgendwie als Identitätsbeweis hätte dienen können. Er war ein hübscher stattlicher Mann mit schwarzen Augen und dunklen Locken und gewann bald viele Freunde, besonders unter den Frauen, die in der Houstonstraße ebenso wie anderswo einen hübschen Schnurrbart für den Beweis eines guten Charakters halten. Julie, die Kellnerin in Weiß' Cafe, fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, als sie ihn zuerst sah, und als er ihr beim Bezahlen das Trinkgeld mit freundlichem Lächeln gab, ging die Röte in ihrem Gesicht in Violet über. Von diesem Tage an war Julie seine Sklavin. Den ganzen Tag wartete sie auf ihn. Wenn er ging, erschien ihr die Umgebung öde und dunkel und die Musik der Zigeunerbande mißtönig. Wenn er da war — gewöhnlich saß er allein und starrte vor sich — schlug ihr Herz schneller, und das Leben erschien ihr herrlich schön. Julie war eigentlich ein schlichtes, unscheinbares Mädchen, aber sie besaß einen undefinierbaren Liebreiz, der die Männer in Bann schlug. Oft schon war es vorgekommen, daß wohlhabende Gäste des Cafes sie heiraten wollten. Sie hatte aber solche Anträge immer lächelnd ausgeschlagen und erklärt, nie heiraten zu wollen. Die Tochter des Besitzers, Esther, war jedesmal wütend, wenn sie von einer neuen Eroberung Julies hörte. Esther war ein bildhübsches Mädchen und hatte trotz ihrer zwanzig Jahre noch niemals einen Heiratsantrag bekommen. Trotz aller Schönheit vermißte man an ihr jeden weiblichen Charme, und etwas in dem Ton ihrer Stimme und ihrer Avt, sich zu geben, stieß die Männer direkt ab. Eines SF-ages beobachtete die Kellnerin Esther im lebhaften Gespräch mit David Parnes. Esthers Gesicht war gerötet und lebhafter als je, und David ließ keinen Blick von ihr. In ihren Augen strahlte ein Feuer, das Julie unschwer erraten ließ, wovon die beiden sprachen. Als sie nach beendigtem Tageswerk ihr Zimmer aufsuchte, warf sie sich schluchzend auf ihr Bett. Die Geschichte machte rapide Fortschritte. Selten und immer seltener kam es vor, daß Julie mit David allein im Lokal war, denn Esther wartete schon auf ihn, bevor er kam, und saß bei ihm, bis er wegging. Allerdings sah Julie niemals, daß David seine Liebe so geäußert hätte, wie junge Mädchen und wahrscheinlich auch Esther es erwarten mochten, doch sie erklärte dies mit ihrer Anwesenheit und war überzeugt, daß die beiden, wenn sie allein wären, nach Herzenslust kosen und sich küssen würden. Als Esther ihr aber eines Tages mitteilte, daß sie Ende des Monats heiraten werde, wurde Julie totenbleich und brach in ihrer Kammer weinend zusammen. Wenige Tage darnach wurde die Verlobung veröffentlicht, und Glückwunsche trafen in reicher Anzahl von den Gästen des Lokals ein, die Esther schon von Kind auf kannten. Aber: Julie bemerkte von dieser Zeit an eine Veränderung Wesen Davids. Ihn schien irgend etwas zu quälen. Spät iabends kam er erst ins Kaffeehaus, wenn Esther sich'schon zurückgezogen hatte, und saß, wie früher, allein, vor sich hinbrütend, da. Julie hatte eigentlich nur bis neun Uhr aufzuwarten, aber wenn David bis dahin nicht gekommen war, fuhr sie ruhig fort zu arbeiten, oft selbst bis Mitternacht, wo das Cafe geschlossen wurde, denn sie hoffte immer, daß David noch käme. Er sprach kaum zu ihr, ja, er schien sie nicht zu bemerken. Aber Julie empfand in ihrem Herzen eine tiefe Freundschaft für ihn. Freundschaft? Eine Welt von Liebe und Ergebung hegte sie für ihn, die er nicht erwiderte, von der er nicht einmal etwas ahnte. Was konnte ihm nur fehlen? War es Geld? Sie hatte sparsam gelebt und jahrelang den größten. Teil ihres Verdienstes zurückgelegt. Doch mochte sie ihre paar Ersparnisse nicht auf die Bank geben, und so lag alles in ihrem Zimmer im Koffer, und sie würde ihm es gern geben., Oder hätte er sonst eine Gefälligkeit nötig? Willig wie eine Sklavin würde sie seine Wünsche erfüllen! Die Tränen traten ihr in die Augen, wenn sie ihn von Tag zu Tag düsterer, vergrämter sah. Doch David trug seinen Kummer allein und verließ wortlos das Kaffeehaus. Dann kam er einige Tage lang überhaupt nicht. Esther erzählte ihr, daß er die Stadt Geschäfte halber für kurze Zeit verlassen müsse. „Sah er nicht schlecht aus, als Sie ihn zuletzt sahen?" fragte Julie schüchtern. Esther riß ihre Augen vor Ueberraschung auf. „Wieso? Nein. Ich wenigstens habe nicht bemerkt, daß er anders aussah." Julie seufzte. An diesem Abend setzte sich an einen der Tische, die sie zu bedienen hatte, ein lebhafter kleiner Mann mit scharfen, durchdringenden Augen, dessen Akzent und Manieren sofort den neuen Ankömmling aus Ungarn kennzeichneten. Er verbeugte sich höflich vor Julie und lobte ihre Art, ihn zu bedienen. Ueber ihre Haare, die sie wie die ungarischen Bauernmädchen glatt um den Kopf trug, machte er ihr Komplimente. Er gab ihr mehr Trinkgeld, als in diesem Lokal üblich war, und verbeugte sich nochmals höflich, als er fortging. Am nächsten Abend kam er wieder und grüßte sie wie eine alte Bekannte. Sie plauderten freundschaftlich eine Weile miteinander; er wußte viele Neuigkeiten aus der Heimat, die sie sehr interessierten. Und dann fragte er sie so im Laufe des Gespräches, ob sie vielleicht zufällig einen großen, gutgewachsenen jungen Mann kenne, der stattlich aussehe, schwarze Augen und krauses Haar hätte, ein hübscher Bursche, der besonders beliebt wäre bei den Mädchen. Ein Freund hatte ihm erzählt, daß er den jungen Mann irgendwo in der ungarisch-jüdischen Kolonie finden würde. Vielleicht kenne sie da jemanden, auf den die Beschreibung passe. Seine Augen wendeten sich von ihr ab — er beobachtete die Zigeunerkapelle — es war alles ganz zufällig. Man hat gesagt, daß Liebe einen sechsten Sinn schafft. Im Augenblick schreckte Julies ganze Natur zurück vor diesem Manne, und sie war bereit, gegen ihn zu kämpfen. Das war kein Freund, der auf der Suche nach einem guten Kameraden war! Das war ein Feind — ein Todfeind Davids! Sie fühlte es, sie wußte es bestimmt, als ob sie mit eigenen Augen gesehen hätte, wie er David an der Kehle packte. Glücklicherweise hatte der Fremde nicht bemerkt, daß sie totenbleich geworden war. „Nein. Ich erinnere micht nicht, einen solchen