Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 25 (9.12.1910)
- Date
- 1910-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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„Verjudung" oder Massentaufen im Militär-Auditoriat In den letzten Tagen ist der General-Chefauditor des k. u. k. Heeres, Johann Treidler, in den Ruhestand getreten. Zu seinem Nachfolger hat der Kaiser den bisherigen General-Chef auditor der k. k. Landwehr, Gustav Falk, ernannt. Die antisemitische Presse ist damit nicht zufrieden. Sie schreibt bereits von der „bevorstehenden Verjudung des Auditoriates* und in der bekannten marktschreierischen Form wird das Gespenst der „Masseneinwanderung des Judentums in das Auditoriat" an die Wand gemalt. Warum dies? Ist General Falk vielleicht selbst Jude? Oder hat er jemals Juden protegiert? Oder hat er vielleicht während seiner zehnjährigen Amtstätigkeit als Auditoriatschef der Landwehr Juden zum Auditoriat zugelassen? . .. Nichts von alledem. General Falk ist bloß ein getaufter Jude Und das genügt schon, damit die antisemitische Hetzpresse künstliche Wutausbrüche zum besten gibt. Die Ernennung Falks ist für diese Vergifter der öffentlichen Meinung nur ein Anlaß, um die jüdischen Juristen zu schmähen und als für ein richterliches Amt ungeeignet hinzustellen. Sonst wissen sie selbst am besten, daß Herr Falk mit der traurigen „Tradition", wonach in das österreichische Auditoriat sowohl des Heeres als auch der Landwehr kein Jude Zutritt rindet, gewiß nicht brechen wird. Wenn die Ernennung Falks jemandem zu Reflexionen Anlaß bietet, so sind es die Jude n. Der Mann, der als ein ungemein tüchtiger Jurist und als ein hervorragender Kodifikator gilt, mußte sich erst taufe n, um der Militärjustiz, der er dann unschätzbare Dienste geleistet hat, dienen, ihr sein Talent und sein Wissen zur Verfügung stellen zu können. Er mußte sich taufen, um Auditoriats-Praktikant zu werden und dann auf der Leiter der Militärhierarchie eine der höchsten Stufen zu erklimmen. Am 22. Juni 1881 hat sich Herr Falk getauft und am ll. November 1881 wurde er verständigt, daß er zur Auditoriatspraxis zugelassen werde. Seit diesen 29 Jahren ist es vielen anderen jüdischen Aspiranten ebenso ergangen. Sie mußten sich taufen, sie mußten ihre angestammte Religion verleugnen und eine andere Religion heucheln. Der urkundliche Beweis, daß ihnen die Religion ein Schacherobjekt ist, daß sie den Glauben ihrer Eltern und ihrer Ahnen, dem sie selbst über zwei Dezennien angehört haben, verließen — bildete für sie den Befähigungsnachweis zum k. u. k. Militärrichter. . . Das ist eine traurige Tatsache, die nicht nur dem Staate, in dem wir leben, sondern auch uns selbst zur Schande gereicht. Denn wir lassen diese Tatsache stillschweigend über uns ergehen. Wir haben Juden im Herrenhaus, Juden in fast'allen Parteien des Abgeordnetenhauses; keiner von ihnen hat bisher den Mut gehabt, dagegen zu protestieren, daß von Staatswegen für eine bestimmte Offizierskategorie, für welche das Staatsgesetz lediglich physische Eignung, tadelloses Vorleben und juristische Vorbildung vorschreibt, überdies der Taufschein als unerläßliches Requisit verlangt wird. Das ist ein Faustschlag, der sowohl den jüdischen Pair als auch den letzten jüdischen Bettler ins Gesicht trifft. Und dennoch hat man bisher geschwiegen. Es werden große Aktionen in die Welt gesetzt, wenn in irgend einer Gemeindeausschreibung der Taufschein vorgeschrieben wird oder ein jüdisches Mädchen ein Kloster aufsucht, aber daß Kriegsminister undLandesverteidigungsminister, zwei dem Parlamente und seiner Delegation verantwortliche Faktoren, systematisch unter Verletzung der Staatsgrundgesetze jüdische Staatsbürger vom Auditoriat ausschließen — das hat bisher alle die jüdischen Parlamentarier und Kultusgrößen kalt gelassen.