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Neue Nationalzeitung · 1910-11-25 · Heft 24 (25.11.1910) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 24 (25.11.1910)
Date
1910-11-25
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. ,24 cN«u?, National-Zeitungu Seite, 11 Marco Brociner: ■•.•■•v. .- 2;; ' Schickele. , . Eine Skizze aus dem jüdischen Leben in Rumänien. , , ..' ', (Schluß.) - :;;;',;"v ■' in. Die Nachricht, daß am Vorabend des Versöhnungstages im Hofraum des Schächters Berisch Kloper ein Turnier zwischen Schickele und Rubin stattfinde, von dessen Ausfall es abhinge," wer von beiden Gitele heimführen werde, hatte sich wie ein Lauffeuer im Städtchen verbreitet. Der Schächter hatte allerdings den Wunsch ausgesprochen, daß der Wettkampf der Heiratskandidaten unter beschränkter Oeffentlichkeit erfolge. Da aber das Herz des Heiratsvermittlers Flammer zwei Toge vor diesem Ereignis sehr erfreut war und da er infolge dessen alles, was ihm auf dem Herzen lag, auf der Zunge hatte, so wußte ganz Plopana, daß Donnerstag, 5 Uhr nachmittags, im Hofraume des Schächters der Kampf zwischen Rubin und Schickele sich abspielen werde. Und so war denn bereits um 4 Uhr das Häuschen des Berisch Kloper von der lieben Gassenjugend förmlich belagert. Im Hofraume hatte sich eine Menge von jungen und allen Weibern, jedes mit einem Stück lebendigen Geflügels unter dem Arme eingefunden. Josef Flammer war die Aufgabe zugefallen, die Ruhe aufrecht zu erhalten und er waltete seines Amtes mit gewissenhafter Strenge. Der Heiratsvermittler war sonst Frauen gegenüber ein sehr höflicher Mann, heute aber befand er sich in einer großen Aufregung, die es begreiflich machte,., daß er den lärmenden Weibern zu wiederholtenmalen in strengem Tone Ruhe gebot. Als aber seine Aufforderung nichts fruchtete, da rief er: „Schweigt, Gänse!* Ein dumpfes Gemurmel folgte dieser Verbalinjurie. Der Heiratsvermittler ließ sich aber dadurch nicht einschüchtern, sondern sagte laut und weithin vernehmlich zu einer neben ihm stehenden, starkknochigen, jungen Jüdin, die einen Hahn unter dem Arme hielt: „Anna, ich rate dir, nicht weiter zu schnattern, denn wenn ich zornig werde, so kann ich auch eine Ohl feige geben. Und wenn ich eine Ohrfeige sage, so meine ich zwei!" fügte er nachdrucksvoll hinzu, mit einem bedeutsamen Blick auf die Nachbarin der Jüdin, die er mit Anna angeredet hatte. Diese Drohung wirkte. Es trat Ruhe ein. Auf der Veranda vor dem Hause hatte sich inzwischen in einem gepolsterten Lehnstuhl Berisch Kloper niedergelassen, zu seiner Rechten saß Gitele, während vor ihm Rubin stand. Es hatte bereits 5 Uhr geschlagen und Schickele war noch immer nicht erschienen. Man begann unruhig zu werden; da erscholl von der Straße her der Ruf: „Er kommt!" Bald darauf betrat Schickele den Hofraum. Er sah wüst aus. Der Filzhut saß ihm schief auf dem Kopf. Sein Gesicht war totenbleich. Er trat rasch, auf den Schächter zu und reichte ihm stumm die Hand, dann blickte er Gitele lange an. „Wir können anfangen," sagte Berisch Kloper; „hier, Schickele, hast du das Schlachtmesser." Er reichte es ihm. Schickele ergriff es. Dann näherte sich der Heiratsvermittler, und, übergab ihm den an den Füßen gebundenen Truthahn. Schickele faßte ihn mechanisch und trat einige Schritte vor. Ein seltsames Lächeln lag um seineil Mund. Er versuchte, den Truthän, der ihm von einer seltenen Schwere zu sein schien, in die Höhe zu heben, aber vergebens, er hatte keine Kraft dazu. Dann begann plötzlich der Truthahn mit den Flügeln zu schlagen. Das Publikum wurde ungeduldig, da rief der Sehächter laut: „Nun, wirst du einmal anfangen?" Dieser drohende Ruf raubte Schickele jede Besinnung, er schwankte wie ein Trunkener: der Truthahn entwand sich seiner konvulsivisch zitternden Hand und begann zu kollern. Schickele schaute in seiner hilf- und ratlosen Angst mit stieren Blicken um sich und er sah dabei so komisch aus, daß Rubin und Gitele auflachten. Das Lachen wirkte ansteckend. In einem Augenblicke lachte alles; da nahm Schickele alle seine Kräfte zusammen, um den Truthahn zu packen; der stand aber plötzlich auf den Füßen mit zornig autgeschwollenem Kamm vor ihm. Bei diesem Anblick begann sich alles vor seinen Augen wie im Kreise zu drehen. Er fuchtelte eine Weile mit den Armen in der Luft herum, das Messer entfiel dabei seiner Hand, er warf sich dann mit einem dumpfen Schrei auf den Truthahn und da lag er plötzlich seiner ganzen Länge nach auf dem Boden. Was jetzt folgte, war kein Lachen mehr, sondern ein brausendes Gejohle. Schickele lag einige Augenblicke wie bewußtlos da, dann raffte et sich jäh auf, stieß Flammer beiseite und stürzte hinaus. Er rannte wie ein Irrer durch das Städtchen, bis er atemlos in sein Stübchen hineinstürmte und taumelnd auf sein Bett fiel. Seine Schläfen hämmerten. In wirren» tollen Bildern flog das letzte Ereignis vor seinen Augen vorüber und dazwischen hörte er Giteles lautes, spöttisches Lachen. Er fühlte sich so unglücklich, so unsäglich elend, wie noch nie in seinem Leben. Er hätte weinen mögen, aber keine Träne kam in seine brennenden Augen. Da fühlte er sich plötzlich von zwei weichen Armen umschlungen. Es war seine Cousine Sarah, sie setzte sich neben ihn. Er ließ sein Haupt auf ihren Schoß niederfallen. Schickele hatte Hamlet niemals gelesen. Er wußte nichts von der Existenz dieses unglücklichen dänischen Prinzen. Und doch, wie er so dalag, von den Armen des jungen, blühenden Mädchens umschlungen, er, der niemals in seinem Leben die sanfte Berührung eines weiblichen Wesens empfunden» da empfand er plötzlich die beseligende Wahrheit des Hamletschen Spruches, daß es ein schöner Gedanke sei, auf dem Schöße eines Mädchens'zu ruhen. ,Schickele, mein armer Schickele!" rief Sarah. Er richtete sich auf und blickte in ihr blasses» schönes Gesicht, in ihre tiefen, tränenfeuchten Augen. Ach, das waren dieselben blauen Augen, die er im Traume gesehen und auf einmal verstand er den Ausdruck derselben. „Warum weinst du, Sarah?" sagte er leise. „Ich weine, weil ..." Sie konnte nicht weiter sprechen. Sie wollte aufspringen . .. Was vermag nicht alles die Liebe, von der es im Hohenliede heißt, daß sie stark wie der Tod? Dem einen erscheint sie am hellichten Tage, eine strahlende, glückverheißende Göttin, im Herzen eines anderen nistet sie sich still und geheimnisvoll ein, du weißt selbst nichts davon» aber sie webt inzwischen in der dunklen Tiefe deiner Seele, bis sie daraus eines Tages unter dem Sonnenblick zweier süßer Augen jählings emportaucht, groß und stark und mächtig. So erging es dem armen Tal-

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