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Neue Nationalzeitung · 1910-11-11 · Heft 23 (11.11.1910) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 23 (11.11.1910)
Date
1910-11-11
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung'* Nr. 23 der Frösche, ab und zu bellte ein Hund auf. Schickele fühlte sich todmüde, die Arme fielen ihm über den Lehnstuhl herab; er senkte das Haupt auf die Brust und schloß die Augen. Da vernahm er plötzlich ein seltsames Geräusch, das klang anfangs leise, wie aus weiter, traumhafter- Ferne, aber es kam immer näher, bis es wie ein mächtiges Flügelschlagen um ihn brauste. Vor ihm stand der Truthahn und der wuchs und wuchs und wurde immer größer und größer, bis er fast so groß wie Schickele selbst ward. Da schwang er das blitzende Schlachtmesser, ein jäher Schnitt — und aus dein Halse des leise kollernden Vogels begannen rote Blutstropfen zu rinnen, rote, glühendheiße Blutstropfen, die langsam auf ihn herabrieselten. Der Angstschweiß trat auf seine Stirn, er wollte aufschreien, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Da war es ihm plötzlich, als umschlängen ihn unsichtbare Arme und trügen ihn weit hinweg in einen stillen, kühlen, mondhellen Raum, vor seinen Augen schwebte es wie ein leichter Nebel und daraus tauchte allmählich ein Mädchengesicht empor. Das war aber nicht Gitele, denn sie hatte keine schwarzen, sondern wunderhübsche blaue Augen wie Sarah und die schauten ihm tief in die Seele; Schickele fühlte, wie mit diesen Blicken eine wunderbare Heiterkeit seine Brust zu schwellen begann. Er lächelte das schöne Bild an, er wollte darnach greifen, aber es zerfloß wie Schaum und ein tiefer, traumloser Schlaf umfing ihn. (Schluß folgt.) Die „jüdische Bühne" in Wien. Die hiesige Jüdische Bühne ist in verhältnismäßig kurzer Zeit um ein hübsches Stück vorwärts gekommen. Das heurige Repertoire kündigt eine neue Zeit und damit einen neuen Geist auf der Jüdischen Bühne an. So konnten wir in Wien zum erstenmal einigen Aufführungen des G o r d i nschen Dramas „Gott, Mensch und Teufel" beiwohnen und wir werden bald Gelegenheit haben, das bekannte Stück „Muschiachs Zeiten" von Schalom Asch in Szene zu sehen. Daß die Aufführung des Stückes „Gott, Mensch und Teufel" nach allen Richtungen hin günstig ausgefallen ist, unterliegt gar keinem Zweifel. Das Publikum war höchst gespannt und empfand nicht mehr jene gewohnte, unheimliche Leere, man fühlte sich schließlich in manche der Handlungen mitgerissen. Aber trotz alledem gilt noch immer die Behauptung, daß wir wohl jüdische Schauspieler, aber keine Schauspielkunst haben. Unseren Schauspielern, mit wenigen Ausnahmen, stehen die Mittel, die zur echten Darstellung führen, nicht zur Verfügung. Die Schauspielkunst, die die notwendige Ergänzung und Vollendung der dramatischen Dichtung, der volle Umfang der Kunst und des künstlerischen Genusses ist, verlangt, daß die innere Vorstellung des Dichters, das Phantasiebild, welches ihm bei seiner Schöpfung vorschwebte, zur Tat werde, durch Aktion, Deklamation und Mimik. Deklamation ist aber unseren Schauspielern fremd. Viel leichter fällt es ihnen, einen agitatorischen Ton in ihre Rede einzuschlagen. Und das ist sicher eine jener Gewohnheiten, die sie abstreifen sollten . . . Im Grunde möchte ich die mitwirkenden Schauspieler ihrer Qualität nach in zwei Gruppen teilen. Und da kämen in die erste Gruppe: Herr Sieg ler in der Heldenrolle (Herscheie) und Reismann (Leiser Badchen), Frau Siegler und Fräulein Weintraub (Zipeniu und Freideniu). Herr Siegler gab seine Rolle bis auf einige Härten, die aber größtenteils Gordin zuzuschreiben sind, ganz vortrefflich. Besser ist er allerdings im ersten Akte, wo er den Sofer darstellt, als in den übrigen Akten, wo er den „neugebackenen Gewir" zu spielen hat. Hier entgleist er mehrmals aus dem vom Dichter gewollten Rahmen. Auch kommt der mächtige Seelenkampf, der in den letzten drei Akten der Mittelpunkt der eigentlichen Handlung ist, nicht ganz klar zum Ausdruck. Tadellos hat Herr Reis mann seinen Badchen gegeben. Nahezu klassisch. Er verstand es, so sehr sich seiner Figur anzuschmiegen, daß die Zuschauer mit der Rolle den Träger verwachsen und die Gestalt des Dichters selbst za sehen glaubten. Gelungen war die Rolle der Frau S i e g 1 e r als Zipeniu. In der Auffassung und Wiedergabe zeigte Frau Siegler großes Verständnis. Sie besitzt die Fähigkeit, das Phantasiebild des Dichters in sieht- und hörbare Vergegenwärtigung, in reine Wirklichkeit zu verwandeln. Aber auch ihr steht die Figur im ersten Akte weit besser als in den anderen. Frau Siegler verfügt über eine lebendige Mimik und ist sehr geeignet, einen Typus darzustellen, dessen Wesen ein munteres, zufriedenes und lebenslustiges ist. Einige Rollen haben uns das bewiesen. In Fräulein Weintraub, der beliebten jüdischen Schauspielerin, sahen wir Freideniu, die spätere Galtin Herschele's. Fräulein Weintraub ist eine echte Schauspielerin, die nicht bloß reproduktiv, sondern auch produktiv ist. Sie verleiht den vom Dichter ausgesprochenen Gedanken und Leidenschaften auch etwas wesentlich Neues, die eigene Persönlichkeit. Und sie hat auch die Gabe, den Ahstand zwischen der eigenen Individualität und dem darzustellenden Ideal, der Gestalt des Dichters, möglichst auszugleichen. Als zweite Gattin H. ist sie sehr sympatisch; sie ist die zartbesaitete, leicht erregbare Weiblichkeit. Doch, wie gut auch immer Fräulein Weintraub jede Rolle spielen mag, so spielt sie doch am besten, wenn sie eine Hauptfigur darstellt. Wollen wir hoffen, sie baldigst in einer ihrer Glanzrollen zu sehen. Zur zweiten Gruppe möchte ich : Die Herren Rosenstein und Deutsch, Frl. Menkes und Frau Weinberg zählen. Diesmal hat Herr Rosenstein ganz gut gespielt. Chaskel Drachme, der Weber, paßte ausgezeichnet für ihn. — Auch Frl. Menkes war, in ihrer Rolle als Chaskels Frau, abgesehen von einigen Ueberlreibungen in der Redensart, ganz gut. Die Darstellung des Herrn Deutseh dagegen, läßt viel zu wünschen übrig, er muß noch viel lernen. Erwähnenswert wäre noch Fr. Weinberg als Pesseniu, die erste Gattin Herscheies. — Dies wäre nur eine kleine Uebersicht über das Leistungsvermögen unserer jüdischen Schauspieler. Die „Jüdische Bühne" verdient unsere Achtung und Unterstützung, weil sie eines jener wichtigsten Elemente ist, die die Grundbedingungen für unser Volkstum ausmachen. Das jüdische Volk bedarf eines Theaters, um kulturell und geistig zu gesunden. Die jüdischen Volksmassen müssen in das Reich der Schönheit eingeführt werden, ihr Sinn für Kunst und Natur muß wieder erwachen. Wir haben jüdische Dichter, jüdische Schauspieler, noch fehlt es aber an einem echt jüdischen Theaterpublikum. Das Bild ist daher unvollständig. Komme jüdisches Publikum ins jüdische Theater! Höre deine Schauspieler, bewundere deine Dichter und erkenne dich selbst. M. Gross. Hochfeines natürliches Tafelwasser Klösterle -•NarürlicheF?: Sauerbrunn Lirhion-Quelle. von Klösterle bei Karlsbad. — Ueberau zu haben Niederlage: Wien, I., Sonnenfelsgasse 4.

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