Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 23 (11.11.1910)
- Date
- 1910-11-11
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ftr. 23 „Neue National-Zeitung' Seite 11 FEUILLETON. Marco Brociner: Schickele. Eine Skizze aus dem jüdischen Leben in Rumänien. (1. Fortsetzung.) Er tat dies natürlich nicht direkt, sondern gleichfalls durch die Vermittlung Flammers, der sein Gewissen, daß er für einen Rivalen Schickeies eintrat, durch folgendes Raisonnement beruhigte: „Ich habe Gitele so lieb wie mein ganzes Leben, darum will ich sie so schnell als möglich verheiraten. Rubin ist aus gutem Hause und ein tüchtiger junger Mensch, und Schickele nicht minder. Ich will für beide arbeiten; die Wahl überlasse ich dem Kloper." Herr Kloper hatte also die Qual der Wahl, aber er war ein kluger Mann und fand folgenden Ausweg: „Sie sollen alle beide zuerst beim Rabbi die theoretische Schächterprüfung und dann am Vorabend des Versöhnungstages bei mir die praktische Prüfung machen und zur Probe schlachten. Wer von beiden besser und geschickter schlachtet, der kritgt meine Gitele. Abgemacht!" „Abgemacht!" sagte Flammei zu Schickele, nachdem er ihm all dies erzählt hatte. Schickele fühlte bei diesen Worten einen Stich im Herzen. Man wollte ihm also Gitele, das Mädchen, das er bereits als seine Braut betrachtete, entreißen. Und wer? Ein Hergelaufener! Das sollte ihm nie und nimmer gelingen. Und dieser Mensch hatte es gewagt, über ihn zu lachen! Schickele riß vom Schranke einen Talmudband herunter; es war der Schulchen-Aruch, jenes Buch, welches die Theorie des Schiächtens enthält. Und er begann zu studieren. Er brütete die ganze Nacht über dem Talmudband. Tags darauf hatte er die theoretische Prüfung vor dem Rabbi Nathan glänzend bestanden. Und mit dem Zeugnis hierüber begab er sich zu Berisch Kloper. Der Schächter setzte die Brille auf, las das Dokument durch und sagte dann freundlich: „Flammer hat dir gesagt, wie ich die Sache geregelt haben möchte. Uebermorgen, am Vorabend des Versöhnungstages, komm her und wenn du eine sichere Hand hast und die Sache gut machst, so bist du mir lieber als Rubin." „Was werd'ich zu schlachten bekommen?" fragte Schickele kleinlaut. Der arme Talmudist erwartete, daß ihm der Schächter eine junge Henne oder höchstens eine Gans anweisen würde, um an derselben seine Kunstfertigkeit zu erproben. Berisch Kloper glättete seinen langen, grauen Bart, dann sagte er: „Deine Cousine Sarah hat mir gesagt, daß sie eueren Truthahn schlachten lassen will, an dem sollst du zeigen, ob du was kannst." Kloper sprach diese Worte so ruhig, als handelte es sich um die einfachste Sache der Welt. Aber dem armen Gelehrten war es hierbei zumute, als versetzte ihm jemand einen schweren Schlag auf den Kopf. Er, der kaum den Gedanken, eine junge Henne zu schlachten, zu fassen vermochte, sollte an einem Truthahn seine Kunst erproben! Und, an was für einem Truthahn! Er kannte ihn, er war ein starker, ein fetter, ein großmächtiger Vogel mit einem blutroten Kamm und einem schwellenden Kropf. Er schaute eine Weile in sprachloser Verwirrung den Schächter an. „Gut," sagte er endlich dumpf, ein ödes Lächeln flog hiebei um seine Lippen, dann verabschiedete er sich.. Er wanderte einige Zeit ziellos im Städtchen umher. Als er heim kam, war es bereits dunkel. Er waif sich auf einen Lehnstuhl und starrte düster vor sich hin. Da legte sich plötzlich eine weiche Hand auf seine Schulter. Vor ihm stand seine Cousine Sarah; sie schaute ihm mit ihren blauen, frommen Augen forschend ins Gesicht. „Du weißt alles, Sarah?* fragte er leise. „Ja," sagte sie. „Ich muß Schächter werden," fuhr er fort. „Muß es denn sein?" fragte sie und eine leise Wehmut zitterte in ihrer Stimme. Er schaute ihr eine Weile in die Augen. Dann sagte er gedrückt: „Was soll ich tun? Ich habe Gitele lieb." Das Mädchen sprach keine Silbe mehr, sie senkte das Haupt, stand einige Zeit sinnend da, dann verließ sie rasch die Stube. Schickele erhob sich und trat in den Hofraum hinaus. Es war eine «chöne, stille Septembernacht. Am Himmel funkelten die Sterne; hoch oben am Horizont stand voll und leuchtend der Mond und hüllte das Städtchen in seinen silberglitzernden Schleier. Schickele ließ sich auf eine Holzbank nieder, die mitten im Hofraum neben einer ihres Laubes teilweise entkleideten Akazie stand. Er dachte an Gitele. Sonst, wenn das Bild des geliebten Mädchens ihn umschwebte, pflegte ein wonniges Gefühl seine Brust zu durchschauern. Heute aber war es ihm so schwer zumute. Tat er recht daran, sein Lebensglück durch das Blut unschuldiger Tiere zu erkaufen? Dieser Gedanke war in ihm aufgetaucht und legte sich mit bleierner Schwere auf sein Gemüt. Da vernahm er plötzlich ein Rauschen wie von Flügeln. Er fuhr auf und stieß einen lauten Schrei aus. Er hatte im Hofraum den Truthahn erblickt, der unter seinem Messer sein Leben aushauchen sollte. Schickele schaute mit angstvollen Blicken auf den Vogel, der mit mächtig angeschwollenem Kamm, mit funkelnden Augen und ab und zu aufkollernd sich ihm näherte. Er streckte wie zur Abwehr die Anna aus; der Truthahn blieb stehen und sie schauten sich beide lange an. Schickele wurde es unter diesen Blicken seltsam weich ums Herz. „Armer Vogel," dachte er, „auch du hast eine Seele, in deinen Adern rinnt heißes, rotes Blut wie in den meinen, und wenn man dich schlägt, schreist du; du empfindest Schmerz und Freude gerade so wie ich. Was hast du mir getan, daß ich dich schlachten muß?" Der Truthahn schien Schickeies Gedanken erraten zu haben, denn er begann immer lauter zu kollern. Schickele hatte diese kreischenden Laute oftmals gehört, aber niemals hatten sie irgend welchen Eindruck auf ihn gemacht. Heute war es ihm, als läge in diesem Kollern ein eigentümlicher Ausdruck und als ob das arme Tier um sein Leben flehte. Er konnte diesen Augenblick nicht ertragen, er eilte in seine Stube, warf sich auf den Stuhl hin, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann leise zu stöhnen. So saß er da und sann. Eine Stunde verging und wieder eine. Das Licht war längst herabgebrannt. Durch das offene Fenster floß das Mondlicht in das enge, mit Büchern vollgepfropfte Gelaß; von der Ferne hörte man das Quaeken