Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 12 (10.6.1910)
- Date
- 1910-06-10
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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gelaufenen 146 Preisarbeiten hat die eines Juden Berthbld Kapolowitz den ersten ünd eine zweite Arbeit desselben Komponisten den zweiten Preis davongetragen. t)as Urteil der Jury lautete dahin, daß die Musik der Preisarbeit hervorragend im Stile, in der Konzeption ünd Au^führbaikoit ist und alle Eigenschaften besitz bald die beliebte Nälional- Hymne zu werden. Kapolowitz, von Berüf ingeniedr, ist Verfasser mehrerer Musikwerke, die aüf dem Kontinent bekannt sind. Die neue National-Hymne würde bereits jüngst anläßlich eines südafrikanischen Sängerfestes in Johannesbürg unter großem Beifall der 2ühörer gespielt ünd gesungen. Eine nette jüdische Knabenschule in Konstantinopel. Ein prächtiges Werk ist mit dem durch ein ica-Anlehen bewerkstelligten Bau der neuen Kn üben schule vollendet worden. Unter genialer Ausnutzung eines etwas knappen, aber höchst günstig gelegenen Terrains ist in hygienischer und päda^ gogischer Beziehung Mustergiltiges vom Architekten, eihein Juden, geleistet. Hinter dem nicht allzu geraumig-in, nach der Straße hin abschließenden Hofe erhebt sich das scheinbar vierstöckige, nach hinten aber sechs Etagen darbietende Gebäude, in solidem Material ausgeführt, Licht und Luft in ausgiebigstem Maße bietend. Die beiden Souterrains mit ihrem eigenen nach hinten gelegenen Hofe sind einer der Schule als Unterbau dienenden Talmud Thora gewidmet, die auch eine eigene große Küche und einen eigenen Speisesaal mit einschließt. Die nächsten drei Etagen umfassen die wundervoll geräumigen Klassen der eigentlichen Schule, acht an der Zahl, Speisesaal, Bibliothekzimmer usw., während ganz oben sich die Direktoriahvohnung anschließt. Gedeckte Hallen an den Hauseingängen auf der Hofseite bieten Schutz gegen ungünstiges Wetter. Eine schöne, nach den Angaben und Plänen des jüdischens Turnvereines „Maccabi" konstruierte Turnhalle wird auch die körperliche Ausbildung der Jugend fördern können. Alle Details des Baues sind sorgfältigst ausgeführt und im besten Sinne modern. Das Ganze, inklusive Kindergarten und Talmud Thora, bietet für 800 Kinder Raum; die Kosten des Baues und des Terrains beliefen sich auf 200.00 Frcs. LITERATUR UND KUNST, Zur Geographie Palästinas. Israel Wolf Horowitz: Mechk're erez awothenu. (Studien über unser Vaterland.) Jerusalem 1910. Vom vorliegenden, großangelegten, geographisch-historischen Werke über Palästina ist erst dessen Einleitung erschienen, die beredtes Zeugnis dafür ablegt, daß der Verfasser auf der Höbe der Aufgabe steht, die er sich gestellt hat. Er schlägt in der Forschung ganz neue Wege ein und auch seine Methode ist eine streng wissenschaftliche Ist nun auch der wissenschaftliche Wert des Tevuath-haarez von Schwarz nicht genug hoch anzuschlagen, besonders wenn man die Edition Lunz' in Betracht zieht, so bedeuten doch Horowitz' „Studien über unser Vaterland" einen bedeutenderen Fortschritt gegenüber Schwarz. Sehr interessant sind seine Auseinandersetzungen über Gadava und die Thermen von Tiberias mit dem richtigen Hinweis auf Traktat Synhedrin Fo. 108 b, Gewagt scheint mir die Ableitung des Wortes Emir von Amori (Amoräer). Nicht unwichtig ist die Heranziehung der Stelle aus Rebbah zu Leviticus, Parascha 17, um zu motivieren, warum Kenaani nicht nur Bewohner des Tieflandes bedeutet im Gegensatz zu Aram, dem aramäischen Hochland, sondern auch als Handelsmann übersetzt wird. Das heutige, nördlich von Tiberias gelegene Fischerdorf Il-tab-cha, das schon im Talmud als „Beth-Saj-ia" vorkommt, soll ein wissenschaftlicher Beleg dafür sein, daß Sidon, die Hauptstadt des alten Phönikien, der Sitz von Fischern und Jägern war, daß somit die Phönikier ursprünglich keine Handelsleute, sondern Fischer und Jäger waren. Viele von Schwarz unrichtig angegebene Grenzbestimmungen werden vom Verfasser auf Grund moderner wissenschaftlicher Ergebnisse richtiggestellt. Dabei verfährt er aber pietätvoll, die hervorragenden Verdienste Schwarz' auf diesem Forschungsgebiete stets anerkennend (S. 21—33). Es wäre wirklich im Interesse der jüdischen Wissenschaft wünschenswert, daß die Kuratoren der Zuuzstiftung und die Leiter der Israel. Allianz in Wien auf den begabten Forscher in Jerusalem, Herrn Israel Wolf Horowitz, dessen Werk ein monumentales zu werden verspricht, aufmerksam werden und es ihm ermöglichen, das Weik vollständig herauszugeben. Viroyitica, Rabbiner Dr. Kaufmann. £ür Geschichte des Chassidismus* S. A. Horodezky: feäbbi l?äehmäh vöü Brazlaw, Beitrag zur Geschichte der Mystik. Berlin 1910. Verlag von M: Poppeiäüef"; Welche Gegensätze das kulturelle Leben des Juderi-- tüitis aufweist, zeigt sich am1 besten, wenn wir bedenken", däß die teit der Entwicklung der jüdischen Mystik, die C h ä s s id i s m ü s genannt wird; zusammenfällt mit der Blüte M e n d e 1 Sohns ünd seiner Schule. Welche Extreme! Dort Wunderglauben, Verzückung, Gott-Schauen, kürz ajle Erscheinüngen kabbalistischer Schwärmerei, tief Vefstaridj Streben nach Gotteserkehrttnis, Proklamierung der Tat als Wesen der Iteligioh, philosophise'he Be> gründürig des Glaubens; Will hiäii die Quelle1 des Chassidisttras erforschen, so geht man Wohl nicht fehl, wenn mäh sie darin" sucht, dem Getnüte, dem Herzen iti religiösen Dlng'eii wieder M seinem Beichte zu Verhelfen. Aus diesem Bedürfnis mag ja wohl die Käbbäiistik überhaupt, auch ihi 1$. Jahrhundert, in ihrer Blütezeit, hervorgegangen sein. Geheimnisvoll, wie die Quellle des Chassidismus, ist aüch die Geschichte seines Begründers, Israels aüs Miedziboz, gewöhnlich B a a1 - S c h e m, abgekürzt Beseht genannt Sein Nachfolger war Rabbi B e r vori Mezeritch und ein jähr Vor dessen Tode, im Jahre 1771, wurde Rabbi Nachman von B f a z 1 a w hl Miedzihoz (Gouv. PodoÜeii) geboren. Mit der Geschichte dieses eigenartigen Charakters, seiner Entwicklung und der seiner chaäsidischeil Lehre, mit seinen Aphorismen und eigentümlichen Märchen macht uns nun Horodezky in der vorliegenden Broschüre bekannt. Der Verfasser hat schon manches Vortreffliche auf dem Gebiete der hebräischen Literatur geleistet, im vorigen Jahr auch eine Arbeit über den Rabbi Israel Bal*Sehem, den chassidischen Hochmeister, herausgegeben. Man wird nicht ohne Freude und Belehrung zugleich, auch die vorliegende Schrift Uber diesen Enkel des Beseht, Rabbi Nachman von Brazlaw, lesen. Horodezky hat sich mit einer gewissen Liebe diesem Erneuerer des Chassidismus zugewandt und zeigt uns die merkwürdige Verwandschaft zwischen diesem jüdischen Mystiker und der Lehre Spinozas sowie der Schleiermachers. Wir lernen aber auch den Gegensatz zwischen der Lehre Nachmans und der des Beseht kennen. Dieser begründet das ganze Judentum nur auf Liebe. Bei Rabbi Nachman Avird auf die Gottesfurcht das Hauptgewicht gelegt. AVas uns sehr erstaunlich in der ganzen Schrift anmutete, das ist die wirklich oft frappierende Aehnlichkeit visler Lehren des Chassidismus mit den pantheistischen Spinozas. Der Gott Rabbi Nachmans ist nicht außerhalb der Welt, sondern mitten in der Welt. „Seine Herrlichkeit erfüllt die ganze Welt." „Er belebt alles." Merkwürdig erscheint uns auch folgender Satz des Chassids: „Gott trägt kein Verlangen nach besonderen, nur ihm zugedachten gesetzlichen Verrichtungen." Jedenfalls führt uns der Chassidismus, dem sich in unserer Zeit die wissenschaftliche Forschung in erfreulicher Weise zuwendet — man vergleiche neben den Arbeiten Horodezkys die Martin Bubers — in eine Welt, welche der des Talmudismus nicht gerade freundlich gegenübersteht. So wandte sich auch Nachman, wie sein Großvater nicht an die Gelehrten, deren „Thora ohne seelischen Kern" ist, sondern an die Massen des Volkes. Auch ins Land der Väter zog es ihn mit Macht. Weib und Töchter verließ er — „mögen sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind", unwillkürlich kommt uns das Heinesche Wort in den Sinn — und wanderte nach dem heiligen Lande, getreu dem Worte des „Sohar": „Heil dem, der es vollbringt, bei Lebzeiten den heiligen Boden aufzusuchen." 1798 war es ihm gegönnt, nach Kanaan zu wandern. Daß dieser Mann viele getreue Schüler hatte, neben vielen und sehr feindlichen Gegnern, daß diese Schüler, besonders Rabbi Nathan, den Meister schwärmerisch bis über den Tod hinaus, der im Jahre 1811 eintrat, verehrten, wer wird sich darüber wundern, der aus der Geschichte Aveiß, wie stark die führenden Geister der Kabbalisten und Chassidim auf ihre Umgebung wirkten? Dies alles schildert Horodezky mit lebhaften Farben, aus den Quellen selbst, das ist aus den Aufzeichnungen Nachmans und Nathans schöpfend. Seine Brochüre wird mit Interesse gelesen werden. Erschließt Sie doch eine unbekannte, eine ungeahnte Welt, ein Kapitel des religiösen Okkultismus. So möchte ich die Kabbalah, die Mystik, den Chassidismus und, was sonst mit ihm zusammenhängt, auch den Sabbathianismus und das Frankistentum bezeichnen. Fromme Schwärmer waren die Anhänger dieser Richtungen; man wird sie Idealisten nennen können und Avird ihnen das Avarme menschliche Interesse nicht entziehen, Pr. M,G, *