Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1910-05-27 · Heft 11 (27.5.1910) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 11 (27.5.1910)
Date
1910-05-27
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2425679-2425801-2425813--1699-2428075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12 Neue National-Zeitung'' Nr. 11 Maunesehre durch die Worte Ahrons betroffen worden. Das also war das Geschick der armen, jungen, jüdischen Männer. Man ließ sie ihre Abhängigkeit verspüren. In seiner Verbitterung tat David Reb Ahron ein großes Unrecht. Er verglich ihn mit Salman und fand, daß sich die Beiden nicht wesentlich von einander unterschieden. Das Geld war ihnen die Hauptsache und wer es nicht besaß, wurde von oben herab behandelt. Trauriges Geschick eines Volkes, das infolge Jahrhunderte langen, unsäglichen Druckes, solche Charakterzüge sich angeeignet hatte. Doch David fühlte, er tat Unrecht damit, die Fehler einzelner zu verallgemeinern. Reb Ahron war durch Ueberzärtlichkeit für seine Tochter auf die falsche Bahn gelenkt worden. Habsüchtig war der Mann nicht. Man konnte es ihm nicht übel nehmen, daß er sein Kind, das bisher auf ebener, vor Not geschützter Bahn gewandelt war, versorgt sehen wollte. Für David war dies nur ein Ansporn, Tüchtiges zu leisten, seiner Wissenschaft Ehre zu bereiten, kurz etwas zu werden. Er beschloß seine Studien fortzusetzen, sich zu vervollkommnen, nicht seine Zeit in diesem Neste voll engherziger Seelen zu verbringen, sondern in der Hauptstadt des Landes sich ansässig zu machen, und, wenn er sich dann einen Namen und das leidige Geld erworben, das doch so notwendig ist, für eine Existenz, dann wollte er zum zweitenmale vor Ahron hintreten. »Und ich werde sehen, ob diese Krämerseele mir dann die Hand der Tochter versagen wird", murmelte er vor sich hin. Verwundert blickte Jossef auf den Doktor, der noch immer kein Wort zu ihm redete. »Aber, Herr Doktor, ich verstehe Sie nicht. Was ist Ihnen? Jetzt müssen wir handeln. Ich habe vorgearbeitet und vielleicht spricht schon jetzt Salman mit Baruch und die Beiden machen ihr Geschäft ab. Sie dürfen jetzt nicht die Flügel sinken lassen. Ich weiß wohl, was Sie bekümmert. Ich müßte meine Leute nicht kennen. Reb Ahron will Ihnen seine Tochter nicht geben. Begreiflich. Sie entschuldigen, aber, wenn Sie die Kranken unentgeltlich behandeln, werden Sie nie auf einen grünen Zweig kommen. Ich, der arme Teufel, der ich nicht wert bin, mit Ihnen zu reden, sage Ihnen dies. Heutigen Tages muß jeder, mehr oder minder ein Geschäftsmann sein. Die großen Aerzte sind es auch. Und die allergrößten am meisten. Doch, wozu rede ich jetzt von solchen Dingen zu Ihnen? Wir haben eine wichtige Angelegenheit zu ordnen. Baruchs Anhänger sind zu gewinnen. Wollen Sie dies tun oder überlassen Sie die Sache mir?" David erwachte aus seinen Gedanken. „Lieber Jossef, wenn Sie die Angelegenheit in die Hand genommen haben, führen Sie sie auch dem Ende entgegen. Es soll ihr Schaden nicht sein. Sie kennen die Vf rhältnisse in dieser kleinen und kleinlichen Gemeinde besser als ich. Es ist kein Zweifel, Sie werden wissen, was Sie zu tun haben. Mich widert dieses Gezanke in solcher Weise an, daß ich mich lieber zurückziehe und Ihren bewährten Händen es überlasse, das Nötige zu tun.* Jossef fühlte sich durch diese Worte Davids einerseits sehr geschmeichelt, andererseits konnte er sich nicht verhehlen, daß er diesmal ein sehr schweres Werk zur Ausführung übernommen habe, auf seine Schultern eine Verantwortung lastete und er nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob nicht der Ausgang der Angelegenheit ihm am Ende sein Brod kosten werde. Doch Jossef war der Mann nicht, der sich vor Schwierigkeiten fürchtete. So sind, dachte er bei sich, diese studierten Herren. Gelernt haben sie was, aber unpraktisch sind sie, fangen etwas an und führen es nicht aus. Da muß ich schon, wenn ich auch nichts gelernt habe, zeigen, daß die Welt praktische Menschen braucht. Auf, zum Kampfe, Jossef. „Herr Doktor", sprach er jetzt entschlossen. „Ich weiß, Sie bekümmert ein schweres Leid. Aber, so wahr Sie mir meine Kinder, nächst dem Allmächtigen, gepriesen sei sein Name, geheilt haben, schwöre ich Ihnen, ich werde Sie von Ihrem Leide heilen. Ahron soll Rosch-Hakohol werden und Sie der Gatte seiner Tochter. Und nun, Gott befohlen." Jekew, der Liberer und Agent Salmans, unterließ es nicht, Baruch die Mitteilung zu machen, Salman wünsche ihn in einer wichtigen Geschäftsangelegenheit zusprechen. Baruch. der außerhalb seiner Geschäftstätigkeit sich nicht gerade hervorragender Geistesgaben erfreute, ahnte dennoch, daß es sich um für ihn nicht unwichtige Dinge handeln müsse, wenn der gefürchtete Konkurrent ihn um eine Unterredung bat. Der teure Kauf bekümmerte den Mann sehr, da von einem Steigen der Wollpreise noch keine Rede war. Täglich gestand er sich ein, er habe diesmal töricht gehandelt. Jetzt schien sich ihm ein Ausweg aus der Klemme zu eröffnen, in der er sich befand. Was wollte dieser Salman von ihm? Vielleicht wünschte er ihn zu seinem Gesellschafter zu wählen; möglich war es auch, daß die Rosch-Hakohol- Schmerzen, an denen Salman litt, diesen bewogen, sich an ihn zu wenden. Jedenfalls hatte Salman etwas auf dem Herzen und Baruch beschloß, die Lage für sich auszunützen und sich mit Hilfe des Konkurrenten aus der fatalen Situation zu retten, in die er geraten war. So eilte er denn zu Salman und fand diesen in der uns bereits bekannten Rechenstube, wie einen Gott des Heidentums in eine Wolke eingehüllt, die der geliebten Pfeife entstieg. Salman empfing den Geschäftsgegner mit süßlich-freundlicher Miene. Man kann nicht behaupten, Baruchs Gesichtsausdruck sei besonders gestreich gewesen, als Salman mit seinen Propositionen begann: „Ich habe Sie, lieber Baruch, hieherberufen lassen, um Ihnen einen geschäftlichen Vorschlag zu machen." Baruch hüstelte verlegen. „Hören Sie mich ruhig an", fuhr Salman fort. „Ich weiß, Sie befinden sich in einer unangenehmen Lage. Sie haben teuer gekauft." Baruch hüstelte wieder. Doch Salman ließ sich nicht beirren und setzte seine Rede fort. „Wir werden lange warten müssen, bevor die Wollepreise steigen. Ich habe gute Berichte. Nicht aus besonderer Freundschaft, das werden Sie einsehen, sondern, weil ich von Ihnen eine große Gefälligkeit erwarte, mache ich Ihnen ein Anerbieten, bei dem nur Sie zu gewinnen haben, während, ich mit Verlusten rechnen muß." Hätte Baruch die alten lateinischen Klassiker gekannt, wäre ihm vielleicht das Wort eingefallen: Ich fürchte die Danaer, wenn sie auch Geschenke bringen. Trotzdem ihm der Satz des alten Vergil unbekannt war, blickte er mißtrauisch auf seinen Konkurrenten. Wäs wird der mir vorschlagen? dachte er bei sich; Baruch sei schlau und vorsichtig. Salman stieß dichtes Gewölke aus seiner Pfeife hervor. Sfharf den ihm gegenübersitzenden Baruch ins Auge fassend, sprach er weiter: „Leugnen Sie es nicht, für Sie ist das Aushalten und Abwarten schwer, Baruch, für mich etwas leichter." Baruch nickte, aber nicht so unbemerkt, daß es Salman nicht hätte sehen können. Unbarmherzig, die Lage seines Gegners ausnützend, fuhr er in seiner Rede fort: „Ich schlage Ihnen demnach vor: Verkauten Sie mir Ihre Wolle um einen annehmbaren Preis; ich will diesmal nicht viel feilschen. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.