Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 11 (27.5.1910)
- Date
- 1910-05-27
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Dr. M. Grünfeld : Die Gegner. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben halbvergangener Zeiten. (4. Fortsetzung.) Baruch werde sich entfernen, seine Anhänger werden auch nicht wählen, und Reb Ahrem war der Gestürzte, er aber, Salman, werde das Ziel seines Ehrgeizes erreichen, Rosch-Hakohol werden und die Gemeinde in seinem Geiste regieren. „Nun denn", begann er, „für alle Fälle Jossef danke ich Euch für Euer Ezeh. Eine solche ist oft viel wert, und, werde ich Killah- Oberhaupt, soll es Euer Schaden nicht sein. Sprechet mit Jekew, meinem Agenten, er soll Baruch zu mir schicken. Wir werden sehen, was sich mit dem tun läßt. Reb Ahron wird staunen, wie er um seine Würde und seinen Schwiegersohn kommt." Um die Würde kommt er nicht, aber Du, Freundchen, dachte Jossef bei sich, und, was den Schwiegersohn anlangt, muß es denn gerade Baruch sein? Mir ist Dr. David lieber. Und, nicht zu Jekew, sondern zu diesem begab sich Jossef schnurstracks. Er traf ihn in gelinder Aufregung. Denn soeben war er aus dem Hause Ahrons gekommen, der mit ihm eine scharfe Auseinandersetzung gehabt hatte. Ahron hätte David die heftigsten Vorwürfe gemacht. Er habe das Herz seiner Tochter betört, welcher er nichts bieten könnte, da er selbst nichts besitze. David war in seinen Erwiderungen auch nicht minder heftig gewesen. „Ist denn das Geld alles", rief er Ahron zu. „Ist es die Grundlage des Glückes? Sie lieben Ihre Tochter und bedenken nicht, wie unglücklich Sie ihre Zukunft gestalten, indem Sie das geliebte Kind an einen Mann fesseln, der diesen Besitz nie zu würdigen verstehen wird. Baruch ist sicherlich ein tüchtiger Kaufmann, aber er betrachtet auch Ihre Tochter als eine Ware, bei deren Kaufe er kein schlechtes Geschäft macht. Wir, ich und Rosl, kennen uns seit unserer Kindheit, wir spielten miteinander als Kinder, unsere Seelen verstehen sich, unsere Herzen haben sich gefunden. Für Rosl habe ich studiert, habe Not und Elend erlitten, und nun soll ein Philister kommen und mir meine Braut nehmen? Das können Sie, Reb Ahron, nicht verantworten. Auch die Eltern haben das Recht nicht, über das Glück ihrer Kinder zu verfügen. Ich aber will Sie davor bewahren, daß Sie sich dereinstens Vorwürfe machen, und sich sagen: An dem Unglücke meiner Tochter bin ich allein schuld." „Deine Anschauungen, David, sind die einer neuen, aber nicht besseren Zeit. Eltern haben die Pflicht, ihre Kinder zu versorgen, sie nicht einer ungewissen Zukunft preiszugeben. Von der Liebe wird man nicht satt, und, wer sie allein bei Tische findet, wird hungrig vom Tische aufstehen. Du meinst, Baruch und Rosl kennen sich nicht, sie werden einander schon kennen und schätzen lernen. Um es Dir aufrichtig zu sagen, mir gefällt es an Dir nicht, daß Du es gar zu leicht mit der Religion nimmst. Ich will für meine Tochter einen frommen Mann. Sie soll ein jüdisches Haus führen. Ein Haus ohne Religion ist eine Steppe ohne Wasser. Es kann kein Glück in einem Hause seih, dem es an Gottes und der Eltern Segen fehlt." „Wenn ich", erwiderte David scharf, „auch nicht an jedem veralteten und oft ganz unverstandenen Brauche hänge, lasse ich es mir auch von Ihnen, Reb Ahron, den ich sehr hoch schätze, nicht sagen, ich hätte keine Religion. Ich verstehe eben unter Religion etwas anderes, als gewisse Killahmänner, zu denen ich Sie beileibe nicht zähle, die Glauben verwechseln mit Heuchelei, denen die Religion nur ein Mittel ist, ihrem Ehrgeize zu fröhnen und über andere zu herrschen. Mir ist die Religion Herzenssache. Niemand hat ein Recht über diese abzuurteilen und mich unreligiös zu schelten. Wird Ihre Tochter, wie nicht anders denkbar, ein jüdisches Haus führen wollen, ich werde es ihr gewiß nicht wehren. Ein Jude bin ich, aber kein Gottsfopper, ein religiöser Mensch, aber kein Heuchler. Und nun, leben Sie wohl, Reb Ahron, Sie werden noch über den Unterschied zwischen Geschäft und Liebe belehrt werden." Die letzteren Worte Davids gaben Ahron ein Rätsel auf, das er vergebens zu erraten suchte. Was wollte er damit sagen? Aber reden konnte er, gestand sich Ahron zu. Doch ein anderer Mensch, wie dieser Baruch. Der wußte von nichts zu sprechen, als von Schafwolle, Geld, Konjunktur, steigenden und sinkenden Preisen. Seine Tochter werde aber glänzend versorgt sein. Sie wird sich schon gewöhnen, tröstete sich Reb Ahron. Diese Liebe ist eine jugendliche Schwärmerei, ein Eigensinn. Die muß überwunden werden. Und dann: „Ist Baruch nicht meine stärkste Stütze bei der Wahl? Wie sollte ich es mir mit ihm verderben? Nein, es kann nicht sein. Ich schätze diesen David, ist ein braver Mensch, ein intelligenter Mann, hat was gelernt. Aber „Oni choschew ke Mess", sagt irgend ein Weiser, „ein Armer ist wie ein Toter", man sieht, wie schon in der alten Zeit erkannt wurde, daß Liebe ohne Geld noch niemand fett gemacht hat. Sie werden vergessen: David und Rosl. Und in späteren Jahren werden sie mich darum preisen, daß ich sie von einem übereilten Schritte zurückgehalten habe. Wir Alten müssen gescheiter sein als die Jungen . . . Aber ein prächtiger Mensch ist der David doch, und. was er über die Religion gesagt hat, ist ganz meine Meinung. Sollte ich Rosch-Hakohol werden, will ich in seinem Sinne wirken. Weg mit den Heuchlern, den Salmans und seinen Freunden. Die Killah muß einen modernen Anstrich erhalten. Vor lauter Kleinigkeiten vernachlässigen wir Juden das Große. Und schließlich beruht doch das Judentum nicht allein auf der Mikwah, Piutim und Schächten." So entwickelte auch Reb Ahron sein Programm für sich. Niemand hörte ihn. Aber Jossef und David wirkten für ihn. V. „Wir werden siegen." Mit diesen Worten begrüßte Jossef den durch die Unterredung mit Ahron autgeregten Doktor. Dieser ließ ob dieser Freudenbotschaft keine äußeren Zeichen besonderen Glückes erkennen. »Was ist Ihnen, Herr Doktor?" fuhr der heute besonders gesprächige Jossef fort. „Sie freuen sich gar nicht? Jetzt gilt es tätig zu sein, die Leute Baruehs zu bearbeiten. Denn ihn, wenn ich ihn recht kenne, haben wir sicher. Ihm geht sein Geschäft höher, selbst als Ahrons Tochter und dessen Mitgift. Er wird am Tage der Wahl nach Pest fahren, dafür hat Jossef gesorgt, der schlaue Schammes?" Noch immer erwiderte David kein Wort. Mit großen Schritten durchmaß er das eben nicht sehr stattliche Zimmer, welches er bewohnte. Ihn schienen schwere Sorgen zu bedrücken. Zu tief war er in seiner