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Neue Nationalzeitung · 1910-05-13 · Heft 10 (13.5.1910) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 10 (13.5.1910)
Date
1910-05-13
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung'' Nr. 10 daß das Judentum zugrunde gehe, die Piutim (mittelalterliche, synagogale Dichtungen) abgeschafft werden, dagegen darauf sehen will, daß die Mikwah (rituelles Tauchbad) bestens in Stand gehalten und auf eine koschere Schächtung geachtet werde. Und die Kinder sollen auch etwas lernen. Darauf zu dringen, wird meine Hauptsorge bilden". So entwickelte Salman in seiner Rechenstube sein Programm. Niemand freilich hörte es, und er vergaß, daß er vorläufig nur ein kluger Schafwollehändler und noch immer nicht Rosch-Hakohol war. Aber, was nicht ist, kann ja werden. Salman zündete sich mit Bedacht die lange Pfeife an. Diese war seine Geliebte und sie teilte die Liebe mit Salmans Weibe, einer ziemlich umfänglich geratenen Frau. Malkah liebte aber auch ein gutes Essen und ihren Gatten über alles, wenn es auch dieser an Zärtlichkeit seinem Weibe gegenüber etwas fehlen ließ. Denn er war lange genug verheiratet, um über diese „Kindereien" hinaus zu sein. Kinder hatte ihm der göttliche Segen, der sich sonst in seiner Kasse geoffenbart, versagt. So war er auch der Kindersorgen glücklich enthoben. „Gott zum Gruß", schmetternd ertönten diese Worte aus dem Munde von Jossef Schammes, der ziemlich geräuschvoll und unangemeldet die Rechenstube Salmans betrat. Der wurde unsanft aus seinen Zukunftsplänen aufgeschreckt und wandte sich ziemlich unwirsch dem gerade nicht willkommenen Besucher zu. Jossef besaß die Sympathien Salmans nicht im hohen Grade. Er gedachte auch, falls er zur Regentschaft in der Killah gelangen sollte, die unbequeme Macht dieses „Hausineiers" zu brechen. Denn er wollte herrschen und neben sich keinen allmächtigen Vezier dulden. Doch er besann sich. Noch war er nicht Herrscher, und so durfte er den einflußreichen Schammes nicht vor den Kopf stoßen. Dessen wollte er sich zunächst bedienen. Dann, ja dann werde es ja noch immer an der Zeit sein, sich dieses Dieners zu entledigen und sich einen Mann nach seinem Willen zu erwählen, ein gefügiges Werkzeug seiner Pläne. Eines Menschen, wie Jossef, bedient man sich zur Ausführung seiner Pläne, dann wirft man ihn ins alte Eisen, wenn man erreicht hat, was man wünscht. Diese Gedanken flogen blitzschnell durch Salmans Gehirn. Jossef lächelte schlau. Er hatte den unfreundlichen Blick Salmans bemerkt, und, wie dieser sich plötzlich erhellte ebenfalls. — „Du bist gescheit", dachte er bei sich, „aber ich bin gescheiter. Magst ein tüchtiger Geschäftsmann sein, aber Rosch- Hakohol bist du noch lange nicht und sollst es nicht werden, so wahr ich Jossef Schammes bin". „Was führt Euch zu mir"? begann nun mit seiner süßesten Miene Salman. „Setzt Euch Jossef und laßt hören." Diplomatisch erwiderte Jossef: „Sollten Sie, kluger Herr Salman, es nicht wissen"? Was erregt jetzt die ganze Gemeinde? Muß icn es Ihnen sagen? Die Roseh-Hakoholfrage. Sie haben einen mächtigen Gegner und der besitzt einen starken Anhang. Reb Salman, Sie müssen alle möglichen Mittel anwenden, um Reb Ahron und seinen zukünftigen Adem (Eidam), ihren Geschäftskonkurrenten Baruch, aus dem Felde zu schlagen." Salman blickte verstohlen auf Jossef. Was hatte er in diesem zu sehen? Seinen Feind oder seinen Helfer? Will der Mann Geld verdienen oder ist er ein heimlicher Gesandter seines Gegners? Noch war sich Salman darüber nicht im klaren und er beschloß, vorsichtig in seinen Aeußemngen diesem Manne gegenüber zu sein. „Seid Ihr, Jossef, deshalb zu mir gekommen, um mir Dinge mitzuteilen, die ich genau kenne? Dann war Euer Besuch, so willkommen er mir ist" — Jossef räusperte sich bei diesen Worten — „ein überflüßiger. Ich brauche in einem Kampfe Helfer, und, wenn Ihr mir beistehen wollet, so ist es mir sehr angenehm." Das will ich glauben, dachte Jossef bei sich, Du Schlaumeier. Laut aber sagte er: „Herr Salman! Wenn ich Ihnen nicht in dem schweren Kampfe helfen wollte, wäre ich gewiß nicht zu Ihnen gekommen, um Ihnen einen wichtigen Rat zu erteilen, dessen Befolgung allein Ihnen zum Siege verhelfen kann. Sie sind ein frommer Jude, ich bin es auch." Das Räuspern war jetzt auf der Seite Salmans. „Da bin ich doch, lieber Jossef, begierig zu hören, welches Euere Ezeh (Rat) ist. Heraus damit. Es soll Euer Schaden nicht sein." „Für Geld gebe ich kein Ezes", erwiderte stolz Jossef, „mir ist es nur um das Wohl der Gemeinde zu tun und dieses gebietet mir, Sie, Herr Salman, durch meine Mitwirkung zum Rosch-Hakohol zu machen. Aber Geld wird es Sie kosten. Sie besitzen es, können sich es leisten. Darum kurz, Sie müssen Baruch von der Wahl ferne halten, dann ist Ihr Sieg sicher." Neuigkeiten, die Ihr mir erzählt", lachte Salman spöttisch auf, dem die Pfeife ausgegangen war, immer ein Beweis seiner Erregung. „Neuigkeiten, aber wie soll ich Baruch bewegen, daß er seinen zukünftigen Schwiegervater nicht wählen geht? Laßt Euch nicht auslachen, Jossef, oder treibt Ihr mit mir Eueren Spott?" „Das sei ferne von mir, Reb Salman. Und doch ist nichts leichter als dies. Sie wissen, Baruch, hat teuer gekauft. Der Mann hat Geschäftssorgen, denn mit seinen Kapitalien steht es nicht zum besten. Er kann die Preissteigerung nicht abwarten. Das Geld, das or in der Wolle angelegt hat, frißt Zinsen. Nun, Reb Salman, wie wäre es, wenn Sie ihm das Anbot machen, die Ware ihm abzukaufen? Sie können aushalten und werden die Wolle, wenn auch mit geringem Verluste, losschlagen. Die Wolle muß wieder steigen. Das ist der Lauf des Geschäftes. Darum, Reb Salman, wollen Sie Rosch-Hakohol werden, machen Sie das Geschäft mit Baruch, bewegen Sie ihn, am Tage der Wahl eine wichtige Geschäftsreise nach Pest zu unternehmen und Sie werden Oberhaupt der Gemeinde." Gespannt blickte er bei diesen Worten auf Reb Salman, der auf oierksam den Ausführungen des gewandten Gemeindedieners zuhörte. War dieser Jossef aufrichtig? Oder wurde ihm hier eine Falle gelegt, die ihn noch Geld kosten konnte? Sinnend wiegte Salman sein sorgenschweres Haupt. „Wird aber", fragte er nun zweifelnd, „Baruch auf das Geschäft eingehen? Ahron wird ihn nicht „einsetzen", wenn er erfährt, er habe ihn am Tage der Wahl schmählich im Stiche gelassen. Baruch verliert dann die Braut und die stattliche Mitgift". Da hast du recht, dachte Jossef. Laut aber erwiderte er: „An der Wolle verliert Baruch mehr, als wenn er auf seinen Schiddech (Partie) verzichten muß. Und er ist ein viel zu guter Geschäftsmann, als daß er dies nicht wußte. Im übrigen, aber das unter uns, ist es mit der Mitgift nicht weit her. Reb Ahron kann nicht viel geben. Wir wissen es alle, bei dem ist auch nicht alles Gold, was glänzt." Er sprach dies in so freundschaftlichem, väterlich-treuherzigen Tone, daß Salman nicht umhin konnte, auf Jossefs Rat einzugehen. Was riskierte er? Er konnte zuwarten und bei günstiger Konjunktur Baruchs Wolle losschlagen. Den augenblickliehen Verlust vermochte er, der reiche Salman, noch zu ertragen. Dafür stiegen die Chancen seiner Wahl. (Fortsetzung folgt.)

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