Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 10 (13.5.1910)
- Date
- 1910-05-13
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 „Neue National-Zeitung" FEUILLETON. Dr. iVL Grünfeld : t)ie öegner. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben halbvergangener Zeiten. (3. Fortsetzung.) Eine schöne Zeit, in der so was möglich ist. Und, wenn man es wissen darf, wer ist der Erwählte meiner Tochter?" Die Eltern horchten auf. Gitl hatte es bisher noch nicht für notwendig befunden, danach zu fragen. Ihr war die Weigerung Rosls, den ihr von den Eltern bestimmten Gatten zu nehmen, so ungeheuerlich erschienen, daß sie die wichtigste Frage an die Tochter noch nicht gestellt hatte. Große Spannung herrschte in dem Familienkreise und die Eltern erwarteten neugierig ihrer Tochter Aeußenmg. Diese kämpfte mit sich einen schweren Kampf. Bald wurde sie bleich, dann wieder rot. Ihr Herzensgeheimnis sollte nun den Nächstbeteiligten mitgeteilt werden. So faßte sie dann endlich Mut und mit starker Entschlossenheit kam es von ihren bebenden Lippen: „Mein Jugendfreund, Dr. David Froehlich ist es, den ich mir zum Gatten erwählte mid kein anderer soll meine Hand erhalten." „Also der Doktor hat das Herzj unserer Tochter sich erobert", sprach endlich nach langem, bangen Schweigen Heb Ahron, während Gitl kein Wort dreinzureden wagte. Im Grunde ihres Herzens war sie der Wahl ihrer Tochter nicht abhold. Denn dieses einfache Weib wußte die Vorzüge des Erwählten Rosls wohl zu schätzen. Sein treffliches Herz, seine edle Menschlichkeil waren ihr sehr gut bekannt. Ahron freilich faßte die praktischen Folgen des Schrittes seiner Tochter zu sehr ins Auge, als daß er ohne weiteres seine Einwilligung gegeben hätte. Auch der plötzlich, wie er meinte, erwachte Starrsinn und Ungehorsam des Mädchens erbitterten ihn. Daß die Beiden, ohne die Eltern zu befragen, eine so wichtige Sache beschlossen hatten, konnte er nicht billigen. Wo blieb die Ehrfurcht vor den Eltern? Wo der kindliche Gehorsam? Ueber die Köpfe der Eltern hinweg, hatte Rosl über ihre Zukunft beschlossen, und, kein Zweifel, der Doktor, ein Mann ohne Vermögen, ohne Auskommen, hatte sein Kind betört. Dem armseligen Arzte war es freilich bequem, von der reichen Mitgift Rosls leben zu können. Er hatte keinen üblen Geschmack gezeigt, Ahrons Geld und dessen Tochter sich zu nehmen. Das war Ahron zu viel. So ließ er denn seiner Rede die Zügel schießen: „Ein netter Herr, der gute David, er will sich mit meinem Gelde versorgen. Was liegt ihm weiter viel daran, wie mein Kind leben wird, wenn es einmal mit der Mitgift zu Ende geht? Ich aber will meine Tochter nicht nur verheiraten, sondern auch versorgen. Das kannst du deinem Erwählten mitteilen und, wenn du es nicht tust, werde ich auch noch ein Wörtlein mit ihm reden." „Um meine Mitgift ist es David nicht zu tun, er nimmt mich und nicht mein Geld, wie jener Baruch, den Ihr mir erkoren habt. David ist Mann genug, um sich soviel zu erwerben, als wir zu einem einfachen Leben bedürfen. Lieber mit ihm in einer Hütte, als mit Baruch in seinem zweistöckigen Hause." Gitl rannen die Tränen über die gefurchten Wangen, als sie ihr Kind so sprechen hörte. Ja, das war ihre Tochter, die zärtlich Geliebte. Weniger war Ahron in diesem Augenblicke zu Sentimentalitäten geneigt. Der Widerspruch seiner Tochter reizte ihn. Aergerlich rief er aus: „Aber ich will nicht, daß mein Kind in einer Hütte wohne. Dazu hat Ahron Friedfertig seine Tochter nicht erzogen, um sie einem armseligen Schlucker zu geben. Kurz, ich gebe zu dieser Verbindung meine Einwilligung nicht." „Vater," erwiderte mit verhaltenen Tränen die Tochter, „das ist dir nicht aus deinem guten Herzen gekommen, daß du meinem Bräutigam beleidigst. Ich kann dies nicht zugeben, daß David von irgend jemand beleidigt werde, auch von meinem Vater nicht. Dazu ist er zu gut, zu edel." — „Von dem allen," erwiderte Ahron gereizt, „lebt man nicht. Ein Mensch, der sich erst seine Existenz gründen muß, soll nicht heiraten. Zuerst begründe er sich ein Haus, dann sorge er für sein Geschäft und dann erst nehme er sich ein Weib." Irgendwo hatte Ahron diese Bibelerklärung gelesen, die er jetzt zum Besten gab. „Gut," rief Rosl aus, „dann will ich auf ihn warten. Ihm kann es nicht fehlen, seine Wissenschaft und Kunst werden ihm bald zu einer Existenz verhelfen." „Da wirst du lange warten müssen," erwiderte der Vater. „Dafür werden seine Konkurrenten sorgen, die Aerzte, welche wir in unserer Stadt haben. Und die Gemeindemitglieder erfreuen sich, Gottlob, einer guten Gesundheit. Höchstens, daß Jossefs Schammes Kinder hie und da an einem verdorbenen Magen erkranken. Und diese behandelt dein Doktor unentgeltlich." Mit einem gewissen Hohne waren diese Worte von den Lippen Ahrons gekommen. Und doch meinte er es nicht schlecht. Die Ereignisse der letzten Tage hatten ihn in eine gereizte Stimmung gebracht. Zornig eilte er aus der Stube, in der nun Gitl ihre weinende Tocher zärtlich umarmte. Sie konnte nichts sagen als die Worte: „Mein liebes, gutes, edles Kind." IV. Reb Salman Korallenbaum saß in seiner Rechenstube und überschlug den Gewinn, der ihm aus dem Geschäfte des Jahres in seine, ohnehin wohlgefüllte Kasse, zuströmen werde. Sein Konkurrent Baruch hatte sich, das wußte er, diesmal gründlich verrechnet, teuer eingekauft, als die Wolle stieg, und nicht bedacht, daß jede Steigung eines Artikels gar oft ein desto tieferes Sinken nach sich ziehe. Da war er schon vorsichtiger gewesen. Er hatte zu solchen Preisen gekauft, daß für ihn, mochte die Wolle noch so sehr im Werte niederrasseln, ein stattlicher Gewinn herausschaute. Und man sprach in Geschäftskreisen von einer baldigst zu erwartenden Steigerung der Preise. Da hieß es abwarten. Die Frage war nur, ob dies auch Baruch vermochte. Und darauf baute Salman seinen Schlachtenplan. — Doch nicht das Geschäft bekümmerte ihn jetzt. Salman war nicht allein ein Rechner. Er hegte ehrgeizigere Pläne, als Geld zu verdienen. Denn an diesem fehlte es ihm, Gottlob, nicht. Das Ziel seines Ehrgeizes war, Rosch-Hakohol zu werden, zu befehlen, anzuordnen, die Killah im konservativen Geiste zu erhalten, die modernen Prediger, diese Verderber, ferne zu halten von der Stätte des alten Judentums. „So ein Flunkerer *, murmelte er für sich hin, „so ein Schwätzer darf mir in unsere Killah nicht kommen. Dafür werde i c h sorgen, ich Salman Korallenbaum, der nicht wünscht,