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Neue Nationalzeitung · 1910-04-29 · Heft 9 (29.4.1910) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 9 (29.4.1910)
Date
1910-04-29
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung'' Nr. 9 bracht hatte, sein Konkurrent hätte die letzte Partie teuer gekauft, zu teuer für den Stand des Artikels. Und Jekev wagte es nun, Awrom entgegenzutreten, der, wie es schien, die Mehrheit auf seiner Seite hatte. „Wir müssen," rief er laut und eifrig, „solche Männer, wie Salman, wählen. Wie könnte sonst die Gemeinde bestehen, wenn sie nicht ihre Wohltäter hätte? Knauser können wir nicht brauchen. Wollt Ihr vielleicht Baruch wählen?" „Den gewiß nicht," erwiderte schlagfertig Awrom, aber seinen zukünftigen Schwiegervater Ahron. Das ist der richtige Mann, ruhig, überlegend, ehrlich, weiß er auch etwas vom Judentum. Salman soll weiter in Schafwolle machen. Du aber, Jekev, begrabe die Toten und treibe für Salman seine Geschäfte. Von dir wird man sich nichts vorschreiben lassen in der Killah." Ein Gemurmel des Beifalls folgte diesen kräftigen Wörtlein, die auch Jossef, der Schammes, gehört hatte. Er hütete sich dreinzureden. Denn als schlauer Diplomat hielt er sich an die Worte Jenes Weisen, den er freilich nicht kannte, und die besagen : „Es hat mich nie gereut, geschwiegen, wohl aber sehr oft, geredet zu haben." So dachte sich auch Jossef sein Teil und er war entschlossen, für seinen Wohltäter, Dr. David, die Situation weidlich aiiszunützen. Im Ilause Reb Ahrons hatte man übrigens noch andere Sorgen. Er selbst war auch nicht vom Ehrgeize frei, das Amt des Rosch-Hakohol zu erringen und den Gegner Salman aus dem Felde zu schlagen. Und er wünschte dies aus rein sachlichen Gründen. Hielt er es doch für unwürdig der Gemeinde, den rücksichtslosen, skrupellosen Geschäftsmann, sich zum Führer zu wählen. Er war sich dessen bewußt, daß es ihm viele Mühe kosten werde, den Gegner zu besiegen. Denn der Anhang Salmans arbeitete mit starken, selten versagenden Mitteln. Salmans Agitatoren bemühten sich, die Angelegenheit so darzustellen, als wäre das Judentum förmlich in Gefahr, wenn Ahron gewählt würde. Und diese Mittelchen haben ihre Wirkung selten verfehlt. Mit augenverdrehender Heuchelei sprachen sie von den Neuerungen Ahrons, die einen völligen Umsturz in der alten Killah herbeizuführen drohten. Und es fehlte ihnen an andächtigen Gläubigen und Zuhörern nicht. Kein Zweifel, die Mehrheit schien für Salman stimmen zu wollen. Es handelte sich allerdings in Salmans Partei um das „Zünglein an der Wäge". Und dies bildeten Baruch und sein Gefolge. Wie konnten diese gewonnen werden? Das blieb Salmans und seiner Parteigänger Sorge. Konnte jemand daran denken, Baruch, den zukünftigen Schwiegersohn Ahrons, wenn schon nicht von diesem abwendig zu machen, so ihn doch wenigstens von der Wahlbeteiligung ferne zu halten? Das war Salmans Kummer. Und der im Hause Ahrons? Der kann allerdings von einer anderen Seite, welche scheinbar mit der Wahl nichts zu tun hatte. Um es kurz zu sagen: Rosl hatte ihren Eitern das Herz entdeckt und sich ausdrücklich geweigert, die Gattin Baruchs zu werden. Die schüchterne Rosl war plötzlich mutig geworden und das Haus der Zukunft, an dem ihre Eltern mit heißem Bemühen für sie gebaut, war von dem tapferen Mädchen über den Haufen geworfen worden. Nach einer Unterredung mit dem Jugendfreunde Dr. David, in der er ihr gestanden, daß er ohne sie nicht leben könnte und sie ihm das Versprechen gegeben hatte, nur seine und niemandes anderen Gattin zu werden, war sie zunächst vor die Mutter hingetreten, die mit den Vorbereitungen zur Hochzeit eifrig beschäftigt war, und hatte ihr offen gesagt, sie werde nie Baruchs Gattin werden. Gitl war über diese Enthüllung entsetzt. „Was wird der Vater dazu sagen?" jammerte sie unausgesetzt. „Das ist der erste Schmerz, den du uns, liebes Kind, bereitest. Du kennst doch das Gebot: Ehre Vater und Mutter, und so widersetzest du dich der heiligen Lehre? Das muß mir, muß deinem Vater zukommen? Kind, Kind, lade keine schwere Verantwortung auf dich, indem du also deine Eltern kränkst." In dieser Weise klagte Gitl, während Rosl die Mutter zu widerlegen trachtete: „Würde ich euch nicht größeren Schmerz bereiten, wenn ich eine Ehe einginge, die mir nie Glück bringen kann? Ich kann nicht das Weib eines Mannes werden, den ich zwar achte, den ich aber nie lieben werde." Das laute Gespräch zwischen Mutter und Tochter hatte Ahron herbeigelockt, dem soeben von Awrom im Nebengemache auseinandergesetzt worden war, wie wenig aussichtsreich seine Wahl sich gestalten vvürde, wenn er nicht mehr für diese agitieren ließ. „Ich kann die Leute nicht bearbeiten", hatte er diesem in seiner ruhigen Art gesagt, „wie es Salman tut. Ueberlassen wir die Sache dem Glücke und der Einsicht der Wähler". „So sind Wahlen noch nie gemacht worden, lieber Reb Ahron", erlaubte sich Awrom zu bemerken. „Man darf nicht die Hände in den Schoß legen und alles dem lieben Herrgott überlassen. Was halten Sie von Dr. David Froehlich?" „Er ist zwar der Freund meines Hauses und ich habe mir ihn verpflichtet, aber der muß nach Patienten ausschauen und kümmert sich nicht viel um den künftigen Rosch-Hakohol. Auch scheint ihm das Judentum, unter uns gesagt, ziemlich gleichgiltig zu sein." Der Meinung war nun Awrom allerdings nicht, der sich rühmte, die Verhältnisse der Killah ziemlich genau zu kennen. So schieden die beiden Männer von einander. Awrom hatte sich vorgenommen, die Agitation für den lauen Ahron ins Werk und sich mit Dr. David in Verbindung zu setzen. Ahron war nachdenkend in seine Stube zurückgekehrt. Da hörte er das laut geführte Gespräch zwischen seiner Gattin und Tochter. Unbemerkt von beiden war er in das Gemach getreten, in dem nun Rosl für ihre Zukunft kämpfte. „Was gibt es hier?" fragte ahnungslos, heiter Reb Ahron. „Meine Gattin und meine Tochter streiten doch wohl nicht wegen der Wahl eines Rosch-Hakohols?'' Das war nun freilich nicht der Fall. Die Heiterkeit Reb Ahrons schwand aber rasch, als Rosl, welche die Hilflosigkeit der Mutter bemerkte, begann: „Ich habe soeben der Mutter eröffnet, daß ich Baruch unter keiner Bedingung zum Gatten nehme, denn ich habe einen Anderen erwählt." „Das heißt also", warf Ahron ein, „mein Kind lehnt sich gegen den Willen der Eltern auf. (Fortsetzung' folgt.) 6 Vergnügungs-Etablissement „Venedig in Wien6 Eröffnung am 29. April. Permanenzkarten für die Saison ä K 15.— in der Stadtkassa I., Rotenturmstraße 16 (Basar) und in der Hauptkassa „Venedig in Wien", II., k. k. Prater (Eingang Riesenradtor).

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