Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 9 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Dr. M. Grünfeld: Die Gegner. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben halbvergangener Zeiten. (2. Fortsetzung.) „Also hören Sie mich, Reb Jossef," begann nun David mit diplomatischem Lächeln. „Wir alle wissen, daß Sie großen Einfluß bei den Gemeindemitgliedern besitzen, wenn die Wahlen für den Gemeindevorstand bevorstehen. Mir ist bekannt, daß Reb Ahron sich um das Amt des Vorstehers bewirbt. Er hat einen mächtigen Gegner, wie ich erfahren habe, Salm an Korallenbaum. Und Sie, lieber Jossef, müssen Ahron zu dem von ihm erwünschten Amte verhelfen. Dann ist alles gewonnen." Bedächtig wiegte Jossef sein sorgenschweres Haupt. Zertl bearbeitete immer und immer wieder die Bänder ihrer Haube. Dem Schammes wollte es nicht einleuchten, in welchem Zusammenhange die Wahl Reb Ahrons zur Verlobung Rosls mit David stehen sollte. Da mußte schon David deutlicher werden. Und so fuhr er in seinen Auseinandersetzungen fort: „Baruch ist, wie ich weiß, Ihr Freund nicht, Jossef. Ich will den Gründen nicht nachgehen. Die tun auch nichts zur Sache. Sie sollen nun durchsetzen, daß er zur Wahl nicht erscheine. Aber die Mehrheit für Reb Ahron müssen Sie sichern. Das ist Ihre Sorge, lieber Jossef." — „Es wird sich dies nicht schwer bewerkstelligen lassen," erwiderte der Schammes. „Aber wie soll ich Baruch bewegen, bei der Wahl seines künftigen Schwiegervaters nicht mitzutun? Ein schwieriges Werk, Herr Doktor, das Sie von mir verlangen." — „Schwierig, aber nicht unmöglich. Nicht an Baruch haben Sie sich zu wenden, sondern an seinen Konkurrenten Salman." Jossef horchte auf. In seinem Kopfe wurde es hell, er begann zu verstehen, wohin David zielte. Baruch und Salman trieben dasselbe Geschäft. Man erzählte, der letztere habe dem ersteren schon manchen fetten Bissen weggeschnappt. Jossef hatte auch erfahren, Baruch habe die letzte Partie Wolle teuer gekauft, befinde sich Salman gegenüber sehr im Nachteile. Da mußte nun Salman eingreifen. Durch ein Kompromiß zwischen den Konkurrenten konnte Baruch bewogen werden, von der Wahl fernzubleiben. „Herr Doktor," rief heiter lächelnd Jossef aus, „ich begreife. Sie spekulieren auf Baruchs Geschäftsgeist. Der soll ihm die Braut kosten, die Sie dann nach Hause führen werden. Masol tow! (Ein Glückwunsch.) Sie haben sich an den Richtigen gewendet. Baruch soll sein Geschäft machen und Sie werden die Braut heimführen. Ahron aber wird Rosch-Hakohol werden, So wahr ich Jossef Schammes genannt werde. Grüßen Sie mir Ihre Braut, Herr Doktor! Der Sabbath geht zu Ende. Morgen beginnen wir das Werk der Woche. Ich hoffe, Ihnen zum Glücke." Heiter verabschiedete sich Dr. David. Lärmend stürzten sich die fünf Rangen Jossefs in die Stube. Ihr Hunger hatte sie nach Hause getrieben. Mit gierigem, beneidenswertem Appetite verzehrten sie das Abendbrot,, die „dritte Mahlzeit" des zu Ende gehenden Sabbaths. Zertl und Jossef freuten sich des gesunden Hungers ihrer Sprößlinge. III. Der Frieden der Gemeinde war wieder gestört. Dies hatten die Agitationen und Vorbereitungen zur Wahl des Vorstehers bewirkt. Zwei Männer standen einander gegenüber. Der ruhige, zielbewußte Reb Ahron und der leidenschaftliche Salman Korallenbaum, ein Mann, der in seinem Geschäfte keine Rücksichten kannte und ebenso rücksichtslos in seiner ehrgeizigen Bewerbung um das höchste Amt, das die Gemeinde zu vergeben hatte, vorging. Dieser Salman, ein reich gewordener Schafwollhändler und gefährlicher Konkurrent Baruchs, war das Widerspie 1 Ahrons. Während dieser, bei aller Frömmigkeit, den billigen Forderungen einer neueren Zeit, deren Anbruch er merkte, sich nicht hartnäckig verschloß, zw ar kein Gelehrter war, aber nicht ohne gründliche Bildung auf dem Gebiete des jüdischen Schrifttums, stellte Salman den Ignoranten, Am-Haarez dar, der sich aber auf seine starre Orthodoxie viel zugute tat, mit den wenigen Kennnissen, die er sich in der längst vergangenen Jugendzeit erworben, sehr gern prunkte, sein Licht nie unter den Scheffel stellte, und infolge seiner Kenntnisse aller Geschäftskniffe vermeinte, der richtige Mann für die Leitung einer Gemeinde zu sein. Er protzte mit seinem Gelde, seiner Wohltätigkeit und seinen praktischen Erfahrungen. Das war der richtige Killah-Pascha, ohne Rücksicht, aber voll von Gewalttätigkeit und Despotie. Natürlich hatten beide Kandidaten ihren Anhang, ihre Partei. Salman Korallenbaum besaß seine Anhänger unter denen, die glaubten, das Judentum und mit ihm natürlich auch die Killah müßten zugrunde gehen, wenn man auch den geringsten Brauch, die älteste Zeremonie in der Synagoge abschaffte, für die es ihnen übrigens meist auch am Verständnisse fehlte. „Das sind die richtigen Ignoranten," pflegte der immer satyrische Lehrer Reb A w r o m, der Philosoph der Gasse, zu sagen, „welche sieh an die alten Minhagim (Bräuche) klammern, ohne sie zu verstehen. Mein Salman soll Rosch-Hakohol werden. Warum? Weil er viel schnodert (spendet), wenn er am Feiertage zur Thorah gerufen wird. Kann man nicht auch im Stillen wohltätig sein? Muß jede Spende an die allergrößte Glocke gehängt werden? Alle, die in der Synagoge sind, müssen hören, Salman hat der Talmud Thorah (Schule) wieder ein paar Gulden hingeworfen, nachdem er beim jüngsten Geschäfte Tausende verdient hat. Ob das würdig des Gotteshauses ist, will ich nicht untersuchen. Aber Feiwel, Mendl, Itzig und wie sie alle heißen, unsere Am- Razim (Ignoranten) staunen, reißen die Mäuler auf und rühmen Salmans Wohltätigkeitssinn und gehen hin, wählen den großen Mann. Auf solche Leute stützt sich unser Judentum. Geld, Geld und wieder Geld. Wer ein Herz für's Judentum im Leibe hat, wählt diesen Geschäftsmann nicht." Also sprach der wackere Lehrer in dem „Rädel" (dem Kreise), das sich um ihn gebildet hatte, ehe man „die Schul" (das Bethaus) betrat. Viele stimmten ihm zu, aber auch ein widersprechendes Gemurmel erhob sich. Besonders eifrig setzte sich für Salman eine Stimme ein, es war die Jekevs, des Liberers (Totengräbers), der in seinen müßigen Stunden das Geschäft eines Agenten für Salman versah und sich in diesem nicht ungeschickt zeigte. Er war es auch, der seinen Brotgeber über die Geschäfte Baruchs unterrichtete und es Salman hinter-