Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 9 (29.4.1910)
- Date
- 1910-04-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 ,Neue National-Zeitung' Nr. 9 Die Taufe eines Ministerialrates. (Von besonderer Seite.) Ihre Anfrage, ob es richtig ist, daß sich der Ministerialrat Sigmund Sonnenschein im Eisenbahn- Ministerium getauft hat, kann ich auf Grund verläßlicher Informationen bestätigen. Herr Sonnenschein möchte Sektions-Chef werden und unsere christlich-sozial geschwängerte Atmosphäre kann:: einen jüdischen Sektions-Chef nicht vertragen. Allerdings hat es schon einmal ein Jude zum Sektions-Chef gebracht — der jetzige Vize-Präsident beim Obersten Rechnungshof, Doktor Paul Schulz, der sich inzwischen getauft hat, um sich für die Geheimratswürde zu präparieren — aber Eisenbahn-Minister Wrba möchte wohl seinen Einfluß b. i den Christlichsozialen nicht riskieren. So hat sich denn Herr Sonnenschein entschlossen, dem Judentum Valct zu sagen. Der Umstand, daß Herr Sonnenschein in der Austrittsliste der Wiener Kultus-Gemeinde nicht figuriert, beweist nichts. Auch Dr. Gustav F e s s 1 e r, der jüngst zum Oberlandesgerichtsrat beim Wiener Landesgericht avanzierte, hat sich . im Jahre 1906 getauft. Er war so vorsichtig, zum; Zwecke dieser für seine Karriere so wichtigen Zeremonie eine kleine Vergnügungsreise nach der mährischen jHHmat anzutreten. Dadurch entging er der peinlichen Publikation. Erst als ihm die Kultusgemeinde im Jahre 1.907 die Kultussteuer abverlangte, machte er in eijneni Schreiben von seinem Taufschein Gebrauch.; Herr Sonnenschein aus Troppau dürfte einen ähnlichen Ausweg gefunden haben. Mit ihm verschwindet der einzige jüdische Ministerialrat aus Oesterreich. Dieser Fall sollte endlich den Wiener Kultusvorstand veranlassen, beim Ministerium des Innern gegen die gesetzwidrige Unterlassung der Austritts-Anzeigen seitens der Bezlrkshauptmannsehafien Beschwerde zu führen. Soll die Austrittsliste ihren Zweck erreichen, dann muß sie ajuch vollständig sein. Diese Austrittsliste ist jetzt, wie ich in der letzten Zeit wiederholt zu konstatieren Gelegenheit hatte, das rote Tuch für gewisse Kreise unserer; Intelligenz, die um den Taufbecken ht rumpendeln: i Journalisten, Bankdirektoren, höhere Staatsbeamte, Advokaten aus der Umgebung der Herren Adler und Hock und sonstige Streber. Das Gewissen bedrückt diese Leute nicht, wenn sie den Glauben ihrer Väter verlassen, ihr Charakter hat — wie sie meinen — mit dieser Frage nichts zu tun, aber diese Abtrünnigen wissen, daß ihnen die Publikation in äej^AusWttsJist^ senden ihrer Mitbürger, auf deren Ächtung sie Anspruch erheben, ein Brandmal auf die Slirae drückt. Das empfinden sie und darum ihre Wut gegen die Austriltslisie. Der Fall Sonnenschein beweist, daß auch Ministerialräte nicht den Mut finden, ihren Uebertritt vor der jüdischen Oeffentlichkeit zu verantworten. Jierr David Wolffsohn in bondon. (Von unserem Korrespondenten.) London, 24. April. Herr David Wolffsohn hat hier am 17. d. M. eine große programmatische Rede gehalten, in der er die Grundzüge seiner nächsten Tätigkeit darlegte. Nach einer sehr scharfen persönlichen Kritik Israel Zangwills fand er es für gut, hervorragende Mitglieder der eigenen Partei anzugreifen, indem er ihnen den Vorwurf machte, daß sie zwar viel von praktischer Arbeit sprechen, aber selbst die praktische Arbeit, auch in ihrem Privatleben, nicht verstehen. Seiner langen Rede dunkler Sinn lautete: Warten! Ein kluger Kaufmann — wie er einer sei — müsse aufpassen, daß er nichts riskiere. Allerdings „wollen wir jetzt mit aller Kraft in Palästina arbeiten", aber wir können nicht, denn „mit dem Willen allein ist es nicht getan, wir müssen vor allem auch die Mittel haben und wir werden die Mittel erst dann bekommen, wenn wir die große Masse und auch die wohlhabenden Juden auf unserer Seite haben." Während also in allen Weltteilen für zionistische Zwecke beim ärmsten Proletariat abgesammelt wird, denkt der „Praktiker" Herr Wolffsohn vorläufig gar nicht daran, in Palästina praktische Lebensbedingungen für die wirtschaftlich und politisch bedrängten Juden zu schaffen, sondern er will zuerst („der erste Punkt unseres Programmes") die großen jüdischen Massen „werben" und „gewinnen", weiters die großen jüdischen Organisationen für die praktische Arbeit in Palästina „gewinnen". Dieser Phrasenschwall bedeutet nichts anderes, als daß Herr Wolffsohn in erster Linie volle Kassen schaffen will, denn „die Türkei muß zum Schlüsse kommen, daß sie die Einwanderung von Juden gern annehmen wird". Aber wann? Solche „diplomatische" Wendungen des Herrn Wolffsohn nach dem jüngsten Besuch beim Hofrat Vambery in Budapest scheinen keinen anderen Zweck zu haben als den, den wirklichen Stand der zionistischen Sache in Palästina zu verschleiern. Dreizehn Jahre verstreichen demnächst seit dem I. Baseler Kongreß und während Tausende jüdischer Familien aus Rußland in die Welt hinausgejagt werden, weiß der Führer der zionistischen Bewegung nichts anderes zu tun, als mit dem Worte „praktisch" Haarspalterei zu treiben .... Die Rede Wolffsohns hat bei den hiesigen leitenden Zionisten einen sehr ungünstigen Eindruck hervorgerufen, sowohl wegen ihres Inhaltes, als auch wegen ihrer aggressiven Art. Beim Bankett erschienen daher weder Sire Montefiore, noch Bentwich, Cowen, Greenberg, Dr. Daiches u. A. Die Stellung der hiesigen zionistischen Kreise fand ihren beredten Ausdruck in einem „Offenen Schreiben", das Dr. S. M. Melamed im „Jewish Journal" veröffentlichte. Dieses Schreiben lautet in seinen wesentlichsten Stellen: „Die Lage unserer Brüder in Rußland ist verzweifelt. Den Lebenden fehlt das tägliche Brot und den Toten das „Leiclienge.w.and..._W£nn._.naan ..die_JJach.richten aus Rußland über die Lage der Juden liest, dann glaubt man, im X. Jahrhundert zu leben. Junge Leute begehen Selbstmord und ihre Eltern stehen verzweifelt da in dieser großen Welt, in der für sie kein Platz vorhanden ist. Die russische Pogrom- Regierung rächt sich an den 6 Millionen Juden, von denen 5 Millionen vollständig ruiniert sind; sie würde die Juden am . liebsten ertränken. Und da erklären die Zionisten: „Wir haben 2000 Jahre gewartet, wir können noch länger warten!' Der zionistische Führer hat selbst am letzten Sonntag verkündet, daß er entschlossen sei, zu warten, bis ihm Palästina von der Türkei übergeben wird — um nur die zionistischen Fonds zu schützen. Diese Erklärung des zionistischen Leaders ist geradeso zynisch wie die Tätigkeit mancher israelitischer Organisationen. Herr Wolffsohn selbst kann warten, er ist ja reich und er wohnt nicht in Rußland — das jüdische Volk aber steht vor dem Abgrund ...