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Neue Nationalzeitung · 1910-04-01 · Heft 7 (1.4.1910) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 7 (1.4.1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7 „Neue National-Zeitung" Seite 7 Ein Blutmärchen auf Kanea. Erst kürzlich wurde der Fall eines Juden aus Skala Nuova registriert, der auf einer der Inseln des griechischen Archipels unter dem Verdachte der Christenabsehlachtung beinahe gelyncht worden wäre, und schon wieder haben wir ein ähnliches Ereignis aus der Welt griechisch-christlicher Nächstenliebe zu vermelden. Diesmal war es in Kanea, der Hauptstadt der Sagenreichen Insel Kreta, daß versucht wurde, mit Hilfe der Blutläge eine Judenhelze in Szene zu setzen. Ein griechisches, kaum den Kinderschuhen entwachsenes Mädchen diente seit einiger Zeit bei dem Juden Gabriel Ishakis. Es bestahl seinen Brotgeber dieser Tage um ein unbedeutendes Geldstück und floh dann aus Furcht vor Entdeckung aus dem Hause. Man suchte es überall, als sein Ausbleiben auffiel, konnte es aber nirgends entdecken. Das reichte für die Nachbarn hin, um das Gerücht zu verbreiten, das Mädchen sei gar nicht davongelaufen, sondern in dem Hause des Juden abgeschlachtet worden. Inzwischen war auch die Mutier des Mädchens benachrichtigt worden. Sie wurde gleichfalls sehr unruhig, als das Mädchen bis zum Abend nicht erschien, und begann Lärm zu schlagen. Es rotteten sich Leute zusammen, die das Haus des Ishakis bedrohten und Verwünschungen gegen alle Juden ausstießen. Als Ishakis sah, welche gefährliche Haltung die Menge gegen ihn annahm, eilte er zur Polizei, um bei dieser Schutz für Leben und Habe zu suchen. Aber ihm ward die Antwort, eine benachbarte griechische Familie hätte selbst gesehen, wie man das Mädchen bei ihm geschlachtet hätte. Die Polizei nahm hierauf eine Hausdurchsuchung bei dem Juden vor, während sich die Volksmassen mit Stöcken und Waffen ausrüste!en und das Haus belagerten. Die Lage war bereits sehr kritisch, als ein griechischer Advokat, der den Juden kannte, sich der Menge entgegenstellte, um sie über den Aberglauben aufzuklären und sie zur Ruhe zu mahnen. Er wurde jedoch verhöhnt und ausgelacht. Die Menge benahm sich erst vernünftiger, als ein Polizist erklärte, er habe selbst gesehen, daß das Mädchen nach dem Hause seiner Eltern gegangen sei, das außerhalb der Stadt lag. Er nahm es auf sich, die Verschwundene zu finden, und die Menge hörte auf ihn. Tatsächlich gelang es ihm auch, sein Wort einzulösen. Das Mädchen hatte sich bis zum Einbruch der Nacht auf den Straßen herumgetrieben, bis es aus Mitleid in ein Haus aufgenommen wurde. Am Morgen begab es sich sodann zu den Eltern. Dort wurde sie von dem Polizisten aufgefunden und der unschuldige Ishakis war mit dem bloßen Schrecken davongekommen. Rabbiner E b 1 a g o n von Kanea hat den Fall an kompetenter Stelle gemeldet und Ishakis gleichfalls von den Behörden Genugtuung gefordert. In Kanea hatte bereits einmal, im Jahre 1873, das Blutmärchen eine Rolle gespielt. Damals war ein christlicher Knabe von der eigenen Mutter versteckt worden, um einen Aufruhr gegen die Juden hervorzurufen. Nur dem energischen Einsehreiten des derzeitigen französischen Konsuls war die Rettung der Juden zuzuschreiben. Patrouillen mußten die Juden beschützen und mit Waffengewalt, die Ruhe aufrecht erhalten. Damals taten die Behörden ihre Pflicht und 40 Griechen wurden empfindlich bestraft. Die Austrittsliste in Brünn. Unserem Beispiele folgend, veröffentlicht nunmehr auch die „Jüdische Volksstimme" die Austrittsliste von Brünn. Es wäre zu wünschen, daß alle jüdischen Provinzblätter diese von der jüdischen Oeffentlichkeit sehr aufmerksam verfolgte Rubrik einführen, damit die Uebersicht über die Fahnenflüchtigen eine ganz genaue sei. In der Brünner Austrittsliste finden wir diesmal den Oberfinanzrat Dr. Karl L ö w y. Was will denn dieser Mann? Wahrscheinlich noch Hofrat werden . . . „Jung-galizischer Almanach". Unter diesem Titel ist unter der Redaktion der Herren Zwi Spitzer, Gustav Bader und Jakob Mestel eine Sammlung junggalizischer Dichter in jüdischer Sprache im Verlage „Schwalben" erschienen. Die Lyrik ist vertreten durch Barasch, Bernstein, Brender und Mestel und die Prosa durch Gustav Bader, Zwi Bickels, Moses Fernhof, Imen, Anselm Kleinmann und Zwi Spitzer. (Preis 40 Heller. Zu beziehen durch E. Kessler, Lemberg, Kotlarskagasse 4.) Vortrags-Tournee in Amerika. Ueber Einladung der galizischen Kolonie in New-York begibt sich Herr Gustav Bader, der bekannte Nestor der jüdischen Literatur in Galizien, zu einer Vortragstournee nach Amerika. Um die Mitte des Monates April verläßt Herr Bader Lemberg und wird für die Osterfeiertage in New-York anlangen. Der erste jüdische Veteranenverein in Oesterreich. In Holleschau in Mähren hat sich ein jüdischer Veteranenverein gebildet, der erste in Oesterreich, an dessen Spitze Feldrabbiner Dr. F r e i m a n n, Bürgermeister Z w i 1l i n g e r und Oberarzt d. R. Dr. Knopf stehen. Der Kaiser hat dem Verein nun die Führung des Reichsadlers auf der Vereinsfahne mit der Inschrift „Zum 00jährigen Regierungsjubiläum Seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I." und der Kaiserkrone bewilligt. Die Fahnenweihe findet anläßlich des 80. Geburtsfestes des Kaisers statt. Eine traurigere Reklame, als sie Herr Dr. Kaminka, Sekretär der Wiener „Allianz", für sich macht, kann man sich schwerlich denken. Er reist nämlich nach London, um dort an der jüdischen Konferenz gegen den Mädchenhandel als Vertreter der „Allianz" teilzunehmen. Wiewohl diese historische Talsache für die große Oeffentlichkeit ziemlich gleichgültig ist, hat Herr Dr. Kaminka dafür gesorgt, daß seine Reise in den Tagesblättern registriert werde. Dagegen wäre ja schließlich nichts einzuwenden, wenn Dr. Kaminka selbst daran Vergnügen findet. Allein Dr. Kaminka, der sich auch Rabbiner nennt, entpuppt sich gleichzeitig als Spezialist im Prostitutionswesen und genauer Kenner der Bordelle des In- und Auslandes. In den Notizen, die er in den Tagesblättern veröffentlicht, weiß er davon zu erzählen, daß die Juden in Galizien, Rußland und Rumänien das größte Kontingent der „Ware" für die Mädchenhändler zur Verfügung stellen. Woher weiß er denn das so genau? Statistische Daten gibt es bisher darüber nicht und wenn Dr. Kaminka solche hat, wäre es ja sehr wünschenswert, wenn er sie veröffentlicht. Aber einfach die Juden des Ostens als verworfen und ihre Töchter als leichtfertig hinstellen, damit die Reise des Dr. Kaminka ein allgemeines Interesse erregt, ist wenig gewissenhaft. Uns scheint, daß der traurige „Ruhm" des Herrn Lessing aus Hannover Herrn Dr. Kaminka nicht schlafen läßt. Für die Juden in Persien. Der türkische Handelsminister hat den Oberrabbiner, Chacham Baschi Nahum, angefragt, welche Wünsche er in bezug auf die Lage der türkischen Juden in Persien habe. Es solle jetzt ein Handelsvertrag zwischen der Türkei und Persien abgeschlossen werden und die Regierung würde bei dieser Gelegenheit zugunsten der türkischen Juden in Persien eintreten. Es ist das erste Mal, daß eine Regierung beim Abschließen eines Handelsvertrages mit einem anderen Staate auf die Interessen ihrer jüdischen Bürger bedacht ist. Man sieht, fügt die „N. J. K." dieser Mitteilung bei, die Regierungen der westlichen Kulturländer können in bezug auf wirkliche Menschlichkeit und Toleranz von der „asiatischen" Türkei noch viel lernen. Für den Verkauf von Koscherfleisch hat das Rabbinat in Paris strengere Bestimmungen erlassen. Nor diejenigen dürfen koscheres Fleisch verkaufen, die am Samstag ihre Läden streng geschlossen halten : nur solche ferner,;; die ausschließlich koscheres Fleisch verkaufen und unter Lder Kontrolle eines Aufsichtsbeamten stehen. Zu demselben Thema

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