Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 6 (18.3.1910)
- Date
- 1910-03-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 6 Neue National-Zeitung" Seite 5 Umstand, daß eine Interessengemeinschaft zwischen dem jüdischen Volke und dem türkischen Reiche nicht bloß im Prinzip, sondern auch in der Praxis, in der Art der Verwirklichung dieses Prinzipes besteht. Es entspricht den Interessen der gegenwärtigen Bewohner der Türkei, daß die jüdische Einwanderung keineswegs eine sporadische sei, sondern sich in einem oder mehreren Gebieten konzentriere. Denn die Argumente derjenigen Partei in der moslemischen Presse, die sich gegen die Einwanderung ausspricht, lassen sich in folgenden Worten zusammenfassen: Die Juden sind auf dem Gebiete des Handels äußerst gewandt, sie sind imstande, den ganzen Handel und die ganze Industrie den Händen der eingeborenen Bevölkerung zu entreißen. Ihr geistiges Niveau ist viel höher als das der gegenwärtigen Bewohner. Es wird ihnen ein leichtes sein, das ganze Kapital an sich zu reißen und die Herren des Landes zu werden. — Wenn man diesen Ultrapatrioten begreiflich machen wird, daß die jüdischen Einwanderer sich auf unbebauten und unbevölkerten Landstrichen ansässig machen können, daß sie geschlossene Gruppen bilden sollen, die in keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Beziehungen zu den Eingeborenen stehen, so werden sie, wenn sie ehrlich sind, ihre Gegnerschaft aufgeben und uns zurufen: „Bouyoursounlar" (Willkommen!), um mich des bekannten Ausdrucks zu bedienen, der die moslemische Gastfreundlichkeit kennzeichnet. In der Tat kann eine sporadische Einwanderung für die Juden von keinerlei Nutzen sein; im Gegenteil, sie wäre geeignet, Antisemitismus zu züchten. Wenn wir jüdische Einwanderer ins Land ziehen wollen, so können wir nichts anderes tun, als das System der Kolonisation, das bisher in Palästina angewandt wurde, weiter auszubauen. Es gibt bei uns unzählige fruchtbare Gebiete von großer Ausdehnung, wo zahlreiche jüdische Städte, umgeben von jüdischen Dörfern, erstehen könnten. Im Bereiche dieser Ansiedlungen wird der Antisemitismus sich unmöglich entwickeln können, aus dem einfachen Grunde, weil es hier nur Semiten geben wird. Keiner wird den Juden ihr Wohlergehen mißgönnen oder sich in seinen Interessen durch die Tätigkeit und die Fähigkeiten unserer Brüder verletzt fühlen. Im Gegenteil, jeder wird sie bewundern und sich bestreben, von dem guten Beispiel, das sie darbieten, zu profitieren. Die ottomanischen Vaterlandsfreunde, die in den Einöden plötzlich Städte voll Leben und Glanz auftauchen sehen werden, ausgestattet mit dem ganzen Rüstzeug der modernen Zivilisation, werden sich zu einer so guten Nachharschaft beglückwünschen, die einen wirksamen Anreiz zum Fortschritt für sie bilden und ihnen den besten Weg dazu zeigen wird. Wenn die Ottomanen im allgemeinen durch das frische Blut, das der jungen, freien und konstitutionellen Türkei auf diese Weise zuströmen wird, nur zu gewinnen haben werden, so werden die ottomanischen Juden sich ganz besonders glücklich schätzen, den Nutzen zu beobachten, den ihr Vaterland aus den Fähigkeiten ihrer Stammesbrüder zieht, die aus DIE JÜDISCHE Die jüdische Einwanderung nach Palästina. (Neueste Daten.) Die Odessaer Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina veröffentlicht soeben einen Bericht über die über Odessa und mit Hilfe des Informationsbureaus des Odessaer Palästinakomitees erfolgte Auswanderung nach Palästina. Zur richtigen Beurteilung dieser Auswanderungsbewegung wird es angebracht sein, das zahlenmäßige Verhältnis der verschiedenen den Ländern der Bedrückung gekommen sind und nunmehr die Gastfreundschaft, die sie bei den Ottomanen gefunden haben, durch ihre segensreiche Regsamkeit vergelten. Sie werden hocherfreut sein, zu sehen, wie ihre Volksgenossen die moralische Kraft uud das Ansehen des jüdischen Bevölkerungselements im türkischen Reich heben. Es bliebe nur noch zu prüfen, auf welche Weise die Aktion einer methodischen Einwanderung zur Durchführung gelangen kann. Dies ist die heikelste Frag*», von deren Lösung der Erfolg des ganzen Unternehmens abhängt. Man könnte auf gut Glück einzelne Vilayets anführen, in denen die Errichtung städtischer oder ländlicher Ansiedlungen am leichtesten zu bewerkstelligen wäre. Es ist jedoch nicht meine Sache, auf diesen Punkt näher einzugehen, der ein gründliches Studium erfordert, welches lediglich durch eine wissenschaftliehe Kommission angestellt werden kann, die die fraglichen Gebiete mit aller erforderlichen Sorgfalt zu erforschen hätte. Es gibt unter unseren Brüdern unglückliche Entwurzelte, die sich verzweifelt auf jedes neuankommende Schiff stürzen, ohne zu wissen, wohin sie gehen und was sie beginnen sollten. Für diese ist die sporadische Einwanderung eine Wohltat. Aber auch andere Kategorien von Einwanderern könnte die junge Türkei schon jetzt heranziehen. Sie könnte die jüdischen Künstler, Ingenieure, Gelehrten und sonstige Intellektuelle ins Land ziehen, Elemente, an denen wir jetzt noch großen Mangel leiden. Für diesen Zweck wäre natürlich die Schaffung einer großen Organisation auf gesunden Grundlagen erforderlich. Zunächst wären überall eigene Lokalkomitees einzusetzen, die den Interessenten die nötigen Auskünfte zu erteilen hätten. Durch eine solche Einwanderung würde die gegenwärtige jüdische Bevölkerung in der Türkei in ihrer Position gefestigt und sie würde dann sicherlich freudig mitarbeiten, um das Ideal eines jüdischen Kulturzentrums, wie es der Zionismus anstrebt, zu verwirklichen. Was uns türkische Juden betrifft, so möchten wir in unserer glühenden Liebe zu unserem Vaterlande nur die Worte des Sultans Bajazed II., die er an die aus Spanien vertriebenen Juden gerichtet hat, mit einigen Aenderungen wiederholen : Kommt, Brüder, ihr werdet vielleicht die undankbaren Länder, die euch zur Flucht gezwungen haben, durch euren Wegzug arm machen, ihr werdet aber das schöne und edle ottomanische Land bereichern. Kommt — und als gute Juden wollen wir auch die Einladung wiederholen, die die jüdische Gemeinde von Saloniki im XVI. Jahrhundert an die Israeliten der Provence und Isaak Sarfati im XV. Jahrhundert an die deutschen Juden ergehen ließ : Kommt, Brüder, kommt nach der Türkei. Hier lebt ein jeder von uns ruhig , unter dem Schatten seines Weinstockes und seines Feigenbaumes, ohne daß irgend einer uns in unserer friedlichen Entwicklung stören würde. Kommt zu uns, um in diesem fruchtbaren — und wir am Anfange des XX. Jahrhunderts fügen hinzu: — in diesem freien Lande in Ruhe und Sicherheit zu leben. EniQRdTION. Kategorien der Passagiere zu einander, ganz besonders die bezüglichen Verschiebungen, die während des hier behandelten Zeitraumes im Vergleiche zu den vorigen Jahren (1907 und 1908) eingetreten sind, festzuhalten. Im allgemeinen läßt sich feststellen, daß die Emigration nach Palästina im letzten Jahre zugenommen hat, trotz der Quarantäneschwierigkeiten, denen während mehrerer Monate die aus Rußland kommenden Schiffe unterworfen waren, und trotz der im Zusammenhange damit geübten Einschränkung in der Ausgabe von Fahrkarten, eanz besonders