Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1910-02-18 · Heft 4 (18.2.1910) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 4 (18.2.1910)
Date
1910-02-18
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425801-2425806--1607-2427976
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 4 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Prof. Dr. Max Grünfeld: Ein deutscher H[aufmannsroman. Wir besitzen einen solchen in dem klassischen Werke Gustav Freitags „Soll und Haben". Die Zeit ist aber eine andere geworden. Der deutsche Geschäftsmann hat seinen Blick erweitert. Die Welt wird ihm fast zu klein. Seine Schiffe fahren nach Ostasien, nach China und Japan. In ihren Kontors zu Hamburg herrschen die Kaufleute wie die Fürsten. Diese Großherren des Handels in ihrem Schalten zu schildern, ist sicherlich eine große Aufgabe. Und sie ist modern im besten Sinne des Wortes. Ein Großer unter den Modernen hat es unternommen, einen solchen Kaufmannshelden vorzuführen. Wie er sich aus seiner beengten Jugendzeit emporgerungen und wie er ein Kaufmann geworden mit weitem Blicke und schrankenlosem Unternehmungsgeiste. Und, der dies schildert, ist ein — gewesener Pastor. Gustav F r e n ß e n hat das hohe Lied des Kaufmannsstandes in seinem neuesten Werke gesungen: er, der erfolgreiche Verfasser des „Jörn Uhl", des „Hilligenlei". „Hilligenlei" und „Klaus Hinrich Baas", dies der Titel unseres Kauf mannsromans, man kann ohne Uebertreibung sagen, Welten liegen zwischen diesen beiden klassischen Produkten der neuesten deutschen Literatur. Uns Juden stehen aber beide Werke sehr nahe. In „Hilligenlei" der Schwärmer für ein neues Evangelium der Menschenliebe, der Phantast, welcher nach dem „Lande der Heiligen" sucht, der Urchrist, welcher den Haß aus der Welt bannen möchte, um sie auf dem Grunde der alles vereinigenden Menschenliebe wieder aufzubauen, der stirbt, nachdem er sein Testament hinterlassen, das sich in die wenigen Worte kleiden läßt: „Liebet einander." Und dann der Kaufmann: Klaus Hinrich B a a s. Er hat sich aus der Bibel ein Wort gemerkt und es ist ein gutes, ein festes. In den Psalmen steht es geschrieben und lautet: „Genug haben sie mich bedrängt von Jugend an, haben dennoch über nichts vermocht." Wie viele Große im jüdischen Volke, die wie Klaus Hinrich Baas, der Holsteiner, aus den kleinsten Anfängen hervorgegangen sind, könnten diesen Psalmenvers als Motto über ihre Lebensgeschichte setzen? Der Schwärmer und der Kaufmann, diese beiden Typen, die Frenßen, in unvergleichlicher Weise, in seinen beiden Romanen darstellt, sie heimeln uns Juden mächtig an, und deshalb werden wir diese Werke des Dichters nicht ohne Ergriffenheit, ja mit tiefer Andacht und anhaltender Aufmerksamkeit lesen. Dieser Pastor hat auch uns sein Wort vom Leben verkündet. Von den Juden selbst, die, nach der Ansicht vieler, die geborenen Kaufleute sind, spricht Frenßen in seinem neuesten Werke nur nebenbei. Im fernen Indien ist's, wo sich der Held des Romans, Klaus Hinrich Baas, in Geschäften aufhält. Da wird auch von einem kleinen, grauhaarigen Juden erzählt, „der dann und wann von Rangoon herüberkam". In jungen Jahren war es ihm in Liverpool schlecht ergangen. Der Verzweiflung war er nahe. Sein Revolver, den er mit einem Schraubstocke an die Pultkante festgeschraubt hatte, schien ihm den einzigen Ausweg aus seiner Not und Angst anzudeuten. Aber er entschlug sich der finsteren Gedanken. Und nun gehe es ihm wieder ganz gut . . . „Verzweifelt nicht zu früh," warnt er die Jugend; „Lacht nicht!" Aber Jack Hamilton, der Angelsachse, sagt lachend zu Klaus Baas: „The Jews are very elastic people!" „Ja, die Juden sind ein elastisches Volk." Zähe, sagt man bei uns. So oder so, die kleine Charakteristik spricht Bände. Die Juden wissen sich in alle Lagen zu fügen, aber Baas, und das schildert Frenßen mit überwältigender Kunst, bleibt auch als großer Hamburger Geschäftsherr, was er in seiner Jugend gewesen und was sein Bruder Peter geblieben ist, — ein Bauer. Engherzig, kleinlich, ohne richtige, umfassende Bildung. Eine von den Frauen, mit denen übrigens Baas sehr viel zu tun hat, schildert ihn am besten, indem sie von ihm sagt: er sei eng, ungütig, unruhig. Noch einmal schwebt die Gestalt eines Juden an uns in diesem Romane vorüber. Es ist ein schmucker, dunkler Mann aus einem jüdischen Bankhause, „der vom Beruf der Väter weg in die Kunstgeschichte geraten war". Der weiß zu reden über Florenz und die Zeit der Renaissance. An all dem hat Baas, der „enge" Kaufherr, welcher an seine Geschäfte in Shanghai denkt, kein Interesse. Es langweilt ihn und läßt ihn gleichgültig, den „ungütigen" Mann, der das Wort „Altruismus" nicht kennt. Der kleine, dunkle Renaissancemann weiß aber in geistvoller Art zu erzählen, „wie es nach seiner Meinung in der Seele eines Lorenzo Medici ausgesehen hatte". Wunderbar setzt Frenßen dann den Gegensatz zwischen diesem Renaissancemenschen, diesem feinen, klugen Juden aus dem Bankiershause und dem aus der Holsteinischen Bauernstube stammenden Klaus Hinrich auseinander, den eine harte Mutter, da er Knabe gewesen, mit der Feuerzange bearbeitete. Der Geist des Juden „ist mit allem Schmuck des Lebens gefüllt, wie ein edles Gemach, in dem Bilder hängen, und Statuen und schöne Geräte auf prächtigen Teppichen stehen und alte vornehme Bücher auf den Tischen liegen". Von sich aber sagt Klaus in seinem Selbstbekenntnisse: „In meinem Geiste steht immer noch ein Holztisch und darum sechs Stühle, und darauf Vater und Mutter und meine anderen Leute . . . und an den Wänden der einfachen Stube hängen die anderen Bilder meiner mühseligen Jugend!" ... Und seine Gattin, — die Töchter eines Hamburger Kaufherrn, es ist seine zweite Frau, von der ersten, die ihn nicht verstanden, hat er sich geschieden — diese vornehme Hamburgerin, sagt ihm seufzend darauf: „Du bist 'n Bauer!" In diesem weitzügigen, tiefgründlichen Lebensbilde will uns demnach der Dichter den Mann der angelsächsischen Rasse schildern, der sich zu einer imponierenden Lebensstellung emporringt, auf dessen Tische aber, wie in seiner Jugend, so auch in seinem Mannesalter, „die alten vornehmen Bücher" fehlen. Unwillkürlich sagen wir uns: Ein jüdischer Geschäftsmann, der, aus dem dunklen, beengten Ghetto stammend, es zu der Höhe des Klaus Hinrich Baas gebracht hätte, würde sein Leben anders gestaltet haben, wie dieser rauhe und rohe und robuste Holsteiner mit seinem engen und derb sinnlichem Wesen. Was uns in diesem Kaufmanns-Romane teils ergreift, teils abstößtj ist auch das Verhältnis von Mutter und Sohn, und Sohn und Mutter. Der Vater, ein Taglöhner, ein Baas, „und die Baase sind Pfeifer und Spieler", wie sie seine Gattin bezeichnet, ist früh gestorben. An einer Operation, die an ihm im Hamburger Hospitale vorgenommen wurde. In Armut und Elend

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.