Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 24 (19.11.1909)
- Date
- 1909-11-19
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 11 rEUILLETON. Dr. Moses Ahronsohn: Das Buch der Schande. Wenn man dieses Buch gelesen hat, wird man unwillkürlich ausrufen; „Weit ist es gekommen, die Literatur ist auf dem Misthaufen angelangt und ihr Symbol ist der heilige Mistkäfer." So sprachen auch wir, nachdem wir uns der nicht ganz mühelosen Arbeit unterzogen hatten, das Werk einer Dame, — Else Jerusalem heißt sie, die Trägerin der Lehre vom Misthaufen, den natürlich diese durch und durch sünd- und gebresthafte Welt darstellt, — ein Buch von 686 Seiten durchzulesen, das heißt uns durch einen Kothaufen durchzuarbeiten *). Was uns in diesem „Werke" dargeboten wird, übersteigt wirklich das Maß des Gewöhnlichen. Es stellt diese „ Literaturerscheinungu nicht nur die höchsten Ansprüche an unsere Nerven, die ja ohnehin in dem Lärme des Tages genugsam angespannt werden, sondern auch an unsere Geruchsorgane, die schon zarter ausgefallen sind. Denn das Lieblingswort, der, wie man uns versichert, noch im jugendlichen Alter stehenden Autorin, ist das, welches allerdings auch Goethe in seinem „Faust" gebraucht, wo er von der „Spottgeburt" spricht und welches einen Gegenstand bezeichnet, der jenseits aller wohlriechenden Parfüms gelegen ist. In guter Gesellschaft gebraucht man dieses Wort nicht gerne. Aber die gute Gesellschaft stellt Else Jerusalem in ihrem Romane auch nicht dar. Die Verfasserin dieses „Romans" watet in der Gosse. Es ist der Abhub der menschlichen Gesellschaft, den sie mit wahrem Cynismus schildert. Sie führt uns das „Rothaus" vor, ein Haus der Freude und der Schande, Wir werden von keiner jener Gemeinheiten verschont, wie sie in solchen Häusern vorkommen, Willemen das Dirnen- und Schandwesen kennen, die Nachtstücke des Großstadtlebens, welche Else Jerusalem — wer würde es leugnen? — mit einer verblüffenden Gründlichkeit schildert. Wo sie nur ihre Studien gemacht hat? Man wird sich an den Sensationsprozeß erinnern, der vor einigen Jahren nicht allein Wien in Atem hielt, ein Prozeß, in welchem ein grelles Licht geworfen wurde auf gewisse Erscheinungen, die nun einmal unzertrennlich verbunden sind mit dem sozialen Leben, namentlich in den Großstädten. Ob wohl dieser Prozeß Else Jerusalem zu ihrem „dichterischen" Schaffen erregte, uns das Problem jenes Gewerbes vor Augen zu führen, das die bekannte Frau Warren treibt? Ueberflüssig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Nur, daß wir von dem „Ewig-Weiblichen" bessere Begriffe besitzen, als daß wir annehmen könnten, eine zarte Frauenhand sei dazu berufen, uns das niedrigste Schandgewerbe zu schildern. So was überläßt man doch lieber Männern. Freilich werden wir den Widerspruch unserer Frauenrechtlerinnen und Frauenbündler erregen. Es liegt uns eine Kritik des „Romans" von Else Jerusalem in der Monatsschrift „Neues Frauenleben", herausgegeben von Auguste Fickert, vor. In dieser wird Else Jerusalem als die Mutige gepriesen, welche die Schande gezeigt hat, wie sie, nämlich die Schande, bei Tage aussieht. Ein trauriger Mut, fügen wir hinzu. Liest man diese Kritik — sie stammt aus der Feder von *) „Der heilige Skarabäus", Roman, Verlas- S. F i s <• Ii e r, Kerlin, 1909. Dr. Christine Touaillon — so meint man, wir seien mi einer neuen Offenbarung beschenkt worden. Und worin besteht diese Offenbarung? Dr. Christine Touaillon sagt es: „Nur in Ehrfurcht vor der Arbeit, in dem Glauben an eigene Kraft, in gesunder Freude am Besitz und in Güte und Barmherzigkeit sieht Else Jerusalem Rettung für Verlorene." — Eine alltägliche Wahrheit, der niemand widersprechen wird. Aber, um diese auszusprechen, muß man nicht durch Kot- und Misthaufen waten, muß man nicht die niedrigsten Gemeinheiten zur Darstellung bringen. Wir leugnen, daß aus diesem Buche die „ewige Moral" hervortönt, wohl aber behaupten wir, daß es die Moral beleidigt, mag diese auch von der modernen Frau als die „enge und leichtbestechliche Moral des Alltags" bezeichnet werden. Wir sind der Meinung, daß die Hauptfigur dieses Buches der Schande, diese Milada, das Mädchen der Freude, von einer gleichartigen Mutter geboren, ganz unwahr geschildert wird. Man höre: In einem Schandhause, im sogenannten „Rothause", wächst diese Milada auf und wird von einem perversen Individuum, einem ganz und gar verkommenen Gymnasialsupplenten — übrigens vielleicht der bestgezeichnete Charakter des Romans — „gebildet". Ein Freimädel, das in seiner Bibliothek Stirners Werke besitzt. Wer das glaubt, kann allerdings nach Else Jerusalems Anschauungen, selig werden. Wir aber verzichten auf diesen Glauben und diese Seligkeit. Doch man wird fragen, wieso gehört die Besprechung eines solchen Buches, das wir, man zitiert in diesen Tagen so gerne Schiller, als „Monument von unserer Zeiten Schande" bezeichnen möchten, wie gehört diese Besprechung in ein j ü d i s c h e s Blatt? Gemach, die Antwort soll sogleich erfolgen. Else Jerusalem, welche einer jüdischen Familie entstammt und die Frau eines jüdischen Kaufmannes in Wien ist, hat im wahren Sinne des Wortes eine förmlich übelriechende Jauche auf alle Juden ausgegossen, die sie in ihrem Buche des Zynismus, in diesem Werke der Koprophagie, was mehr ist als Pornographie, vorführt. Die jüdischen Männer und Weiber, mit denen wir hier bekannt gemacht werden, sind die Verworfensten der Verworfenen, sämtlich Kuppler, Wucherer, Freudenhauswirte .... Man lese insbesondere das Kapitel, welches die Entwicklung der Goldscheider behandelt (S. 146—164) und Jeder und Jede, welche noch einen Funken jüdisches Gefühl in sich haben, weiden sich gegen diese Schilderung eines jüdischen Milieus aufbäumen und der sonderbaren Sittenschilderin ins Gesicht rufen: „Unwahr, unwahr!" Hat sich denn die jüdische Verfasserin dieses Buches der Schande nicht gesagt, daß, wenn es solche Wesen gibt, sie nicht minder unser Mitleid verdienen, wie die „Heldin" Milada und die Baueinmagd Jultschi? Dieses Buch vom Mistkäfer, vom Skarabäus der alten Aegypter, kann uns Juden mehr schaden, als alle wütenden Brandreden, die beim »Luchsen" oder sonst in antisemitischen Versammlungen gegen uns gehalten werden. Und dabei liebäugelt die Verfasserin, mitten in dem Kopros, zu deutsch Mist, in dem sie sich so wohl fühlt, mit jenen Dingen, welche nicht nur dem Christen, sondern sicherlich jedem Menschen immer als etwas Heiliges erscheinen werden. Manchmal möchte man glauben, sie sei eine verkappte Missionärin. Nun denn, diese Else Jerusalem wird weder Jud noch Christ, deß sind wir gewiß, zu ihrem Jerusalem bekehren. Man merkt ihre Absicht und" wird sehr verstimmt. Diese