Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 22 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Xr. 22 .Neue Xational-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. S J. Abratnowitz : tMendole Mncher Sforim.: Die Entdeckung Wolhyniens. (Schluß.) Lange Zeit hörle man von den Abgesandten nicht das Geringste. Es wnr, als hätte die Erde sie verschlungen. So mancher wunderte sich im Städtchen, aber man blieb so lange verwundert, bis man endlich aufgehört hat, sich zu verwundern. Man halte schließlich die Abgesandten ganz und gar vergessen, wenn nicht ihre Weiber vom Städtchen den Unterhalt verlangt und Gewalt geschrieen hätten : Warum müssen wir flenn verlassen sein für die Leiden anderer und unsere jungen Jahre verwüsten P Was sollte man machen?! Das Städtchen mußte wohl oder übel ihre Forderungen erfüllen und die Waisen ernähren und — man hat elu-u wieder die Taxe auf das Pfund Fleisch um eine Kopeke erhöht. Da kommt plötzlich ganz unvermutet ein Brief von den Abgesandten zum Rabbi. Mit vielen Entschuldigungen. Sie verantworten sicli wegen ihres langen Schweigens und jammern über das böse Verhängnis. Schließlich sei das Sammeln für Abgebrannte nicht gerade ein so gutes Geschäft, wie man etwa meinen könnte. Genug Abgebrannte aller Arten schleppen sich in der Welt umher. Ja .' es ist fast ein Gesetz^ daß — sobald der Sommer kommt — auch die jüdischen Städtchen zu brennen beginnen. Und dann reisen so viele Abgesandte im Lande umher: Abgesandte von Jeschibas. Abgesandte, die für die Unterhaltung der ewigen Lampe des wundertätigen Rabbi Meier sammelten; Abgesandte für Palästina, für Jerusalem, für Witwen, für Enkel. Juden mit Schriften allerlei Arten, wie man will. Kurz, es ist traurig . . . Und das bißchen Geld, daß sie doch zusammengebracht, haben die Ausgaben verschlungen. Eigentlich hälten sie noch etwas zu bekommen, aber sie wollen darauf verzichten. Soll sie Gott für ihre Mühe bezahlen! . . . Auch für die Frauen kamen Briefe an — und etwas Geld lag auch darinnen. Die Männer bitten ihre Weiber innigst um Verzeihung, daß sie so lange geschwiegen haben. Vielleicht mußte es so sein! . . . Wahrscheinlich hätten sie gewußt, warum sie geschwiegen haben!. . . Jetzt sind sie in Wolhynien. einem recht fetten Winkel, und dort gedenken sie für immer zu bleiben und mit Gottes Hilfe allmählich eine Beschäftigung zu finden. Bis jetzt sind sie Lehrer für kleine Kinder. Weshalb? Weil es sich für sie aus vielen Gründen empfiehlt. „Aber bald, in allerkürzester Zeit", so schreiben sie, „werden wir Euch alle zu uns holen. Doch bis dahin betrachtet die Sache als Geheimnis. Sagt um Gotteswillen niemand etwas, wo wir sind. Das wäre aus vielen Gründen falsch ..." Aber Frauen sollen ein Geheimnis bewahren! Und noch dazu drei Frauen! So etwas ist noch nicht dagewesen, so lange die Welt steht. Und jedermann begreift wohl, daß sich bald neun Maß Reden aus ihrem Munde herausschütteten, wie aus einem durchlöcherten Sack. Jedem haben sie von ihrem großen Glück erzählt. Und mit immer wachsenden Lügen Wolhynien in den Himmel hineingelobt. Es fließt von Vogelmilch; Gold liegt auf der Straße und Lehrer werden dort mit Gold aufgewogen. Juden, die so etwas hören, machen kurzen Prozeß. Sie nahmen die Füße in die Hand und machten sich auf den Weg nach Wolhynien. Auch die anderen litauischen Städtchen folgten bald dem Beispiel von Dalfaunifke und wandorten aus. Dabei muß man wissen, daß unter Wolhynien früher und auch heute noch nicht nur das Gouvernement Wolhynien verstanden wird, sondern auch noch Podolien und Bessarabien — die ganze südliche Gegend. Ebenso wie zum Beispiel bei den Warschauer Juden alle nichtpolnischen Juden, ob sie Littauer oder wolhynische Juden sind, einfach littauisch heißen. Was in unseren Tagen Amerika für die Juden ist, war ihnen in jener Zeit Wolhynien. Der Unterschied ist nur : nach Amerika führt man zu Wasser ein paar gute Wochen. Und nach Wolhynien schleppten sie sich auf dem Trockenen zu Fuß ein paar gute Wochen. Manchmal noch mehr, wenn man unterwegs Halt machte und in die Städtchen ging unter Juden, die doch Barmherzige und Kinder von Barmherzigen sind. In Amerika werden die Juden, wenn sie hinkommen, gewöhnlich Händler, die mit den Packen herumgehen, Hausierer mit alten Sachen. Schneider, Fabriksarbeiter. Und in Wolhynien waren die ersten, die sich dorthin gewandt hatten, Lehrer. Der Verfasser der Chroniken schließt seinen Bericht mit den Worten : Die jüdische Geschichte, in der sich Gottes Schutz und Schirm für sein liebes, auserwähltes Volk so deutlich offenbart jedem, der nur Augen hat zum Sehen und Verstand es zu begreifen — die jüdische Geschichte ist die Kunde ewiger Wanderung, ewigen Umherziehens von Abraham, unserem Stammvater, bis heute ... Es ruht nicht und rastet nicht das Volk Israels. Ja! Die Geschichte, so pflegte oft uns Kindern mein Großvater — er ruhe in Frieden! — zu erzählen. Ein Dalfaunifker armseliger Jud war mein Ahne. Not und Hunger haben ihn nach Wolhynien getrieben. In Kischincw ließ er sich nieder, der Hauptstadt von Bessarabien — ein. Land, das von Milch und Honig fließt. Er und viele seines gleichen aus Dalfaunifke waren Lehrer für die Kleinen und haben gute Tage gesehen und ohne Not gelebt und ruhig, wie Gott es geboten. Er — ebenso wie alle anderen Juden, und sie wußten von nichts Bösem. Wer hätte es damals ahnen sollen, daß es uns, seinen Enkeln, nach einigen Jahren beschieden sein mußte, auf die alte Zeit zurückzublicken und daß derselbe Ort, der früher floß von Milch und Honig, heute fließt von ... du großer Gott! . . . Doch ich, Mendele, bin zu schwach dazu, zu alt. Das bißchen Kraft, das ich noch habe, reicht, ach, nur noch aus, still für mich zu weinen und die Tränen herunterzuschlucken und hineinzuschreiben in die Chroniken zu den alten früheren Leiden, zu den alten jüdischen Leiden auch das heutige neue Leid . . .*) *> Vorliegende kleine Erzählung bildet den Anfang der soeben im Verlane Winz & To. erschienenen von Th. Zlocisti eingeleiteten Erzählungen „Aus einer stillen Welt-4. Indem wir hier unseren Lesern eine Kostprobe dieser Lebersetzungen bieten, sehen wir uns gleichzeitig genötigt, die ausführliche Würdigung dieser Publikation wegen Raummangels für die nächste Nummer zurückzustellen. Anm. d. Red.