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Neue Nationalzeitung · 1909-08-27 · Heft 18 (27.8.1909) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 18 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 ,,Neue National-Zeitung' Es war ein feuchter Wintertag. Auf den Feldern lag der Schnee und auf der Straße tiefer, klebriger Kot, wie gewöhnlich im Podlasie. Der Wind war lästig. Judka wickelte um seine Ohren ein rotes Tuch, die Schöße des Kaltaus band er um den Gürtel und schritt im Kote vorsichtig, da es sich doch nicht schickte, bei einem so bedeutenden Feste mit bis an die Knie kotigen Stiefeln zu erseheinen. Auch David und Anschel gaben auf ihre Schuhe und Kleidung acht; nur der kleine Brummbaß, ein dummer, unerfahrener Junge, watete im Kote wie eine (Jans im Wasser und machte seinen Rock fast bis an den Kragen schmutzig. Judka, David und Anschel unterhielten sich unterwegs über ernste Dinge, sowie darüber, daß sie infolge der Kälte und des durchdringenden Windes in der Schenke am Walde unbedingt einen Schluck Branntwein zu sich nehmen müssen. Sie würden gegen 2 Uhr nachmittags in der Schenke eintreffen und dort ein wenig ausruhen. Dann gehen sie bis Korcöwka, wo sie beim Pächter übernachten. Von der Schenke in Wygoda bis nach Korcöwka ist beinahe eine Meile Weges durch den Wald. Aber was soll man da machen? Geht man auf eine herrliche Hochzeit zu einem Reichen, um sich einen guten Verdienst zu holen, so muß man sich schon ein bischen Mühe geben. In Wygoda stärkten sie ihre Lebensgeister, wobei ihnen der Wirt beim Branntweinpreis etwas nachließ, da doch die Künstler überall ihre Privilegien haben. Er riet ihnen, zu eilen, denn die Nächte seien jetzt dunkel und die Wege unsicher. Die Musikanten befolgten diesen Rat und brachen raschen Schrittes auf, sie marschierten mit Verve, indem sie am klebrigen und dichten Kot hinglitten. Im Winter wirds bald dunkel; die Dämmerung überraschte die Wanderer im Walde. Der Wind war lästig, die Kälte drang bis in die Knochen. Judka duckte sich zusammen trotz seines Pelzes aus dem Felle so vieler verschiedener Tiere, David zitterte, Anschel klapperte mit den Zähnen. Um sich zu erwärmen, klopfte der kleine Brummbaß abwechseld mit den Fäusten aufs Tamburin, daß das Echo im Walde erscholl... — „Pfui" schrie Judka. „Was treibst du, verrückter Kerl, was trommelst du, was machst du für einen Höllenlärm?" „Ist denn das keine höllische Kälte," erwiderte Chuna, „der Teufel hole die ganze Hochzeit, ich möchte lieber hinter dem Ofen sitzen und Kartoffeln schälen* . . . — „Ruhig, ruhig," entgegnete Anschel, „du bist ein ekelhafter Kerl . . . Statt Gott zu danken, daß er einen guten Verdienst gibt..., so fluchst du ... Dir ist lieber eine Kartoffel hinter dem Ofen!... Grad' wie meine Ziege — ihr sind auch rohe Kartoffeln lieber als Rubel." „Ihr könnt mir lange reden," erwiderte Chuna, „und ich werde dennoch trommeln. Mir ist kalt. Wohin soll ich denn schlagen? Auf euere Schultern, das geht ja nicht!" — „Du Lump! Du ,Schajgez'!" rief Judka. „So eine Welt ist heute, solche ausgelassene Zungen... Er wird uns noch irgendein Unglück zusammentrommeln." Kaum hat Judka zu Ende gesprochen, als plötzlich eben von Korcöwka her Rufe erschollen. — „Halt! halt! hop! hop!" „Da hast du, du Nichtsnutz, du Hohlkopf, du Zigeuner!. .. Was hast du uns angerichtet?" — „Nun, was ist?" „Hörst du nicht?" — „Ich höre, jemand ruft, soll er rufen . .. Wahrscheinlich ist ihm auch kalt." „Vielleicht ist das ein Räuber!" Die Rufe wurden immer lauter, man konnte einzelne Stimmen unterscheiden und das Waten der Pferde im Kote. Brummbaß hörle zu frömmeln auf — die nunmehr eine kompakte Gruppe bildenden Musikanten blieben am Wege stehen, unschlüssig, was zu tun, ob zu fliehen, ob den Angreifern mutig entgegenzutreten? Judka und David wollten sich im Walde verstecken. Anschel riet, man sollte warten und machte den Genossen klar, daß sie zur Flucht noch immer Zeit haben würden. Der Lärm wurde immer größer — dabei sang jemand aus voller Kehle. — „Na seht Ihr", sagte Anschel, „wir können beruhigt sein. Wer hat je gehört, daß Räuber singen? Das ist irgend eine lustige Gesellschaft — sie reist ihres Weges — wir gehen unseres Weges." Sie gingen beruhigt weiter — und der kleine Brumbaß begann vor Kälte und auch vor Freude, einer großen Gefahr entronnen zu sein, aus voller Kraft neuerlich in die Trommel zu schlagen, gleichsam, um den Singenden im Takt zu folgen. Ein Freudengeschrei antwortete von den Wagen. „Musik!" rief man, „Musik! gerade das brauchen wir!" Die Wagen kamen näher, einige junge, angeheiterte Leute umringten die Musikanten. — „Soll euch der Teufel holen", rief einer, „das ist ja der Judka, die beste Kapelle in unserer Gegend! Wohin fahret Ihr?" „Wir gehen spielen ... zu einer sehr großen Hochzeit . . . gewiß haben die Herren gehört: Boruch verheiratet morgen seine Tochter . . . wir sind schon auf halbem Wege." — „Und wir fahren gerade um Euch." „Wieso um uns, wenn wir zur Hochzeit müssen? — „Wir auch. Soll doch eueren Boruch! . . . Bei uns ist heute Hochzeitstag." „Was heißt bei Euch? . . ." — „Nun, der reichste Schlachzize im Dorfe, Sadlowsky, hat die Tochter verheiratet, sie sind eben von der Kirche zurückgekommen . . . der Bräutigam hat sich vergafft und hat an die Musik ganz vergessen. Wir Jungen sind gefahren, um Musik zu suchen. ... Also steiget ein zu uns . . . Vorwärts — und spielt so, daß man es im neunten Dorf hören soll!" „Meine Herren!" bat Judka, „das nächst Mal werde ich sehr gerne spielen, heute kann ich nicht, ich bin bestellt. ..." Er begann zu opponieren, sich auszureden; aber mit Angeheiterten war es schwer auszukommen. — „Einsteigen, einsteigen!" schrien sie, »plauscht nicht, keine Umstände, solange man gütlich bittet. Denn wenn wir mit Gewalt anfangen, dann wird's böse! Keine Spässe. Sadlowski wird euch gut bezahlen, wir werden auch ein bißchen zusammenlegen. . . . Wir sind nicht die ersten Besten ... Geld haben wir. Steigt ein Juden! Hans, Peter, kehrt um und Ihr Musikanten spielet! Munter, denn ..." * (Schluß folgt.)

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