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Neue Nationalzeitung · 1909-08-27 · Heft 18 (27.8.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 18 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 18 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Klemens Junosza: Die Musikanten. Sie bildeten ein vollständiges Orchester, bestehend aus vier Mann : Judka Milch, David Samowar, Anschel Lisobykier und der noch minderjährige (Ihuna Brummbaß; Geige, Flöte, Trommel und Tamburin waren hier vertreten. Sie spielten alle vortrefflich, umso mehr als keiner von ihnen irgend eine Ahnung von Noten hatte, die doch nur die Individualität des Künstlers hemmen und ihn zum ausführenden Organ fremder Einfälle herabwürdigen. Judka Milch, der erste Geiger dieses Orchesters, pflegte stets, so oft man ihn nach Noten fragte, achselzuckend zu erwidern : — „Gott, sei Dank, ich bin kein Apotheker . . . ich kann Musik auch ohne Rezept machen." Ebenso dachten seine Kameraden. Sie spielten alles nach ihrem musikalischen „Gehör". Judka gab das Motiv, David, Anschel und Chuna folgten ihm harmonisch; wenn sich einer irrte, so machte er es gleich besser; wer auf dieser Welt begeht denn keinen Fehler? Sie hatten zwar kein reiches Repertoire, aber desto ausgewählter war es. Seine Glanzperle — ein herrlicher jüdischer Marsch, bei dessen Klängen sämtliche Bräute des Städtchens verschleiert unter das Baldachin schritten. Wie man aus einem Kaftan einen Rock machen kann und aus einer Weste eine Mütze, so ließ sich aus diesem Marsch eine Polka und eine Schnellpolka machen. Es genügte, daß Judka seiner Kapelle zurief: „Polka- Marsch!* — und die Ghassidiin sprangen ohne Besinnung, zerfetzten die Stiefel in Fransen, zerschlugen die Fußböden in Splitter, und die Ehefruena, Mütter und Töchter dieser Tänzer schlugen sich an die Hüften, klatschten in die Hände und vergingen fast vor Lachen: es entstand eine wahnsinnige Fröhlichkeit; nicht Freude, sondern siebenfache Freude — nicht Hochzeitsjubel, sondern siebenfacher Hochzeitsjubel! . . , Und wer vermochte so eine Lustigkeit hervorzurufen? — Judka Milch. Womit hat. er f-ie hervorgerufen? Mit seinem kombinierten Polka-Marsch. Außer dem jüdischen Repertoire hatte Judka noch zwei andere: eines für Herrschaften, Propinatoren, Oekonomen und Kleinadelige — und ein anderes, um vieles billiger, für Bauern, für das gemeine Volk. Im Herrenrepertoire fungierte eine Art Kontretanz, zwei „Pariser" Walzer, roter und weißer Mazur und eine Schüttelpoika — im Bauernrepertoire war nur ein Ländler, den Judka sogar im Schlafe spielen konnte . . . Bei der Ausführung dieses Werkes durften sogar David und Anschel ein bißchen einnicken — wenn nur der kleine < '<huna regelmäßig mit der Faust aufs Tamburin schlug, so sprangen die Bauern wie „scheugewordene Ochsen* . . . und sangen mit, daß man es bis ins dritte Dorf hörte. Diese Künstler wohnten in einem kleinen Städtchen und beschäftigten sich, womit sie nur konnten . . . Judka selbst war ein Schneider, er flickte hie und da einem Juden den Kaftan, schuf manchmal ein Originalwerk aus Nankingstoff, zuweilen kam er auch dazu, einen alten Pelz umzuarbeiten. Er hatte davon sogar ein schönes Andenken. Er besaß nämlich einen herrlichen Winterkaftan, besetzt mit Stücken von Schoppenpelz, Füchsen, Jenotten, Widdern, es war darin sogar etwas Wolfsfell . . . Wer kann sich noch eines solch herrlichen Gewandes rühmen? David hatte eine leichtere Beschäftigung. Er war bald als Makler tätig, bald besuchte er Märkte und kaufte den Bauern ihm mageren Hühner zum Weiterverschleiß ab. Anschel hatte einen Detailladen mit Pech — und nur der kleine Chuna hatte noch keinen Beruf. Er stand den ganzen Tag vor der Einfahrt ins Gasthaus, und es Helen für ihn zuweilen ein paar Groschen ab, zuweilen aueh nicMs . . . Jedes Mitglied des Orchesters hatte also wovon zu leben, und außerdem verschallte ihnen die Musik eine schöne Einnahme. Fürs Spielen auf einer jüdischen Hochzeit konnten sie außer der Verpflegung und dem Vergnügen mindestens drei Rubel ins Verdienen bringen; ein Propinntor oder ein Krautjunker gab sogar zu fünf Rubel, sie rechneten aber die Nacht vom Abend der Dämmerung bis zum nächstfolgenden Mittag — nur mit den Bauern konnte man nicht anders verdienen als per Tanz. Will Matthias tanzen, dann soll Matthias zahlen und wollen 18 Matthiasse tanzen, dann müssen 18 Matthiasse zahlen, jeder für sich und seine Magda, denn eine Dame darf ja sogar auf den erstklassigen Bällen keine Koston tragen. Judka Milch war als guter Musiker berühmt und sein Orchester war in der ganzen Gegend bekannt — aber nicht nur unter Juden und Bauern, sondern auch unter den Herrschaften — und noch was für Herrschaften! . . . Judka wußte, daß das Orchester auch seine Fehler hatte. Ihm selbst zitterten schon die Hände, David hatte vier Vorderzähne verloren und blies deshalb in seine Flöte nicht ganz rein, und der kleine, noch ganz junge und für seine Kunst sehr eingenommene Chuna Brummbaß liebte es zuweilen, nicht zu trommeln, wenn es nötig war, hingegen dann zu trommeln, wenn er ruhig bleiben sollte ... Ein verrückter Junge! Aber — was tun? — eine so bedeutende Stadt kann doch nicht ohne Orchester sein und wenn dem so ist — warum soll denn ein neues Orchester verdienen und picht ein altes und anerkanntes? Es ereignete sich einmal, daß ein Jude auf einem Leiterwagen angekommen war, auf dem Ringplatz stehen blieb und sich nach Musikanten erkundigte. Bald war er von einer ganzen Menge umgeben. „Nu, wozu brauchst du Musikanten? Was für ein Geschäft hast du mit ihnen vor?... Was willst du von ihnen? Woher bist du?" Es zeigte sich nun, daß der Jude aus einem um drei Meilen entfernten Städtchen war, daß er im Auftrage des Rabbi Boruch, des reichsten Mannes der Stadt, der eben seine Tochter verheiraten sollte, gekommen war, und das berühmte Orchester des Judka Milch für sein Familienfest engagieren wollte. Auf jeden Fall war das sowohl für das Orchester als auch für die Stadt eine nicht geringe Ehre. Bei Boruch >pielt das Geld keine Rolle. Die Musikanten können sogar zehn Rubel verlangen; er wird ihnen fünf abhandeln und fünf auszahlen, sowie auch alle Reisespesen zu Fuß hin und zurück vergüten und sie außerdem herrlich, wie auf einer Hochzeit bewirten. Judka willigte unverzüglich ein und nachmittags machten sich alle Mitglieder des Orchesters, festlich gekleidet, mit ihren Instrumenten und den Reisevorräten auf den Weg... #

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