Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 18 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 ,,Neue National-Zeitung" Seite 9 grünen Orangengärlen. Der Stifter, Herr Jacob Moser in Bradford, hat bekanntlich einen in dem Kostenanschlage die ursprüngliche Stiftung um 20.000 Frs. übersteigenden Bauplan genehmigt und sich bereit erklärt, auch diesen Mehrbetrag auf seine Kosten zu tibernehmen. Da überdies der Nationalfonds aus eigenen Mitteln das Grundstück erwarb und dem Gymnasium zur Verfügung gestellt hat, so werden die gesamten für die Errichtung des neuen Schulhauses bis jetzt aufgebrachten 130.000 Frs. die Erbauung eines imposanten öffentlichen jüdischen Gebäudes in Palästina ermöglichen. Die Leiter und Lehrer des Gymnasiums hielten bei der Legung des Grundsteins mehrere Ansprachen, in denen sie auf die Bedeutung dieser jungen Anstalt für die Erziehung eines neuen Geschlechts im jüdisch-nationalen Geiste hinwiesen. Jüdische Ministerialbeanite in Frankreich. In Oesterreich gibt es nur in zwei Minislerian und zwar im Handels- und Eisenbahn-Ministerium einige jüdische Beamte. Interessant ist die Gegenüberstellung zu den jüngsten Beamtenbeförderungen in den französischen Ministerien. Der neue französiche Ministerpräsident B r i a n d hat gleich nach seiner Ernennung einen seiner ältesten und verläßlichsten Mitarbeiter Grünebaum-Ballin zum Bureaudirektor des Ministeriums des Innern ernannt. M. Grünebaum-Ballin war im vorigen Ministerium Oberbeamter im Staatsrat und ein Vertrauter Briands, der die großen Fähigkeiten Grünebaums hoch einschätzte. Sein jetziges Hessort bilden hauptsächlich jene Religionsangelegenheilen, über welche das Ministerium des Innern zu entscheiden hat. Auch andere jüdische Mitarbeiter Briands aus älterer Zeil wurden jetzt zu höheren Stellungen berufen. So wurde M. S a z i a s zum Spezialsekretär des C o n s e i 1 - Präsidenten, Maurice Leven, Advokat, ein Sohn des Präsidenten der Alliance Israelile Universelle, zum stellvertretenden Chef des Kabinetts des Ministers für öffentliche Arbeiten, Bernard Larroque zum stellvertretenden Chef des Justizministeriums und Levy Uli mann, Professor an der Rechtsfakullät zu Lille, zum zweiten Sekretär des Finanzministeriums ernannt. Warum länten in den Synagogen keine Glocken V Der Senior der englisch-jüdischen Rabbiner ist heute nach dem vor kurzem erfolgten Ableben des Professors Marks, der 85jährige Rabbiner von Hull, Israel Aron Levy. In der letzten Nummer des „Jewish World" werden nun einige interessante Reminiszenzen aus dem erfahrungsreichen Leben des jüdischen Seelsorgers aufgefrischt, von denen die folgende besonders charakteristisch ist. In einem Gespräche mit dem früheren Erzbischof von York frug der Erzbischof, weshalb die Juden nicht das Glockenläuten in der Synagoge einführen. „Haben Sie nicht bemerkt, daß ärmliche Wirtshäuser stets einen Fiedler anstellen, um die Gäste heranzulocken?" frug Rabbi Levy zurück. „Ganz richtig!8 meinte Se. Eminenz. „Und ist es Ihnen nicht ebenso aufgefallen, daß in einem erstklassigen Etablissement solche Reklamemusik stets fehlt?* „Aha, ich sehe schon," sagte der Erzbischof, „wo Sie hinaus wollen. Ein guter Wein braucht kein Aushängeschild. Sie mögen recht haben! . . ." Statistisches aus Galizien. In dem „Handbuch der Statistik Galiziens" finden sich folgende statistische Zahlen über die Juden Galiziens. Im Jahre 1908 hatten die 253 Kultusgemeinden 793.360 Seelen (gegen 811.183 im Jahre 1900), von denen jedoch nur 89.522 zu Steuerleistungen herangezogen werden konnten. Es gab 249 Rabbiner, also ungefähr ebensoviel als Kullusgemeinden, und außerdem 1419 andere Funktionäre für den Kultus. Die Zahl der Synagogen belief sich auf 457 öffentliche und 332 private. Daneben wurden 1393 Bethäuser gezählt. Als Anstalten der galizischen KuKusgemeinden sind 749 Chedarim, 82 Talmud-Thoraschulen, 31 Spitäler, 35 Altersversorgungs- und Siechenhäuser und 697 Anstalten anderen Charakters genannt. Von den konfessionellen Schulen waren 47 mit dem Oeffentlichkeitsrechle ausgestattet, 38 nicht. Die Behandlung jüdischer Reservisten. Die „Sonn- und Montagszeitung" veröffentlicht folgende bemerkenswerte Zuschrift: „Bei meiner jüngsten dreizehntägigen Waffenübung hatte ich das besondere Glück, statt ins Manöver zu gehen, auf Veranlassung des Herrn Major v. B e r g als Schreiber im k. u. k. Ergänzungsbezirkskommando Nr. 4, III. Landstraße 119, verwendet zu werden. Am Einrückungstage, beim Befehl sagte uns Herr Hauptmann Pfeffer, Kommandant des Cadres, daß wir in Zivil ausgehen können und die Monturen für die Kanzlei genügen. Am zehnten Tage meiner Waffenübung hielt der Oberleutnant Br.....als zugeteilter Subalternoffizier Befehl und beanständete meine Montur. Am nächsten Tage lauschte ich meine Hose, Bluse und Kappe aus, um ja keinen Anstand zu haben. Auch fanden sämtliche Chargen, daß ich heute gewiß keinen Anstand haben werde, überdies wunderten sie sich, daß man mit einem Reservisten, der noch zwei Tage hat, so viel Geschichten macht. An diesem vorletzten Tage spielte sich nun folgender Vorfall ab. Oberleutnant Br..... hielt Befehl und rief vor der ganzen Mannschaft: „Der Jud, den ich gestern beanständete, soll vortreten." Als ich mich nun noch nicht vom Platze rührte, da ich doch einen Namen habe, so schrie der Oberleutnant dem Zugsführer hin: „Sagen Sie doch, der Jud soll vortreten." Als ich auf Befehl des Zugsführers vortrat, packte mich der Oberleutnant an der Brust, zerrte mich ans Licht und schrie: „Sie sind doch a Jud, man sieht es Ihnen auch an. S i e dreckiger, jüdischer Rekrut! J. F. Handelsangestellter." Wir empfehlen diese Zuschrift dem Interesse der jüdischen Abgeordnelen. Vielleicht möchte auch Herr Dr. 0 f n e r trotz des „deutschen Brusttones" einmal für einen jüdischen Handelsangestellten ein Wort verlieren, da er doch speziell den jüdischen Handelsangestellten und Hausierern sein Mandat verdankt. lieber den Reichtum der Rothschilds zerbrechen sich noch immer verschiedene Leute ihre Köpfe. Neuerlich berichtete darüber eine Zeitung folgendes: „Auf nicht weniger als 400 Millionen Pfund Sterling oder acht Milliarden Mark schätzt neuerdings ein angeblicher Eingeweihter in England das gegenwärtige Vermögen der Rothschilds, d. h. die Privatvermögen der Wiener, der Londoner, der Frankfurter und der Pariser Linien und die Firmenvermögen der Firmen: „S. M. v. Rothschild" in Wien, „N. M. Rothschild und Söhne" in London und „Gebrüder Rothschild" in Paris zusammen. Die Stammfirma „M. A. von Rothschild .und Söhne" in Frankfurt a. M. ist bekanntlich vor einigen Jahren nach dem Tode des Freiherrn Wilhelm Karl (25. Januar 1901) aufgelöst worden, obgleich die Witwe, Freifrau Mathilde, geborene Freiin von Rothschild, noch in Frankfurt a. M. lebt, ebenso wie der Freiherr Maximilian von Goldschmidt-Rothschild, der Witwer der Freiin Minna von Rolhschild aus der Frankfurter Linie. Von dem Riesenvermögen fällt der Löwenanteil auf die Londoner Rothschilds, deren Oberhaupt seit 1847 die Würde eines Baroneis und seit 1885 in der Person Nathaniel Meyer (Freiherr von) Rothschild als „Baron" (Lord) Rothschild einen erblichen Sitz im englischen Oberhause inne hat. Die Summe von zwei Milliarden Franken entfällt auf die Pariser Linie, alles in allem, die Hälfte dieser Summe allein auf das Oberhaupt dieser Linie, während die Wiener Linie sich mit einem Gesamtvermögen von nur 400 Millonen Mark durchhelfen muß, wobei allerdings das Vermögen der Wiener Firma nicht mit einbegriffen ist."