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Neue Nationalzeitung · 1909-07-30 · Heft 16 (30.7.1909) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 16 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr, 16 „Neue National-Zeitung' Seite 9 ÄllCN WELttCiLCN Herr Präsident David Wolftsohn samt Gemahlin befinden sich in Konstantinopel, um dort im Bosphorus zu baden .... So lautet das Communique einiger zionistischer Parteiblätter. Es wird beigefügt, daß dieser Aufenthalt privat sei, weshalb diesmal ein offizieller Empfang nicht stattgefunden hat. Diese Bemerkung ist natürlich ein Pflanz des Schreibers, da bekanntermaßen der Präsident des zionistischen Aktionskomitees noch nie in Konstantinopel offiziell empfangen wurde. Wozu also Sand in die Augen streuen? ... Uebrigens berichten das New-Yorker »Tagblatt« und das New-Yorker »Yiddische Folk«, daß demnächst in Konstantinopel eine Sitzung des kleinen Aktionskomitees stattfinden soll. Jüdische Konferenzen in Russland. Die Resolutionen der unlängst stattgehabten Rabbinerkonferenzen in Warschau, Wilna und einigen anderen Provinzstädten sind dem Ministerium des Innern unterbreitet worden und werden die demnächst zusammentretende Rabbinerkommission beschäftigen. Sodann werden jene Resolutionen der Reichsduma zur Beratung und Beschlußfassung eingereicht werden. Da die genannten Rabbinerkonferenzen ohne Hinzuziehung des weiteren jüdischen Publikums stattfanden und ihre Beschlüsse daher nicht als Ausdruck der jüdischen Gesamtmeinung gelten können, haben einige hervorragende jüdische Führer, darunter auch M. Winawer, den Beschluß gefaßt, eine Konferenz jüdischer Partei- und Gemeindevorsteher in diesem Sommer einzuberufen. Als Ort dieser Konferenz ist K o w n o in Aussicht genommen. Auf eine diesbezügliche Anfrage des Ministeriums hat der Kownoer Gouverneur erwidert, daß seiner Meinung nach der Erlaubnis zu einer solchen Konferenz nichts im Wege stände. Man erwartet daher die Erteilung dieser Erlaubnis seitens der Zentralregierung. Dem Ministerium des Innern wurde von den Initiatoren das Konferenzprogramm mitgeteilt, welches folgende Punkte umfaßt: 1. Die Lage der jüdischen Handwerker in Südwest- Rußland. 2. Die zur Verbesserung ihrer Lage und ihrer Produktionskräfte geeigneten Mittel. 3. Die Fleisch- und Lichlsteuer und ihre Verwendung für die Bedürfnisse der jüdischen Gemeinden. 4. Die Reformierung des Lehrplanes in den Talmud- Thora-Schuien. 5. Die Regulierung und Organisierung der jüdischen philantropischen Gesellschaften und Vereine. Die Reichsduma-Ersatzwahl in Odessa. Auf Winawers Vorschlag hat das Zentralkomitee der Kadettenpartei beschlossen, für die durch Pergaments Tod in Odessa notwendig gewordene Reichsduma-Ersatzwahl einen jüdischen Kandidaten aufzustellen. Die Stimmen der Kadetten und Juden in der ersten Odessaer Wahlkurie betragen 800 (von insgesamt 1700 Wählern). Bei der letzten Wahl haben im ganzen 1200 Wähler von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht; davon entfielen 800 Stimmen auf Pergament und 400 — auf den Kandidaten der Verbändler. Die Aussichten für einen von den Kadetten aufgestellten jüdischen Kandidaten in Odessa wären somit günstig — wenn die dortigen von der Lokaladministration unterstützten Verbändler nicht ihren so oft hewährlen Terror auf die Wähler ausüben würden. Ein Mikrobiologisches Institut in Palästina. Aus Anlaß des sechzigsten Geburtstages von Max Nordau hat das zionistische Aktionskomitee die Begründung eines Mikrobiologischen Instituts in Palästina beschlossen. Das Arbeitsgebiet des Instituts ist die Erforschung der ansteckenden Krankheiten sowohl der Menschen als auch der Haus- und Nutztiere und der Kulturpflanzen. Tierseuchen und Pflanzenkrankheiten haben der Kolonisation bereits schweren Schaden zugefügt. Einer wirksamen Bekämpfung stand als erstes Hindernis in den meisten Fällen die Unkenntnis der Krankheitserreger und ihrer Verbreitungsbedingungen entgegen. Aufgabe des Mikrobiologischen Instituts soll es sein, über diese Punkte Licht zu verbreiten und Mittel zu finden, einer Erneuerung ähnlicher Heimsuchungen vorzubeugen. Wir würden dem Institute in erster Linie die Erforschung der Malariakrankheit empfehlen, die leider noch immer in Palästina verheerend wütet. Die jüdische Einwanderung nach Amerika. Im Monat Mai 1909 sind im Hafen von New-York 5018 jüdische Einwanderer gelandet, gegen 2485 im Mai 1908, Von ihnen stammten aus: Rußland.........3116 Oesterreich........901 Ungarn.........232 Rumänien........117 Türkei..........166 Deutschland ....... 62 Von den Eingewanderten verblieben 3794 im Staate New-York, während der Rest sich auf das übrige Gebiet der Vereinigten Staaten verteilte. Inzwischen nehmen die S c h ik a n e n gegen die Einwanderer immer mehr zu. Nach der von uns jüngst erwähnten Bestimmung des Emigralions - Kommissärs Williams sollen die Schifffahrtsgesellschaften von jetzt ab nur solche Zwischendeckpassagiere nach Nordamerika befördern, die mindestens 25 Dollar außer den gesamten Reisekosten besitzen. Der Kommissär bat dabei offen erklärt, er wünsche die ärmeren Emigrantenklassen von Amerika fernzuhalten. Die im New- Yorker Port eingetroffenen Einwanderer, die von dieser neuen Bestimmung noch keine Kenntnis hatten, sind durch dieselbe in eine verzweifelte Lage geraten. Mit dem „Rindam" der Hamburg-Amerika-Linie sind über 300 Passagiere der II. Klasse und 800 Zwischendeckpassagiere angekommen. Von den ersteren besaßen 215, von den letzteren etwa 500 keine 25 Dollars. Sie alle sollten nun als „unerwünschte Elemente" zurückgeschickt werden. Herzzerreißende Szenen spielten sich unter diesen Unglücklichen ab. In den Einwanderer-Logis auf Ellis-Island herrschte eine nie dagewesene Enge und Ueberfüliung. Auf das Flehen und Jammern der Betroffenen erklärte der Kommissär, er werde diesmal noch ausnahmsweise gestatten, daß sie von ihren Verwandten abgeholt werden, wenn diese die Garantie dafür übernehmen, daß die Einwanderer dem Staat „nicht zur Last fallen" würden. Von der neuesten Beschränkung werden die jüdischen Emigranten am härtesten betroffen, da sie nach den statistischen Feststellungen am wenigsten Barmittel besitzen. Und wenn die neue Bestimmung in der Weise Anwendung finden sollte, daß jeder einzelne Emigrant, nicht jede Familie, 25 Dollar besitzen muß, so bleibt Nordamerika für die jüdische Massenemigration so gut wie geschlossen! Tief erschütternd ist der mit 96 Unterschriften versehene Brief eines auf Ellis Island angehaltenen jüdischen Studenten namens Alexander Rudnoff, den der New-Yorker „Vorwärts" abdruckt. Die wesentlichsten Stellen lauten : „Die Lage in diesem unseren Geiängnis (auf Ellis Island) zu beschreiben, ist beinahe unmöglich. Aber einiges müssen wir Ihnen doch mitteilen. Wir sind alle zusammengepfercht in einem Räume, der bestenfalls 200 Menschen faßt. Augenblicklich sind so ziemlich 1000 darin untergebracht. Es ist

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