Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE N%i0N0L-ZHGUNG DrS.R.LäNDäll XI. JAHRGANG. WIEN, 2. JULI 1909. Nr. 14. Der Zionismus in Gefahr? Aus Konstantinopol kommen trübe Bolschaften. Der neue Sultan und die jungtürkische Regierung stehen der jüdischen Kolonisation mißtrauisch gegenüber und, wie selbst der von einem Mitgliede des zionistischen Aktionskomiteesherausgegebene „JewishChronicle" meldet, ist ein neues Einwanderungs-Verbot im Anzug. Die Araber, sowohl die noinadi?ierenden Beduinen als auch die bodenansässigen Fellachen — das Gros der palästinensischen Bevölkerung — sehen in der Verfassung einen Ansporn zur Entwicklung ihrer eigenen nationalen Individualität, die durch den jetzt forzierten Bodenankauf ihrer Ansicht nach bedroht wird . . . So steht es \2 Jahre seit dem ersten Kongreß in Basel, wo unh-r Ablehnung der „Infiltration* die „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte" als das Ziel des Zionismus proklamiert wurde. Die volkswirtschaftlichen und kulturellen Arbeiten, die Kapitals-Investitionen, die in dieser Zwischenzeit von jüdischer Seite in Palästina unternommen wurden, sind enorm — aber die Erfolge des politischen Zionismus sind gleich Null. Seit der bekannten Audienz Doktor Herzls beim Sultan Abdul Hamid, die ein negatives Resultat ergab, haben sich bis heute die Chancen des politischen Zionismus nicht im mindesten gebessert. Es liegt bis jetzt kein Akt der in der Türkei maßgebenden Faktoren vor. der als Billigung oder Gutluißung dieser Bewegung angesehen werden könnte; es fehlt seit dem Sturze Abdul Hamids erst recht jede Aussicht, daß es in nächster Zeit besser werden könnte, in dem Sinne, daß die jüdischen Bestrebungen auf Erlangung politischer Autonomie in Palästina realisiert werden könnten. Und wenn auch Herr Wolffsohn noch so oft nach Budapest zu Professor V a m b e r y reist, um sich Rat zu holen : er hat gerade dort, bei diesem großen Orientalisten und ernsten Forscher Gelegenheit, die Wahrheit in dem oben dargestellten Sinne zu hören. Nichtsdestoweniger schweigt Herr Wolffsohn und seine Presse schwätzt an leitender Stelle über die nebensächlichsten Dinge; eine politische Au f k 1 ä r u n g der jüdischen Volksmassen, auch in punkto Palästinas wird für überflüssig gehalten, aber man schlägt gehörig Tam-tam für — diverse Fonds____ Unter diesen Umständen erscheint uns die Broschüre Dr. Julius Böhmers*) trotz ihrer Einseitigkeit sehr willkommen. In knappen Zügen entwirft sie ein Bild der internationalen Lage zur Zeit, als die Türkei eine Konstitution erhielt, schildert dann die schwierige Stellung Deutsehlands als eines türkenfreundlichen Staates zur Zeit, als sein österreichischer Bundesgenosse Bosnien und Herzegowina einverleibte, um schließlich zu Palästina zu gelangen, welches „in viel höherem Grade unsere und aller Deutschen Aufmerksamkeit zu fesseln geeignet wäre". Der Verfasser vertritt die politischen Interessen Deutschlands und er meint, daß dieser Staat in erster Linie und vor anderen Nationen an Palästina wirtschaftlich aufs höchste interessiert sei. Diese wirtschaftliche Betätigung des deutschen Elements — darunter auch deutsche Juden mit deutschem Kapital und deutschen Tendenzen — wäre jedoch unmöglich ohne Mithilfe der Politik. Denn in der Türkei sind „seit mehr als einem halben Jahrhundert alle Fortschritte nur mit Hilfe der Politik und sofern diese versagte, mit den Mitteln d^r Gewalt erreicht worden". Und nun legt der Verfasser schwarze Brillen an, um die Gefahr der national-arabischen Bewegung auszumalen, die den Grundsatz vertrete: „Palästina den Palästinensern!B Diese Bewegung sei infolge des Zionismus sehr erstarkt und die neue Verfassung werde es ihr ermöglichen, in Palästina tiefgehende wirtschaftliche und politische Umwälzungen herbeizuführen. Der Verfasser ist so einsichtsvoll beizufügen, daß hauptsächlich der türkische Steuerdruck und die politische Unter- *) „Palästina im Lichte der gegenwärtigen Orientkrise". Druck und Verlag von Greiner & Pfeiffer in Stuttgart.