Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 13 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 13 zerlegt. Nicht leere Worte macht unser Dichter, wie seine Brüder in Apoll es in unseren Tagen zu tun belieben. Der Roman strotzt von Handlung und Gegenständlichkeit. Schlag auf Schlag erfolgt hier. Wir werden mitgerissen von dieser Wahrheit, die manchmal brutal wirkt. Die Szene in Doras Brautgemache mag als Musterbeispiel für das Gesagte gelten. Oder die famose Sitzung, in der Doras Tante, die Dame der Wohltätigkeit, der heuchlerische nHofprediger und der skrupellose »Hofmarschall" Dora zu bewegen suchen, des Juden Gattin zu werden. Man braucht des Juden Geld, das durch einen schwunghaften Verlagsbuchhandel, den sein Vater betrieben, erworben wurde. Und der Jude wird, ein schwaches und williges Schaf, in den Schoß des allein seligmachenden Glaubens aufgenommen werden. Kein Zweifel, was ist diesem Juden sein Judentum? Er spricht sinnlos das Glaubensbekenntnis der Kirche nach. Geglaubt hat er ja schon lange nichts, der von den Stricken der Sinnlichkeit umschlungene Jude. Und dieser Mensch geht in das Netz, das ihm seine angeheiratete aristokratische Sippe, die der Leibhusaren und der Hofmarschälle und kupplerischen Tanten, gelegt. »Graf Cohn' ist ein Dokument der Zeit. Der Zeit mit ihren Lügen und ihrer Heuchelei. Und, weil dieses Dokument mit seltener Wahrheit und Aufrichtigkeit die ganze Verlogenheit unserer Kulturwelt schildert, deshalb verdient es viel gelesen und beherzigt zu werden. Vielleicht wird es sittigend und reinigend wirken, reinigend, wie ein Wetter. Vielleicht führt uns unsere Zeit einem neuen Tag, der neuen Zukunft entgegen. Wir wollen es mit dem Dichter hoffen, der uns ein bedeutendes Werk geschenkt, für das wir ihm danken. Wie Moses einst die Gesetzestafeln zerbrach, als er sein Volk um das goldene Kalb tanzen sah, aber neue Tafeln des Bundes erhielt und vor seinem seligen Ende das gelobte Land erschaute, das er mit seinen Füßen nicht betreten sollte, so blicken wir mit unserem Dichter „der Zukunft entgegen". Wann werden der Rassenkampf und der Tanz um das goldene Kalb enden? Wann werden wir in das gelobte Land der Menschenverbrüderung einziehen? Literatur. Heinrich Grünau: „Unteiweg s." Drama aus dem jüdischen Leben. Jüdischer Verlag, Köln und Leipzig 1909. „Unterwegs" ist das Werk eines in gewissem Grade talentierten Anfängers, der das Judenproblem in drei leidlich aufgebauten, doch nicht von besonderer Bühnentechnik zeugenden Akten zu lösen versucht. Der Autor bringt da einige alte Wahrheiten über Nationalismus und Assimilation, über die Leiden der Juden in Rußland und einige neue, doch dem Eingeweihten bekannte Mitteilungen über die Mißstände und Härten des Emigrationswesens in Deutschland, von denen ja in diesem Blatte auch schon gesprochen wurde. Das Stück ist mit einer ehrlichen Begeisterung und jugendlichem Feuer geschrieben. Es ist ganz Tendenzstück. Ein jüdischnational-zionistisches Tendenzdrama. Doch als Drama selbst ist es eben die Arbeit eines Anfängers. Ein Drama wird aus zwei Faktoren gebildet: aus der Charakteristik von Personen und ihrem Kampf gegeneinander, der Handlung. Der Kampf liegt hier bereits hinter uns. Rüben hat das „christliche" Vaterhaus schon verlassen, um sein Judentum offen kundzutun, obwohl dies für ihn große materielle Nachteile hat. Sein Vater aber, Leo Winter, ein reicher Schiffsbaudirektor, steht infolge der immensen Verpflichtungen, die er für den Baron, seinen auserkorenen Schwiegersohn, übernommen hat, vor dem Ruin und erschießt sich. Rüben, den jetzt nichts mehr zurückhält, geht mit seiner Schwester und seinem Freunde David nach Palästina. Von einer Charakterentwicklung, einer Führung der Charaktere bis zu einem Höhepunkte ist in diesem Drama fast gar nichts zu bemerken. Denn Leo Winter, der Getaufte, und seine Frau Agathe, der Kahalman und Assimilant Mandel sind schablonenmäßig gezeichnet, gewöhnliche Dutzendmenschen. Auf der anderen Seite sind Rüben und David Lubetzki zu idealistisch, also unwahr gezeichnet. Auch Irene ist ein Mädchen ohne jede persönliche Nuance. Es fehlt dem Stücke überhaupt an gesundem Realismus. Das Ganze ist von einem schleppenden, doktrinären Ton beherrscht, so daß sich einem die Frage aufdrängt, warum der Autor nicht statt dieses „Dramas" eine Broschüre über Emigration und Palästinakolonisa,tion geschrieben hat, die vielleicht größeren Erfolg und Nutzen gehabt hätte. m. h. Büchereinlauf. Edward Stilgebauer: Der Eroberer. Roman Verlag J. Diemer in Mainz. 1909. Felicitas Rose: Heideschulmeister Uwe Karsten. Roman. Deutsches Verlagshaus Bong & Co. 1909. Durch Deutsch-Böhmen. Die Weltbäder, Sommerfrischen usw. Herausgegeben vom Landesverband für Fremdenverkehr in Deutschböhmen. Beda: Israeliten und andere Antisemiten. (Umschlagzeichnung von Karl Josef.) Verlag Hugo & Lahme. Wien 1909. Dr. J. Gelbhaus: Der alte Orient und das Auftreten und Wirken Serubabels. Verlag M. Breitenstein. Leipzig und Wien. 1909. Dr. Ignaz Schwarz: Das Wiener Ghetto. Verlag Wilh. Braumüller. Wien und Leipzig. 1909. Siebenundzwanzigster Bericht der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Berlin. Bericht der Alliance Israelite Universelle für das Jahr 1908. S. 256. Aufruf! An unsere edelgesinnten Glaubensgenossen wendet sich der gefertigte Verein mit der Bitte, um wohltätige Mitwirkung und Beteiligung. Seit mehr als 50 Jahren besteht in Jerusalem das Bicurcholim-Hospital, in welchem arme Kranke unentgeltlich Heilung und Pflege finden. Um allen Anforderungen der Hygiene zu entsprechen, wird jetzt ein Neubau errichtet, der jedoch große Kosten erheischt. Außerdem herrscht, besonders in Jerusalem seit Jänner d. J. die Genickstarre. Um nun auch nur einen Teil der Schwerkranken und Unglücklichen aufzunehmen, mußte die Anzahl der Betten vergrößert werden und zirka 100 Betten wurden in einem Privathause aufgestellt. Nun hingen die Mittel nicht, der Bedarf wird immer größer und das Spital befindet sich in arger Not- Aus diesem Anlaße hat sich das Spital an uns um Hilfe gewendet, mit dem Hinweis, daß viele österreichische Juden, die nach Palästina einwandern, die Wohltaten des Spitals in Anspruch nehmen. Wir wollen auch helfend an diesem edlen Werke teilnehmen und, um diesen Zweck zu erreichen, hat sich der gefertigte Verein konstituiert. Wir sind überzeugt, daß wir uns nicht vergebens an unsere jüdischen Mitbürger wenden, und daß das jüdische Solidaritätsgefühl, welches auch von uns Glaubensfremden rühmend anerkannt werden muß, neuerlich einen glänzenden Beweis seines dauernden Bestandes erbringen wird. Die Sache selbst bedarf keiner weiteren Anpreisung, denn Jeden wird es mit hoher ethischer Befriedigung erfüllen, zu einem solchen Werke wahrhafter und höchster Humanität sein Scherflein beigetragen zu haben. Jede, auch die kleinste Spende (Geldbeträge oder Gebrauchsgegenstände) ist willkommen. Unsere Delegierten, Herr Salamon Bromberg und Herr Josua Lerner, sind ermächtigt, Mitglieder anzuwerben, sowie Mitgliedsbeiträge und Spenden entgegenzunehmen. Wir hoffen auf zahlreiche Beteiligung und Unterstützung. Israelitischer Unterstützungs-Verein armer Kranker des „Bicurcholim-Hospitals zu Jerusalem" in Wien, II., Schwarzingergasse 2. Jahresbeiträge und Spenden sind an unseren Kassier, .Tosias Goldschimidt, Wien, IL, Große Schiffgasse 2, zu entrichten. Dr. B. Ebner. Rabb. M. Mayersohn. Obmann.