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Neue Nationalzeitung · 1909-06-18 · Heft 13 (18.6.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 13 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 13 ,,Neue Nätiorial-Zeitung" PEU LLETON. PROF. DR. M. GRÜNFELD i Graf Cohn. Gibt es auch Grafen, die Cohn heißen? Vorläufig kannten wir nur einen hohen geistlichen Fürsten, der diesen Namen von seinen Vätern ererbt hatte. Dessen Nachfolger erzählte, wie die Hörer der theologischen Fakultät in Olmütz sich des Lachens nicht erwehren konnten, wenn ihnen vorgetragen wurde, der Priester heiße hebräisch „Kohen", daher alle Juden, die sich von den Priestern ableiten, noch jetzt den Namen Kohn führen. Kohn mit ,,K", Cohn mit „C"', der Name fordert auch den Spott der hocharistokratischen Gesellschaft heraus, mit der uns der Verfasser des uns vorliegenden Romans*) bekannt macht. Und der Graf Cohn? Das ist ein Getaufter, den der Herr und sein Vater und Großvater, mit Geldern und Gütern gesegnet, und der nichts besseres zu tun verstanden, als sich blindwütig in ein armes Grafenmüdel zu verlieben, das zufällig Dora heißt. Die muß unser (^ohn, der auch zufällig den Namen Isidor erhalten, besitzen. Das hat er sich in den Kopf gesetzt. Und mit der Zähigkeit, die nun einmal eine alte Charaktereigenschaft seiner, unserer Rasse ist, und mit seinem, d. h. seines Großvaters und Vaters Gelde gewappnet, nimmt er den Kampf gegen die hocharistokratische Sippe auf, welcher Dora entstammt. Kr erringt Dora. Aber sein Sieg ist ein Pyrrhussieg. Der kostet ihm sein Leben, seines Hauses Glück und Bestand. Auch Dora stirbt, nachdem sie einem Knäblein das Leben geschenkt. „Regungslos starrt Rech a (Isidors Schwester) auf das Neugeborene. In seinen Adern fließt Judenblut und Aristokratenblut. Wird Isidors und Doras Kind den Zwiespalt überwinden?" So fragt der Dichter am Schlüsse seine.-, wie wir gleich bemerken wollen, meisterhaften Werkes. Wir möchten, nach ailen den Szenen, die uns der Verfasser dieses gewaltigen Zeitromanes vorgeführt, diese Frage schlankweg verneinen. Und, wenn er weiter fragt: „Wird es doppelt belastet, doppelt krank an seinem Erbe verbluten?", da möchten wir mit einem kräftigen „Ja" antworten. Mit wenigen, dürren Worten haben wir den Inhalt dieses eminent sozialen Romanes skizziert. Das Judenproblem wird in ihm wieder — zum wievieltenmale? — aufgerollt. Aber diesem Problem wird ein anderes entgegengestellt: das Aristokratenproblem. Diese Gesellschaft, welche im Jahrhunderte der Gleichheit auf ihre Vorrechte pocht, weil sie dem Staate Haudegen und Männer gegeben, die gar oft den Staatskarren auf grundlose Pfade geführt, diese Gesellschaft, aus der noch heute Leibhusaren und Leibgardislen entnommen werden, welche nicht wissen, was sie mit der vielen freien Zeit anfangen sollen und die dem Mangel an Mitteln, mit welchem sie geschlagen sind, dadurch zu entfliehen suchen, daß sie bei den von ihnen so sehr verachteten Juden „pumpen", diese Gesellschaft wird in einigen ihrer Prachtexemplare in unserem Romane auf das schonungsloseste anatomisiert. *) Graf Cohn, Roman von Paul Langenscheidt, 1909, Verlag Dr. P. Langenscheidt, GroC-Lichteifelde-Ost. (Dr. P. Langenscheidts Bibliothek der Zeit.) Und die Juden? Graf Cohn? Wir kennen diese Pappenheimer. Das sind die Bengel, welche der Väter und Mütter vergessen, die sich für sie geplagt und geschunden, viel, sehr viel Geld verdient, erworben, erkämpft und errungen haben. Aber die Söhne wollen an den jüdischen Vater oder gar den Großvater nicht erinnert werden. Das Geld ihrer Eltern ist ihnen gut genug, um in nicht jüdischer Wohltätigkeit zu machen. Nirgends fühlen sie sich so wohl, wie in der Gesellschaft der Leibhusaren und Leibgardisten, die sie mit Fußtritten behandeln und über ihre jüdischen Nasen und Säbelbeine Witze unflätigster Art reißen. Und die Cohns gehen hin, küssen die Hände, die ihnen Maulschellen austeilen und reißen sich um die Aristokratinnen, die sie in Gold und Seide kleiden und von denen sie mit ihren aristokratischen Liebhabern betrogen werden ... Eine furchtbare Anklage erhebt dieser Roman. Eine Anklage gegen die Grafen „Isidor" genannt, aber eine nicht minder furchtbare gegen die Gräfinnen vom Schlage Dora Holms mit ihrer ganzen „schnorrerischen" Sippe. Der Dichter wird in seinem Werke zum ernsten, strengen, unbarmherzigen Richter. Aber, was er sagt, ist Wahrheit. Eine Anklage enthält dieser Roman gegen die großen Mächte unserer Zeit, gegen Geld und Adel. Und das Strafgericht, das über diese Großmächte ergeht, ist ein furchtbares, aber ein gerechtes ... Man denkt unwillkürlich, wenn man Langen- Scheidts Werk liest — und wir wissen, es wird viel gelesen werden — an Schnitzlers Roman »Der Weg in's Freie". Aehnliche Probleme, aber wie verschieden behandelt! Schnitzlers Werk zeigt, wie seine Helden, Adelige und Juden, einen Ausweg suchen aus den Wirnissen der Zeit. Wie ganz anders stellt uns der Dichter den „Grafen Cohn" dar! Der verrennt sich in eine Sackgasse und mit ihm seine Gräfin. Das ist eine untergehende Welt, und es ist gut, daß sie untergeht1; wir weinen ihr keine Träne nach, so sehr uns der Dichter ergreift, erschüttert. Wir möchten gerne verzeihen, vergeben, wie es die edle R c c h a tut, Isidors, des Grafen Schwester. Das ist ein echt jüdisches Frauenbild, das entsagt, duldet, leidet. Und, da sie im Sterbezimmer ihrer Schwägerin sitzt und diese tot vor ihr liegt, während sich der Bruder, der „Graf" erschossen, das Haus aber, das Großvater und Vater mühselig erbaut, zusammenstürzt, „liest sie den Psalm, der Juden und Christen Kleinod ist". Und welcher wäre es nicht?, setzen wir hinzu. Der Psalm beginnt: „De profundis". „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir . . . So Du willst, Herr, Sünde zu rechnen, Herr, wer wird bestehen? Denn bei Dir ist Vergebung...* „Vergebung"' das ist unser Losungswort, des „Volkes der Rache" Parole. Vergebung den „Grafen Cohn", die massenhaft unter uns herumlaufen, Vergebung den Gräfinnen Dora mit ihren Vorurteilen, ihrer Herz- und Schamlosigkeit, die den Gatten hintergeht und das Glück der Menschen vernichtet. — Vergebung ihnen allen, die nicht wissen, was sie tun. Ein Gesellschafts -Roman, wie wir solcher nur wenige in unserer Literatur besitzen, ist Langt nscheidts Werk. Da werden wieder die Charaktere und Personen nicht unter Wortschwall in ihre Fasern

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