Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 13 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425773-2425787--1369-2427722- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 13 „Neue National-Zeitung" Seite 9 erklärte Herr Netter im Namen des Vorstandes, derselbe siebe auf dem Standpunkt, daß ein Gemeindeblatt e i n dringendes Bedürfnis sei und in einer Denkschrift seien alle Gründe zusammengestellt, welche die Herausgabe eines solchen Blattes erforderlich machen. Voraussichtlich werde das Blatt aus einem verwaltungspolitischen und einem verwallungstechnischen Teil be* stehen. Offenbar kennt man in Berlin nicht die Wiener Gepflogenheit, jüdische Blätter zu — „subventionieren". Oberrabbiner Markus Hirsch und „Dajon" Samuel Freund. Aus der Zeit, als der jüngst verstorbene Hamburger Oberrabbiner M. Hirsch sein Oberrabbineramt in Prag antreten sollte, wird folgende amüsante Episode erzählt : Als Oberrabbiner Hirsch am 6. März 1880 das Prager Oberrabbinat antrat, lebte noch in dieser Gemeinde der Dajon Rabbi Samuel Freund. Ein Ueberrest des ralten* Prag, sehr fromm, sehr gelehrt auf rabbinisch-talmudischem Gebiete, aber ebenso unwissend auf profanem Gebiete, im Altertum noch stark wurzelnd und ein ausgesprochener Feind jeder modernen Neuerung. Einst beriet der Vorstand, der aus 9 Mitgliedern bestand, über eine Gemeindeangelegenheit, die den Beifall des seligen Rabbi Samuel Freund nicht fand. Der ganze Vorstand war pro und nur der Rabbi contra. Der Antrag wäre also durchgedrungen, doch wollte man dem greisen Rabbi keine Opposition machen und nicht gegen ihn stimmen. Man versuchte es durch Güte ihn zu bewegen, seinen oppositionellen Standpunkt aufzugeben undsichderAnsichtder Gemeindevertretung anzuschließen. Der Präsident verlegte sich aufs Bitten. „Sehen Sie", sprach er zum Rabbi, „die Thora selbst sagt doch man müsse sich nach der Majorität richten. Nun der Vorstand besteht aus 9 Köpfen und der Rabbi, soll leben, hat doch nur einen Kopf." „Was?" schrie der Dajon. „Neun Köpfe sind hier? Ich sehe bloß 18 Füße." Rabbinerkonferenz in Wilna. Die Konferenz der Rabbiner in Wilna hat den Petersburger Rabbiner ersucht, der Regierung den Vorschlag zu unterbreiten, dem Dumakomitee ein Memorandum einzureichen, in dem die Notwendigkeit betont wird, den Juden jede Gelegenheit zu geben, den Samstag zu feiern und alle Beschränkungsbestimmungen für den Sonntag aufzuheben. Unter den bemerkenswerten Beschlüssen, welche die Beratung zeitigte, war u. a. eine energische Resolution der Rabbiner gegen die anti-jüdischen Beschränkungsmaßnahmen, ganz besonders gegen das Verbot der Shechita in Finnland. Sie beschlossen außerdem, den Minister von allen ihren Projekten zu benachrichtigen. Die Baron Hirsch'sche Schulstiftung im Dienste der polnischen Assimilanten. Am 10. Juni hat in Lemberg eine Delegierten-Konferenz der Bernard Goldmann'schen Lesehallen stattgefunden, jener Gründungen neuesten Kalibers, welche von einigen Polen „mosaischer Konfession" im Dienste des polnischen Chauvinismus propagiert werden. Das große Wort auf diesem „Tag" führten die Inspektoren der Baron Hirsch'schen Stiftung, Grünes und Sperber, und ein Mann, gegen den wiederholt öffentlich der Vorwurf der Defraudation und des Betruges erhoben wurde: der von der Lemberger Hypotheken-Anstalt entlassene Herr Feldstein. Es muß nun die Frage gestellt werden: Wie kann es das Präsidium der Stiftung, — die Herren David von Gutmann und Oberrabbiner Dr.Güdemann — rechfertigen, daß sie ihren Lehrern jede jüdische Betätigung verbieten, aber ihren Inspektoren die polnisch-chauvinistische Propaganda gestatten? Dr. Theodor Barth, langjähriges Mitglied des deutschen Reichstages und des preußischen Abgeordnetenhauses, gewesener Herausgeber der „Nation" und Präsident des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus", ist jüngst gestorben. Die jüdischen Blätter in Deutschland widmeten dem Verstorbenen sehr warme Nachrufe. Dabei wird besonders jenes Passus seiner Rede vom Jahre 1907 gedacht, worin er mit aller Entschiedenheit für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden eintrat. Er sagte damals u. a.: „Von dem Grundsatze der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit dürfen wir uns nicht ein Tilelchen abhandeln lassen. Es bleibt für uns gar nichts anderes übrig, als in dieser Frage den äußersten Radikalismus walten zu lassen. Wir können uns nicht mit dieser oder jener Konzession abspeisen lassen, sondern wir verlangen das ganze Recht. Bis nicht die staatsbürgerliche Gleichberechtigung bis zum letzten Titelchen erlangt ist, dürfen wir die Waffen nicht niederlegen. Hier liegt einer von den Fällen vor, wo man nichts hat, wenn man nicht alles hat. Unsere Mitbürger israelitischer Konfession können von Rechts wegen verlangen, daß sie in gar keiner Stellung, die irgendwo zu besetzen ist, als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Deswegen kommt alles darauf an, daß man aufs ganze geht, und daß man sich nicht durch irgendwelche halben Maßregeln abspeisen läßt . . . ." Zeifechriffen-l^undschau. Ein Zeitungsboykott in Jerusalem. Das Jun i-Heft der Monatsschrift „Palästina", welche stets für jeden Freund des Heiligen Landes eine Fülle von interessantem Material enthält, berichtet von einem eigenartigen Zeitungsboykott, der gegenwärtig in Jerusalem gegen die von Ben Jehuda herausgegebene hebräische Tageszeitung „Hazewi" ausgebrochen ist. Dieser Boykott und seine Begleitumstände werfen ein so scharfes Licht auf die jetzigen Kulturzustände unter den Juden in Palästina, das wir ihnen etwas mehr Raum widmen müssen. In einem Artikel über die jüngst in Kleinasien durch die fanatischen Alttürken verübten armenischen Massacres inachte es Herr Ben Abi, der Sohn Ben Jehudas, in seinem „Hazewi" den Jerusalemer und palästinensischen Juden zum Vorwurf, daß sie sich nicht kräftig und ausreichend genug an der zu Gunsten der Armenier eingeleiteten Hilfsaktion beteiligten und er führte diese Tatsache auf den Umstand zurück, daß die Juden die Christen als verächtlich und minderwertig, als feindselig gesinnte „Amalekim" betrachten, denen gegenüber ein Gefühl des Mitleids, der Teilnahme und Opferbereitschaft nicht am Platze sei (?). Dieser gegen die Juden erhobene Vorwurf entfesselte unter der gesamten Judenschaft von Jerusalem und Palästina einen elementaren Sturm der Entrüstung, welchem zuerst Dr. Masie, Arzt an dem Bikur Cholim Hospital, durch einen offenen Brief an den „Hazewi" laut beredten, geharnischten Ausdruck verlieh. Dr. Masie wies auf Grund der Bibel, des jüdischen Schrifttums alter und neuer Zeit und der Aussprüche hervorragender jüdischer Rabbiner und Gelehrter darauf hin, daß dem Juden in seiner Religion und seinem religiösen Bekenntnisse nirgendwo erlaubt oder gar geboten sei, einen Andersgläubigen als religiös und moralisch minderwertig anzusehen, ihn zu verachten und ihm im Notfalle die allgemeine Pflicht der Menschen- und Nächstenliebe zu verweigern, so daß es nur als ein schädliches, unverantwortliches Beginnen urfd als Verrat am eigenen Volke bezeichnet werden müsse, wenn durch ein solch frevelhaftes, böswilliges Vorgehen der Friede und das gute Einvernehmen zwischen den Religionen und Völkern gestört werde. Das Auftreten und Einschreiten des Herrn Dr. Masie hat dann auch weiterhin im ganzen Lande ein lautes Echo gefunden und auf allen Seiten zu weiteren Entrüstungs- Kundgebungen gegen den „Hazewi" und seinen Leiter Veranlassung gegeben. Von Jaffa, Hebron, Haifa, Rischon lo Zion, Pethach Tikwah und anderen Kolonien regnete es geradezu von Briefen und Protestartikeln, während gleichzeitig die mit der Post gesendeten Nummern des „Hazewi" als refüsiert wieder zurückkamen und den Austrägern in den Straßen von Jerusalem die einzelnen Nummern aus den Händen gerissen, zerfetzt und auf der Straße zerstreut wurden.