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Neue Nationalzeitung · 1909-06-04 · Heft 12 (4.6.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 12 (4.6.1909)
Date
1909-06-04
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 12 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. ABRAHAM REISEN. Die Resolution im Beth-fiamidrasch. (Eine Humoreske.) Im kleinen Beth-Hamidrasch schloss man am Samstagmit dem Gebet später, als in den drei anderen Beth-Hamidraschs, obwohl hier weder ein Rabbiner betete, noch ein Kantor vorsang. Im kleinen Betii-Hamidrasch beteten auch keine frömmeren Juden als in den anderen. Im Gegenteil. Da beteten gerade die „Fortgeschrittenen" des Städtchens, von denen man sich verstohlen zuraunte, dass sie nicht mehr so fromm sind und sicn von „echter Jüdischkeit" immer mehr entfernen. Und in der Tat Im kleinen Beth-Hamidrasch beteten nur Krämer, Getreidehändler und ein paar Lehrer, und zwar solche, die sogar vom „Modernismus" angekränkelt waren, die schon — horribile d c'u -— hebräische Grammatik studierten und lauter solche Sachen, die ein echt jüdischer „Melamed"*) nicht kennen darf. Einer von ihnen hatte sogar einen Cheder auf den „neuen Steiger" — mit Bänken für die Schüler. . . . Und trotz alledem. Mit dem Beten im kleinen Beth-Hamidrasch war man regelmässig ein bis eineinhalb Stunden später fertig als in den anderen. Vielleicht sogar noch später als in der Chassidim- Stube, in der die Libawitscher beteten, die sich absolut nicht um die Beter im kleinen Beth-Hamidrasch kümmerten, und wenn es sich auch um ein Königreich gehandelt hätte. Man zerbrach sich aber trotzdem den Kopf wegen der Ausdauer des Beth- Hamidrasch. Der Grund hiefür wäre aber sehr leicht zu finden gewesen,wenn man folgendes erwogen hätte: Im kleinen Beth-Hamidrasch betete der reichste Mann des Städtchens, Haim Maier Tscharniak, der Glanz des kleinen Beth-Hamidrasch. Man stritt sich immer darüber, wieviel Haim Maier Tscharniak dem Beth-Hamidrasch testamentarisch vermachen würde. Seine grössten Anhänger behaupteten 200.000 Rubel, andere 1C0.000 Rubel. Die Herren Fortgeschrittenen, die viel weniger optimistisch gestimmt waren, gaben sich schon mit 50.000 zufrieden und einige besonders skeptisch veranlagte Gemüter handelten 175.000 Rubel ab, so, dass jetzt nur noch sage und schreibe 25.000 Rubel zurückblieben. Auf den grossen Mann musste man also wenigstens so viel Rücksicht nehmen, dass man nicht ohne ihn zu beten anfing. Das war den Betern des Beth- Hamidrasch ganz sonnnenklar. Mögen auch die Fortgeschrittenen Recht haben — sagte man sich, — und würde Haim Maier Tscharniak nur 50.000 Rub. vermachen — ja findet man denn 50.000 Rubel nur so auf der Strasse? Sei es nun, wie es sei. Man muss auf ihn warten. Und es häite sich auch niemand im Scherz erlaubt, ohne ihn zu beten. Darin war man sich vollständig einig. Allerdings hatte sich einmal Chanan, der Getreidehändler und Oppositionsgeist, erlaubt, ein Stück ohne die Leuchte des Beth-Hamidrasch zu beten. Aber man hielt dies allgemein nur für einen Scherz und niemand far.- eich, der mit dem Getreidehändler ohne Haim Tscharniak beten wollte. Das gab es nicht. Nur einmal hatte man bisher den Mut gefunden, zu dem Allmächtigen des Beth-Hamidrasch ins Haus zu schicken, nachde n man auf ihn bis 10 Uhr gewartet hatte und er immer noch nicht kam. Da schickte man den Schammes*) zu ihm fragen, ob ihm Gott behüte vielleicht etwas fehle? Man ist doch nur ein Mensch — und ein reicher Mann kann ja auch einmal krank werden. Und Herr Tscharniak hatte ja auch einen Fehler. Er war zu dick . . . Aber über diese Sendung seiner Getreuen an ihn wurde er böse und sagte, er verzichte darauf, dass man auf ihn warte und er pfeife auf diese Ehre .... Da bekam der Schammes von den Vorstehern des Beth-Hamidrasch eine Nase. Das hätte sich wirklich nicht gepasst, das sei nicht die Art, wie man mit dem reichsten Manne im Städtchen umgehe..... Zu aller Beruhigung kam aber doch Herr Haim Maier nach Verlauf einer halben Stunde. Da ging Chanan, der Getreidehändler und Oppositionsgeist auf ihn zu.....und stammelte mit einem süssen Lächeln, das sich bis in seinen Bart ergoss: — Wir . . . Reb Haim Maier, hätten ohnedies auf Sie gewartet .... bis Sie gekommen wären. . . Und Reb Haim Maier antwortete darauf halb aufgeblasen und halb gutmütig: — „Ich bitte mir aus, dass man mich noch einmal rufen lässt. Wenn es euch schwer fällt, zu warten — dann bete eben ohne mich. . . . Ich kann darauf verzichten. . . ." Als man sah, dass der zukünftige grosse Stifter des kleinen Beth-Hamidrasch wirklich böse ist, da gingen sie alle auf ihn zu: Die Vorsteher, die paar Fortgeschrittenen, der moderne Melamed, der auf den neuen Steiger seinen Cheder „mit Bänken" hatte, und jeder von ihnen sagte seine Meinung, oder vielmehr seine Entschuldigung. Ein jeder von ihnen hätte selbstverständlich noch gewartet, ohne Zweifel aber dieser verfluchte Schammes!! . . . . So fiel — und das ist keine Kleinigkeit — der Schammes bei Herrn Tscharniak in Ungnade. Eines Tages verbreitete sich im Städchen plötzlich die Nachricht, auf Plehwe sei eine Bombe geworfen worden.....Das war mitten in der Woche. Natürlich hat man sich nur ums Geschäft zu kümmern und lässt den Weibern den Tratsch. Die haben Zeit dazu. Aber am Sabbath ist im kleinen Beth-Hamidrasch über das Attentat auf Plehwe grosse Diskussion. Die Fortgeschrittenen führen die Debatte. Sie halten dafür, dass jetzt eine freiere Luft wehen wird..... Als der Schammes das Wort „frei" hört, fragt er, was „frei" heisse. Ob dann die Juden in den Dörfern Schenken halten könnten? Die „Fortgeschrittenen" lachen und einer von ihnen sagt: „Frei heisst Republik.'" Chanan, der Oppositionsgeist, erklärt dagegen, seiner Ansicht nach sei „frei", wenn man aufhört, auf den „Allmächtigen" mit dem Beten zu warten. .... Er hat diese Worte natürlich in ironischem Tone gesprochen. Er wollte eben einen Spass *) Lehrer. *) Bethausdiener.

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