Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 10 (7.5.1909)
- Date
- 1909-05-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NflCiONftL-ZBGUNG LäNDfly XI. JflHRGHNG. WIEN, 7. MHI 1909. Nr. 10. Die Behandlung der 3uden in der österreichischen Armee. (Der rätselhafte Tod eines jüdischen Zugsführers.) Von einem hohen Offizier Nur wenigen Lesern dürfte der vom „Monitor", einem in Lemberg erscheinenden, vom Abgeordneten Breiter redigierten, sozialpolitischen Wochenblatte bisher in zwei Fortsetzungen gebrachte Artikel über das oben bezeichnete Vorkommnis bekannt sein. Die Wiener „liberale" Presse hatte in der letzten Woche zuviel mit der Bejubelung der „hinten in der Türkei" zum Siege gelangten Verfassung zu tun, als dass sie auch noch Zeit gefunden hätte, für den Schutz der durch die Verfassung den österreichischen Staatsbürgern gewährleisteten Rechte der Gleichheit einzutreten, umsoweniger, als, wie in den meisten Fällen, ein jüdischer Staatsbürger in Betracht kam. Wir wollen in tunlichster Kürze den Inhalt der bezeichneten Artikel des „Monitor" wiedergeben und an diesen aktuellen Fall einige Betrachtungen über die Behandlung der jüdischen Soldaten bei der Assentierung und während ihrer Dienstzeit in galizischen Garnisonen anknüpfen. Nathan Nesch, in seiner bürgerlichen Beschäftigung Advokatursbeamter in Lemberg, die Stütze eines alten, erwerbsunfähigen Vaters und zahlreicher unversorgter Geschwister, erhielt Ende März d. J., als die Kriegserklärung an Serbien drohte, die Einberufung als Reservezugsführer des 11. Kanonenregiments zur mehrwöchentlichen Waffenübung. Zum bezeichneten Termin meldete er sich in der Kaserne. Tagsdarauf, als er mit dem Einpacken seines Mannschaftskcffers beschäftigt war — es war ihm bedeutet worden, dass er höchstwahrscheinlich nach Bosnien abzugehen haben werde — erhielt er den Befehl, sich in den Krankenstand des Garnisonsspitals Lemberg aufnehmen zu lassen. Vater und Geschwister eilten in das Spital, um zu erfahren, was eigentlich vorgefallen, sich zu erkundigen, was die Erkrankung verursacht und welcher Art und Grades diese sei. Zwei Wochen lang stürmte die arme unglückliche Familie das Spital, ohne dass es ihr erlaubt worden wäre, den Kranken zu besuchen. Der Befehl war aufs strengste erteilt worden und trotz Weinen und Flehen des Vaters und der Geschwister blieben die Militärärzte unbeugsam. Als schliesslich die Verzweiflung den Vater den Spitalseingang nicht mehr verlassen Hess, wurde er in die Kanzlei gerufen, wo ihm ein Blanket zur Unterschrift vorgelegt und bedeutet wurde, dass ihm der Sohn ins Haus gestellt werden würde. Dies geschah auch — aber statt des gesunden, kräftigen Jünglinges war es ein zum Skelett abgemagertes, kraftloses, mit zahlreichen Blutaustritten bedecktes Wesen, das auf jede Berührung schmerzhaft aufstöhnte und bewusstlos dalag. Was war geschehen? Mutmasslich hatte die Befürchtung, Eltern und Heim verlassen zu müssen, den Armen an Melancholie erkranken lassen und in der Verkennung seines Zustandes wurde er als „Simulant" dem Spitale übergeben. Welche Prozeduren zur Aufdeckung der „Simulation" vorgenommen wurden, entzieht sich unserem Wissen, es kann nur festgestellt werden, dass der dreiwöchentliche Spitalsaufenthalt den kräftigen Mann zum Skelette umwandelte. An beiden Füssen über den Knöcheln, über den Kniegelenken, über den Handgelenken, an der Gesichtshaut und über den Weichen sind ausgebreitete Blutunterlaufungen sichtbar gewesen. Der „Monitor" nahm diese Verfärbungen der Haut als Folgen von Misshandlungen an und führte aus, dass wenn zu bezweifeln ist, dass diese durch Aerzte oder über ärztlichen Auftrag zur Aufdeckung der Simulation ausgeführt wurden, angenommen werden muss, dass sie vom Wartepersonal verursacht wurden. Abgeordneter Breiter begab sich sofort zum Kriegsminister und forderte die ungesäumte