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Neue Nationalzeitung · 1909-04-23 · Heft 9 (23.4.1909) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 9 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9 „Neue National-Zeitung" FEUILLETON. SCHALOM ASCH: Trojanow, Den Märtyrern von Tschudnow gewidmet.*) (Aus dem Jiddisch übersetzt von Moriz Hacke.) Der letzte von den fünf klopft bebend vor Angst und Ermüdung an ein Fenster: — Juden! Brüder! Vier von uns hat man schon totgeschlagen mitten auf dem Markte. Gewährt mir um Gotteswillen ein Versteck!... Habt Erbarmen... Sie sind mir auf den Fersen!... Lasst mich hinein!... Sekunde auf Sekunde verstreicht. Die Zeit ist so kostbar. Schon ist es eine Minute . . Wehe! Verschlossen und ungerührt bleibt des Juden Herz, wie die Tür seines Häuschens .... Gott sei dem Jüngling gnädig! Mit grausigem Johlen naht schon die entmenschte Menge. . . . Ein Moment nur .... und das junge Blut wärmt kalten Stahl und die mörderischen Hände, die ihn führen. Die Sonne hüllt sich in dunkle Wolken. Hier und dort schleichen sich noch einige Strahlen verstohlen durch und beglücken mit sonnigem Kuss Bach, Feld, Wiese, die kleinen Häuser. Doch nicht lange. Der Himmel wird finsterer und die Sonne verschwindet ganz..... Ueber Trojanow steigt mit langsamen Schritten die Nacht auf und zieht mit ihrer schwarzen Hand dunkle Schleier über die Erde. Tiefschwarze Nacht senkt sich auf Trojanow und seine stillen Häuschen, mit ihren verschlossenen und verriegelten Läden und Türen.....Unheimlich schauen sie aus. Denn der Tod wohnt in ihnen allen — lebendiger Tod, totes l eben. Ueber alle hat der Todesengel seinen weiten schwarzen Mantel ausgebreitet. Und sie stehen da wie zum lelzten Gang..... Nur auf einer Seite, auf der Westseite sieht man noch einen roten, feurigen Streifen am Himmel, wie einen feurigen Strand am tiefdunklen Meere. ... Und von einer Seite der Stadt bricht sich ein Lichtschein, der Schein einer Lampe durch all diese Dunkelheit der Stadt Bahn. Von dort tönen auch die Klänge von Zieh-Harmonikas herüber.....Doch dieser Lichtschein, diese Klänge machen das Herz *) A n m. der Redaktion. Die Fessach-Beilage des Petersburger Tagblattes „Der Fraind" veröffenlicht obige, unheimlich tragische Schilderung aus den Tagen der letzten russischen Pogroms. Schalom Asch, mit seinem grossen epischen Talent, hat hier eines jener schrecklichen Bilder festgehalten, die in der jüngsten Geschichte der russischen Juden leider so zahlreich vorkommen. „Der Fraind" selbst begleitet die Publikation mit nachstehender Einleitung: „Der Ort Trojanow liegt auf dem Wege von Tschudnow nach Schitomir. Während des Schitomirer Pogroms (im Frühling 1905) sind 12 mutige jüdische Jünglinge aus Tschudnow nach Schitomir gezogen, um dem dort organisierten jüdischen Selbstschutz beizutreten. Wagemutige, selbstvergessene Jünglinge •— nie sind sie nach Schitomir gekommen. Denn schon wüteten in Trojanow die Greuel der schwarzen Hunderte. Die kleine Schar war ihnen eine willkommene Beute, auf die eine Jagd begann, wie sie grausammer und entmenschter nie gedacht werden konnte. Währenddess lagen die Trojanovver Juden in ihren Häusern versteckt, hinter gut verschlossenen Türen und Riegeln, um ihr Leben zitternd. Die Tschudnower Jünglinge klopften an Läden, Türen, baten flehend ihre Trojanower Brüder, sie hinein zu lassen und zu verstecken, sie doch vor dem sicheren Tod zu retten. Doch al'es Flehen vergebens; es prallte ab an der Angst der Trojanower ums eigene Leben. So fielen fünf von den Jünglingen und Hessen als Märtyrer ihr Leben unter den Händen der schwarzen Hunderte." noch beklommener als die schwarze, undurchdringliche Totenstille der Nacht. Ja, totenstill ist diese Nacht.....Denn alle Juden wollen vergessen, versteckt sein, um von niemand gesehen zu werden. Sie wissen, was ihrer harret..... Vier tote, blutjunge Menschen liegen auf dem schönsten Platz von Trojanow, auf dem Matkte. Gleichgiltig schaut der diisterschwarze Himmel auf sie herab. Auf die vier Brüder, die hier zusammen liegen und jenen einen, der in seinem erstarrten Blute vor der verschlossenen Tür eines jüdischen Hauses gebrochenen Auges daliegt..... Die Stadt liegt totenstill da. Nirgends ein Wesen zu sehen. Doch was geschieht da? Was für eine Ges'alt taucht da plötzlich aus dem Dunkel auf? Sie kommt näher. Eine Frau ist es in weissen Todeskleidern, eine Haube auf dem Kopf, in den Ohren blitzende Sabbath-Gehänge. Sie ist ein grosses, stattliches Weib. Was führt sie in die unheimliche Nacht hinaus? . . . . In ihrer weissen Schürze trägt sie etwas. Da zupft sie es heraus. Wie seltsam? Stücke von zerrissenen Thorarollen und zerrissenen Gebetmänteln. Und sie näht fort und fort, ohne Unterlass wie eine Wahnsinnige. Eine lange, lange Decke näht sie aus diesen Stücken und redet dabei zu sich so wunderlich schmeichelnd und ergreifend still. — . . Meine Kinder haben mir diese Räuber erschlagen, ihrezermartetten Leiber durch dieGassen geschleift und im Kote liegen lassen. O Himmel, erbarme dich.' Die Vögel werden sie aufessen. . . . Drum nähe ich ihnen Leintücher, Leintücher nähe ich ihnen. Gebt mir dazu Stücke von Sefar-Thoras, von Tallesim.. Gebt sie mir. . . . Ich bitt' euch drum. . . Ich muss doch Leintücher für meine Kinderchen nähen..... Leintücher, um meine Kinderchen zu bedecken. . . . Ich hab' solche Angst, dass sie die Vögel aufessen..... Doch sieh! Wer folgt der gequälten Mutter in einiger Entfernung? Die Gestalt kommt näher. Es ist ein junges Mädchen, das die Tochter dieser verzweifelten und so furchtbar einsamen Frau sein könnte. Sie ist bald ganz nahe an sie herangekommen. Mit rührend flehender Gebärde streckt das Mädchen die Hände nach der weissen Gestalt aus und spricht bittend zu ihr: Mütterchen! Lass mich dir doch helfen die Tücher für meine Brüder nähen! Ich habe sie gesehen: Wie das Blut von ihren gemarterten Händen und Füssen rann. Wie man ihnen Nägel ins Herz und in den Rücken schlug. Und als einer, halbtot, die brechenden Augen zum Himmel gerichtet um Wasser stammelte, da, da ... . haben sie ihm einen in Essig getauchten Schwamm in den Mund gesteckt. . .. Ich hab nicht geweint, Mütterchen. — Von dir hab ich ja gelernt. . . Ha, ha! Fröhlich bin ich gewesen! Mutter, die Tränen habe ich hinuntergeschluckt ... Fröhlich bin ich gewesen. Und als sie mein eigenes Kind geschlachtet hatten, da habe ich mich gefreut. Ja, i efreut. Denn da brachte ich Gott ein Opfer dar. Ein Opfer für die Welt, für die Mörder, für ihre Sünden . .. Und jetzt haben sie zum Spass mit dem Blute meines Kindes die Fenster bestrichen . . . Und nicht nur mein Kind, meine Brüder haben sie in

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