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Neue Nationalzeitung · 1909-04-09 · Heft 8 (9.4.1909) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 8 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Nasenring oder Fingerring, oder was ihr sonst habt, und ich will von dem Golde einen Gott machen!" Am folgenden Tage brannte die Sonne heiß. Aus dem Tore des hohepriesterlichen Zeltes kam ein großer, neuer Wagen von zwei roten Stieren gezogen, und der Wagen war re:ch vergoldet und verbreitete Licht und Glanz überall, wo er sich zeigte. Und die Hörner der Stiere, die vor den Wagen gespannt waren, waren auch reich vergoldet, und mit Purpur und blauen Blumen geschmückt. Und die Stiere waren mit wunderbaren blauen Decken bedeckt, und zu beiden Seiten des Wagens schritten zwei Priester einher, an jeder Seite einer, in Leinenhemden, Ornat und Brustschild angezogen, und mit Posaunen in den Händen, und die Granatäpfel auf ihren Gewändern klingelten beim Gehen. Und die Stiere scnritten langsam vorwärts, und als sich der Wagen bewegte, da stießen die Priester in die Posaunen, und als die Posaunen erschallten, da hörte es jedermann in seinem Zelte und trat vor die Türe mit Weib und Kind und Hausgesinde. Der Wagen durchzog das ganze Lager von einem Ende zum anderen, hielt vor jedem Zelte, und die heraustretenden Männer und Frauen warfen ihren Beitrag an Gold in den Wagen. Es gab keinen Menschen weit und breit, ob arm ob reich, der nicht bereitwilligst seine Spende dargebracht hätte, denn Jeder wollte sein Teil am Gotte haben Die Männer gaben Münzen und goldene Ketten, und die Frauen entledigten sich ihrer Nasenringe und Fingerringe und Mondchen und Stirnbänder und warfen sie in den Wagen. Eine Spendesucht bemächtigte sich der ganzen Gemeinde An den Türen und Fenstern der Zelte, auf den Dachterrassen standen Männer und Frauen und erwarteten den Wagen, und als der Wagen kam, warfen sie goldene Armleuchter hinunter und goldene Pfannen und goldene Schüsseln und goldene Pokale und Stöcke, und eine hohe Frau nahm die goldene Schalmei, mit der das kranke Kind spielte, das an ihrer Brust lag, und warf sie in den Wagen. Und der Wagen wurde schwer von all dem Gold, und voll bis an den Rand, aber das Volk brachte noch immer neue Gaben. So kommt der Wagen auch bis vor Timna's Zelt. Und Timna steht an der Tür des Zeltes, den Ring am Finger. Nein! Alles, was sie besitzt, wird sie hergeben, nur diesen Ring nicht! An diesem Ringe hängt ja ihr ganzes Leben, ihre Gegenwart, ihre Vergangenheit und vielleicht auch ihre Zukunft. Diesen Ring kann sie nicht hergeben! Kann nicht! Kann nicht! Kann nicht! Und der Wagen kommt immer näher, und von den nachbarlichen Zelten regnet es förmlich von Goldgeräten. Da fällt ein goldener Nasenring vor Timna's Augen klirrend auf den Goldhaufen und verschwindet darin; da fällt ein goldener Pokal, da eine goldene Pfanne. Jetzt hält der Wagen dicht vor Timna's Zelt, die Priester posaunen, und die Stiere brüllen, und die Granatäpfel klingeln, und Timna steht vor dem Wagen. Plötzlich überkommt sie ein unbegreifliches Angstgefühl. Mit den Fingern ihrer rechten Hand streift sie den Ring ab vom Finger ihrer Linken, gleichsam spielend, und ohne zu wissen, was sie tut, wrft sie den Ring ins grosse Goldmeer. Im selben Moment fühlt sie, wie sich etwas von ihrem Herzen losreißt und entflieht, und das Herz leer bleibt und der Wagen verschwindet, und die Menschen versinken, und die Sonne verdunkelt sich, und es wird finster ringsherum. Da wußte das Mädchen plötzlich, daß ihr Auserwählter ft-.»rfjLi**Ar^-if-«.r«,** -~4*.t —^J»Jt^L^t«r*^iarjP>£fr Und der Wagen zog weiter, sammelte den letzten Rest der Spenden und beendigte seine Rundfahrt. * * * Und am nächsten Tage da war ein großes Fest im Lager. Der Hohepriester nahm das ganze Gold, das der Wagen gebracht hatte, schmelzte es im Feuer und aus dem Guß formte er mit Meißel und Zirkel ein göttliches Kalb. Da sah das Volk den Gott mit leiblichen Augen, und grenzenlos war sein Jubel. Und der Priester baute einen Altar vor dem Gotte, und brachte die Opfer des Volkes dar, und die Freude war groß über alle Maaßen. Und man aß und trank und belustigte sich auf verschiedene Weise. Die Frauen bildeten einen Kreis rings um das Kalb, und führten einen Reigen auf und die Männer schlugen die Trommel dazu und bliesen die Schalmeien. Und plötzlich weicht alles erschreckt zurück und macht Platz: ein Mädchen wird sichtbar unter den Tarzenden — ein wunderbar tanzendes Mädchen. Siehe, sie schwingt das Bein und bewegt Kopf una Körper bald leise wiegend, bald pfeilschnell einherstürmend. Ihr Anblick macht jedes Herz erbeben und die Haare zu Berge stehen. Ist es nicht Timna, die Jungfrau vom Hause Gerson, aus dem Stamme Menasse? Jetzt tanzt sie langsam und ruhig: das ist der Anfang ihrer Hoffnung, die ganze Erde steht in Blüte und auch ihr Herz ist voller Blumen; sie neigt den Kopf, und ihre Augen leuchten: das ist der erste Kuß. Plötzlich dreht und windet sie sich wie eine Schlange — das ist der erste Schmerz; ein kalter Wind fuhr über die Blumen und in ihr Herz. Bald schwebt sie wieder leicht dahin: sie hat noch den Ring! den Ring! den Ring! Ihr ganzes Leben, ihre ganze Seele mitsamt ihrem Erwählten haften an dem Ringe, und sie alle bilden nur einen einzigen Ring. Bald bewegt sie sich wieder schwerfällig, wie Blei liegt es in ihren Gliedern und ihre Gesichtsmuskeln erstarren: die Hoffnung wird immer schwächer, immer schwächer. Sie ist nur noch ein leises Stammeln: vielleicht, vielleicht, vielleicht . . . Und plötzlich rafft sie sich auf und hebt den Kopf hoch: das gibt sie nicht her! Nein! Das gibt sie nicht her! Und bald fliegt sie wie ein Pfeil rings um das Kalb: diesem Gotte gab sie das Teuerste und das Letzte! Das Einzige, was sie besaß, gab sie ihm, und er verschlang es! Und wie ein Sturmwind saust sie dahin und ihre Füße berühren kaum die Erde: verschwunden ist der Schmerz, ihre Seele ist dahin, aber ihr Erwählter ist in ihr. der Erwählte ist fort, aber der Ring ist da, der Ring ist fort, und das Leben ist da, nun ist auch das Leben fort, nur Gott ist da — und plötzlich schmelzen Seele und Geliebter und Ring und Leben und Gott zusammen, und sie kann sie nicht mehr unterscheiden. Und der Tanz wird immer ausgelassener, immer wilder. Der Schmerz hat aufgehört, ihr eigener Schmerz zu sein, und ward zum Schmerze aller Menschen, denn Gott nahm ihr ihn ab, und er ist doch der Gott des ganzen Erdreichs. Der Tanz wird immer wilder, immer zügelloser, und der Sturm wird immer stärker, immer heftiger, und die Ausgelassenheit wird immer größer, immer maßloser — und eine große Angst bemächtigt sich des ganzen Volkes, und zitternd wirft es Trommel und Schalmei von sich und beginnt zu fliehen. Und Timna tanzt . . . Sie tanzt ohne Aufhören, ohne Ende. Auf ihre Lippen tritt weisser Schaum, ihre Glieder erlahmen, und plötzlich fällt sie zur Erde nieder. Und als man sie von der Erde aufhob, war sie * *

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