Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 8 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 8 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. DAWID FRISCHMANN : Reigen. (Deutsch von Amalie Grünberg). Meine Mutter bekam die Geschichte von ihrer Mutter überliefert, und ihre Mutter von der ihrigen, die Großmutter von der Urgroßmutter, und die Urgroßmutter von der Ururgroßmutter, eine Generation von der anderen — und ich hörte sie von meiner Mutter. Als die Söhne Israels von Aegypten auszogen, befand sich unter dem „Erew-raw" ein wunderschöner Mann, namens Fot. Und es kamen die Frauen und Jungfrauen von weit und breit, um ihn zu sehen und konnten sich nicht sattsehen an ihm. Und in der Nacht sahen sie ihn in ihren Träumen. Da erblickte ihn auch ein Mädchen vom Hause Gerson, aus dem Stamme Menasse, namens Timna; und im selben Augenblick wurde ihr Gesicht glühendrot, dann kreidebleich, und sie liebte ihn. Und in jenen wundervollen Tagen da war der Himmel noch viel tausendmal reiner und blauer als heutzutage, und die Erde viel tausendmal frischer und grüner als heutzutage, und auch die Liebe war viel tausendmal stärker und inniger als heutzutage. Und der Jüngling fasste eine starke Zuneigung zu dem Mädchen, und er folgte ihr auf ailen ihren Wanderungen. Als sie von Ramses nach Sukot zog, zog er schweigend hinter ihrem Zelte her, und als sie von Sukot nach Etam zog, da zog er schweigend mit, und als sie von Etam nach Pi-Hacherot zog, zog er schweigend mit. Wie ein Schatten begleitete er sie. In Pi-Hacherot ging er auf sie zu — es war an einem heißen Sommertage — und legte ihr einen kleinen goldenen Ring an den Finger. Die Sonnenstrahlen fielen auf das Gold, das einen Augenblick lang die ganze Gegend in helles Licht tauchte. In demselben Moment drückte der Jüngling einen langen Kuß auf des Mädchens Lippen, das Mädchen erwiderte ihn, und ihre großen schwarzen Augen weiteten sich mächtig. Und von Pi-Hacherot ging es zusammen durch Migdot und Mara und Etam und Jam-Suf, bis zur Wüste Sin. Bei Tag brannte die Sonne glühend heiß, aber sie wußten es nicht; bei Nacht ruhten sie am Eingange des Zeltes, an der Schwelle, seine Linke unter ihrem Haupte und seine Rechte auf ihrem Herzen, und sprachen kein Wort. Plötzlich war der Jüngling spurlos verschwunden, und es waren Viele, die da sagten, er wäre des Mädchen überdrüssig geworden und nach Aegypten zurückgekehrt. Aber das Mädchen glaubte es nicht. Jeden Tag nahm sie den Ring und betrachtete ihn lange lange und ihre großen, schwarzen Augen weiteten sich mächtig. Und des Nachts legte sie ihn unter das Kissen und schaute ihn im Traume. Wer solchen Ring besitzt — kennt weder Angst noch Schwermut; und wer solchen Ring gab - lügt niemals. Es ist ein reiner Zufall, er muß bald wieder da sein. Aber der Jüngling kehrte nicht wieder. Als sie nach Dofka kamen, schauten ihr die Frauen und Mädchen nach mit Blicken voll Hohn und Gift. Doch das Mädchen achtete nicht darauf. Er hatte ihr doch den Ring gegeben, und der trügt nicht. Der Ring begann ihr Lebensinhalt zu werden. Und als sie bis Alosch kamen, war der Jüngling noch immer nicht da. Eine tiefe Furche hatte sich über Nacht in ihre Stirn gegraben und teilte sie der Länge nach, und ihre großen Augen verschleierten sich. Ein stiller, schwerer Kummer schoß plötzlich von der Erde empor und nistete sich in ihrem Herzen ein. Die Frauen hörten plötzlich auf, sie zu verhöhnen und sprachen sanft zu ihr. Und das Mädchen wurde nicht müde, den Ring zu betrachten, bald lachend, bald weinend, bald mit leuchtenden Augen, bald die Tür hinter sich schliessend, damit niemand ihr Gesicht sehe, bald wieder hoffend.Und als sie in Refidin anlangten, da kamen trübe Tage und noch trübere Nächte, und sie wartete, wartete . . . Eines Morgens stand sie auf, nahm den Spiegel von glänzendem Kupfer, schaute hinein und sah an ihrer Schläfe ein Silberhaar: sie riß es aus mit ihren Fingern. Die Frauen und Mädchen gesellten sich jetzt zu ihr, und suchten sie zu zerstreuen und trösten, aber sie hörte kaum auf sie. Nur den Ring hielt sie fest mit allen ihren Kräften. Bald schien es ihr, es wäre der Ring, bald schien es ihr. es wäre der Jüngling, den sie mit ihrer Hand umarmt. Bald verwirrten sich ihre Sinne, und sie wußte nicht, hatte der Ring sie verlassen, und Fot wäre bei ihr, oder hatte Fot sie verlassen, und der Ring wäre an ihrem Finger. So kamen sie bis zur Wüste Sinai. Und das Mädchen drückte den Ring immer fester an ihren Finger. Der Ring ward ihre Seele, an ihm hing ihr Leben und dessen ganzer Inhalt. Alle ihre Träume, alle ihre Wünsche waren mit dem Ringe verknüpft, und der Ring ward ihr zum Talismann, zum ewigen Lichte, das die Finsternis beleuchtete. Ihre ganze Vergangenheit und ihre ganze Zifkunft schloß sie in den Ring ein. So lange sie den Ring hat, hat sie alles und sie kann hoffen — und trotz allem Bösen, das ihr widerfuhr, wollte sie hoffen! * * * Und in der Wüste Sinai geschahen zu jener Zeit große und wunderbare Dinge, die die Aufmerksamkeit des ganzen Volkes von den alltäglichen Ereignissen ablenkten und sein ganzes Herz in Anspruch nahmen: dem Volke sollte ein Gott gegeben werden. Drei Tage und drei Nächte lang rauchte der Berg Sinai und das Volk zog sich in seine Zelte zurück, heiligte und reinigte sich und wusch die Gewänder, und der Posaunenschall ward immer stärker, und Flamme und Donner und Blitz währte drei Tage und drei Nächte lang, und es war ein großes nie dagewesenes Fest: dem Volke sollte ein Gott gegeben werden. In jenen wunderbaren und schauerlichen Tagen dachte das ganze Volk, selbst Frauen und Kinder, nur an den Gott, den es nicht sah, dessen Stimme es blos hörte, und niemand kümmerte sich um all' die kleinen Dinge des alltäglichen Lebens. Wer wird in solchen Zeiten eines armen Mädchens gedenken, das allein mit ihrem Kummer und ihrem Herzeleid im stillen Zelte versteckt sitzt? Und nach einigen Tagen geschah wieder etwas Neues. Das Volk wurde müde den unsichtbaren Gott zu erwarten, der sich in Nebel hüllte; es verlangte plötzlich nach einem greifbaren Gotte. Und es kam zum Hohenpriester und schrie: „Auf, mache uns einen Gott!" Und der Hohepriester beruhigte das Volk mit den Worten: „Morgen soll es geschehen. Es bringe ein jeder von Euch eine Münze, einen