Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 7 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425773-2425781--1283-2427630- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NKiONftL-ZETCÜNG LHNONU XI. JHHR6HN6. WIEN, 26. MARZ 1909. Professor Felix Adler*) Von Max Schacherl (Berlin). Nr. 7. Als vor Jahresfrist bekannt wurde, dass sich unter den „Austauschprofessoren" der Begründer der ethischen Bewegung in Amerika, Professor Felix Adler, befinde, war man anfangs geneigt, dieser Nachricht keinen Glauben zu schenken. Es war unwahrscheinlich, dass schon der dritte amerikanische Professor, der nach Deutschland gesandt wurde, ein Jude sein dürfe. Professor Felix Adler hat seine Vorlesungen an der Berliner Universität beendigt und wird sich demnächst nach Neuyork zurückbegeben. Vorher nahm ich Gelegenheit, den Gelehrten über verschiedene Probleme unserer Zeit zu befragen. Es schien mir von allgemeinem Interesse, die Ansichten jenes akademischen Lehrers zu hören, der dem amerikanischen Volk die Gesetze der sozialen Ethik vermittelt hat. Einen schneidigen, barschen Amerikaner hatte ich zu finden vermutet, und fand einen liebenswürdigen Menschen, dem man leicht die deutsche Abkunft anmerkt. Felix Adler wurde zu Alzey, im Rheinland, geboren. Sein Vater, der Rabbiner in Worms war, erhielt im Jahre 1857 eine Berufung nach Neu- York als Rabbiner einer grossen Gemeinde. Felix *) Am 20. d. M. kam Prof. Felix Adler in Folge Einladung der „Ethischen Gesellschaft" nach Wien, um hier im Festsaale der Universität über „Die ethische Bewegung in Amerika" zu sprecnen. Die Wiener Tagespresse brachte darüber spaltenlange Artikel; sie vergass jedoch — gewiss nicht ohne Absicht — an etwas, was uns gerade stolz macht: dass Felix Adler ein Jude ist, dass er als Jude berufen war, amerikanischer Austausch- Professor im vergangenen Schuljahre an der Berliner Universität zu sein. Der obige Artikel unseres langjährigen Mitarbeiters, Herrn Max Schacherl, beschäftigt sich eingehend mit der Persönlichkeit Prof. Adlers, der hier zum ersten Mal seine Ansichten über die aktuellsten jüdischen Fragen kundgibt. Dieser Artikel wurde für die bekannte Berliner Monatsschrift „Ost und West" geschrieben und wird im April heft erscheinen. Der Verlag und der Herr Verfasser waren jedoch betonders entgegenkommend, uns über Ersuchen schon jetzt den Abdruck zu gestatten, wofür wir beiden herzlichst danken. Anm. d. Red. Adler begann seine Studien an amerikanischen Schulen, kam a er 1870 nach Berlin, wo er drei Jahre studierte. Nach Amerika zurückgekehrt, erhielt er in sehr jungen Jahren eine Berufung an die COnell- Universität im Staate Neuyork. Hier hielt er eine Reihe von Vorträgen, die ihres Inhaltes, der Originalität i'irer Gedanken wegen, in den Kreisen der Wissenschaft Aufsehen erregten. 1876 gründete Prof. Felix Adler die Vereinigung für ethische Kultur, die dem sozialen Leben Amerikas einen frischen Zug verliehen hat. Sein Kolleg über soziale Ethik setzte er dann an der Columbia-Universität fort, bis ihn Roosevelt als Austauschprofessor nach Deutschland vorschlug. Als ich Professor Felix Adler in einem Salon des „Hotel de Rome" gegenübersass, gab er mir zunächst einige Aufschlüsse über jenes Gebiet der Ethik, das von ihm gepflegt wird. Er nennt sie „Soziale Ethik", denn sie behandelt das wichtigste Problem unserer Zeit, die Arbeiterfrage, ihre negativen und positiven Resultate für die Allgemeinheit. Die Klassen- und Rassengegensätze unserer Zeit, ihre Ausgleichung, gehören in das Gebiet sozialer Ethik. Ich stelle die Frage: In dem grossen Komplex der sozialethischen Probleme unserer Zeit Iässt sich die Stellung der Juden, die in jedem Staate eine andere ist, doch schwer übergehen? „Gewiss nicht! Doch meine ich, dass diese Frage erst dort erhöhte Bedeutung gewinnt, wo sie zur Klassenfrage, zum Arbeiterproblem wird," — erklärte der Gelehrte. — Aber die Stellung der Juden ist eine so exzeptionelle, dass sie zum wissenschaftlichen Problem werden muss? Professor Adler meint: „Genauere* weiss ich nur über die Stellung der Juden in Amerika. Diese war immer hervorragend, weist aber in den letzten Jahren entschiedene Fortschritte auf. Ich nenne als Beispiel Mr. Oscar Strauss, den Staassekretär des